Stadtpark-Boss wandert hinter Gitter. Schwere Körperverletzung, mehrfacher Raub, keine Reue: Einschlägig vorbestrafter Tullner (16) atmet zwei Jahre gesiebte Luft.

Von Alex Erber. Erstellt am 16. September 2020 (04:29)
Symbolbild
APA

Mehrfacher Raub, schwere Körperverletzung, Diebstahl, Einbruch, Unterschlagung: Die Liste der Delikte, die sechs Jugendlichen vorgeworfen werden, ist lang.

Um zu wissen, wie sie „ticken“, genügt ein Blick auf den Auftakt des Prozesses am Landesgericht St. Pölten. Zwei der sechs Angeklagten fehlen. Die beiden Tschetschenen, 15 und 16 Jahre jung, werden rund zwei Stunden nach Prozessbeginn von Polizisten der Inspektion Tulln vorgeführt. Das Duo war kurz zuvor festgenommen worden, weil man sie in der Nacht in einem gestohlenen Auto ertappt hatte.

Das Revier der Jugendgang war vor einigen Monaten noch das Areal rund um den Tullner Stadtturm, mittlerweile hat sich das Betätigungsfeld erweitert.

Etwa auf die S-Bahn: „Da war es für Unbeteiligte richtig gefährlich, wenn man zwischen Tulln und Wien-Heiligenstadt unterwegs war“, stellt Richter Markus Grünberger fest. Die Masche war immer gleich: „Willst du Drogen?“, „Gib‘ mir dein Handy!“, „Her mit der Geldbörse!“

Wenn die Opfer verneinten oder sich weigerten, ihr Hab und Gut auszufolgen, wurde es für sie brenzlig und endete mit brutalen Faustschlägen und Tritten. Die beiden Haupttäter, ein Tullner, eben erst 16 Jahre geworden, und ein Schüler (15) aus einer kleinen Gemeinde östlich der Bezirkshauptstadt, gingen dabei nicht zimperlich vor.

Ein Bursche trug einen Nasenbeinbruch sowie eine posttraumatische Belastungsstörung davon, weshalb die Angeklagten später auch zu einer Zahlung von über 2.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt werden.

Richter: „Sie sind offenbar Handy-Freak“

Natürlich war die Bande auch in Wien aktiv, etwa vor dem Lokal „Flex“ oder in Lokalen des Einkaufszentrums von Baumeister Richard Lugner. Ein Österreicher mit afrikanischen Wurzeln war auffällig, er hatte es auf Mobiltelefone abgesehen. Der 15-Jährige erbeutete sie meistens mit Gewalt.

Der Richter fragt ihn: „Sie sind offenbar ein Handy-Freak. Warum haben Sie das gemacht?“ „Ich hatte gerade kein Handy.“
Der Richter: „Sie haben oft kein Handy, haben Sie überhaupt schon jemals ein Handy rechtmäßig besessen?“ Schweigen.

Hunger und Durst stillte man in Lokalen des Shopping-Tempels. Ein schneller Griff über die Theke, schon war der gewünschte Eistee in der Hand. Ein schneller Sprung über eine Schwingtür, dann waren auch die Chips vorhanden. „Pech“, dass das Security-Personal noch schneller war.

St. Pölten darf nicht fehlen. Die Gegend rund um das Lokal Warehouse war für die beiden Haupttäter eine Fundgrube. Ihnen unbekannte Jugendliche, die zu Fuß am Heimweg waren, wurden grundlos angepöbelt und niedergeschlagen. In einem Fall war die Beute enorm: 20 Cent befanden sich in der Börse und sechs Jetons für die Getränkerückgabe im Wert von insgesamt drei Euro.

Zwei Angeklagte wiederum hantierten an der Eingangstür vom Café Schubert. „Wir wollten nur hineinschauen“, beteuerten sie vor Gericht. „Pech“, dass gegenüber ein Kriminalbeamter wohnt, der das nächtliche Geschehen beobachtete. Die Kollegen waren flink zur Stelle, nahmen die Möchtegern-Einbrecher fest.

Fünf Verurteilungen und ein Freispruch

Der Stadtpark-Boss wird zu zwei Jahren unbedingter Haft verurteilt (nicht rechtskräftig): „Sie winden sich wie ein Aal und zeigen keine Reue“, stellt der Richter stellvertretend für den Schöffensenat fest. Eine bedingte Haftstrafe im Ausmaß von einem Jahr, erst vor ein paar Monaten verhängt, wird nicht widerrufen, sie hängt nach der Freilassung wie ein Damoklesschwert über dem Österreicher.

Der zweite Haupttäter kommt mit 14 Monaten bedingt billig davon. Er zeigte Reue und gestand die meisten Taten, was im Urteil berücksichtigt wurde.

Der Afrikanisch-Stämmige kassiert 20 Monate, davon ein halbes Jahr unbedingt, die Tschetschenen werden zu 15 beziehungsweise sechs Monaten bedingt verurteilt.

Ein WC-Gang kann auch angenehme Folgen haben: Als es „heiß“ in der S-Bahn wurde, suchte ein Langenrohrer (17) die Toilette auf: Freispruch.