Tullner Ex-Spitalsarzt Bézard: Abgänge am Klinikum sind „kein Zufall“

Ehemaliger Facharzt des UK Tulln über Personalnot und Rahmenbedingungen. Klinik: „Ist persönliche Meinung.“

Erstellt am 10. November 2021 | 05:31
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Personalmangel auf der Unfallchirurgie des UK Tulln. Facharzt sieht die strukturellen Bedingungen als grundlegende Probleme.
Foto: Robert Herbst

„Es wird so dargestellt, als ob wir uns alle von einem Tag auf den anderen der Orthopädie zugewandt haben und in den Privathäusern operieren“, ist Facharzt Georg Bézard verärgert. Nach sechs Jahren als Unfallchirurg und Orthopäde im Universitätsklinikum Tulln kennt der Mediziner die Abteilung gut. Und auch die Gründe für den Personalmangel: „Wenn fast die gesamte unfallchirurgische Mannschaft geht, ist das kein Zufall!“

Von eben diesem hat zuletzt das Krankenhaus gesprochen, die NÖN berichtete:

Die Erklärung des UK für die angespannte Personalsituation: Die Neugestaltung des Ausbildungsfaches Orthopädie und Traumatologie habe Unfallchirurgen die Möglichkeit eröffnet, als Orthopäden in Ordinationen und Privatkrankenhäusern zu arbeiten, außerdem haben sich einige Fachärzte des UK Tulln beruflich im Sinne weiterer Karriereschritte verändert.

„Die Arbeit wird zum Dienst nach Vorschrift“

Das „zufällige Zusammentreffen dieser Faktoren“ will der Unfallchirurg so nicht stehen lassen: Insgesamt hätten sieben Fachärzte innerhalb eines halben Jahres gekündigt – einschließlich Bézard – und keiner habe in die Orthopädie gewechselt.

„Das grundlegende Problem sind die strukturellen Bedingungen. Ich habe sehr gerne auf der Unfallchirurgie im UK Tulln gearbeitet, aber die Rahmenbedingungen passen nicht“, so der Chirurg. Und das habe schon vor der Pandemie begonnen. Nämlich mit Reformen und Kürzungen: „Pflegekräfte, die seit 20 Jahren auf der gleichen Station sind, wissen wie’s geht. So konnte man früher vieles kompensieren.“ Weitere Sparmaßnahmen treten in Kraft.

Kurz vor Corona wird „Pooling“ eingeführt: Pflegekräfte wechseln von nun an zwischen den Abteilungen und springen dort ein, wo Mangel besteht.

Bézard: „Eine Unfallschwester wird auf der Internen eingeteilt oder umgekehrt. Man zwingt die Leute auf eine Station, wo ihnen die Erfahrung fehlt. Die Arbeit wird zum Dienst nach Vorschrift und die Motivationsbereitschaft sinkt.“ Das habe direkte Auswirkungen auf die Qualität. Wenn man als Arzt nicht mehr hinter der Versorgungsqualität stehen kann, müsse man gehen. Das sei ein moralisches Problem.

Nachtdienste mit Personalnot besonders belastend

Das System, das ohnehin schon am Limit operiert, bröckelt weiter. „Mit der Pflege ist es gefallen und von dort auf die Ärzte übergeschwappt“, so der Facharzt. Eine Kettenreaktion beginnt: Unmut, Langzeitkrankenstände, Kündigungen. „Da ist eine Lawine losgetreten. Man hätte extrem dagegenwirken sollen, aber das hat man nicht“, erzählt der Schulterchirurg. Die Situation spitzt sich zu – auch Bézard verlässt das UK Tulln. Verbliebene Ärzte hätten die Ausfälle kompensieren müssen.

Besonders herausfordernd und psychisch belastend waren die Nachtdienste mit Personalnot: Jederzeit könnte ein Schwerverletzter eingeliefert werden – „und es kommt tatsächlich vor, dass Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma eingeliefert werden. Als einziger Facharzt mit einem Turnusarzt im Dienst trage ich die volle Verantwortung.“

Der Mediziner unterstreicht: „Ich mache sehr gerne Unfallchirurgie, das ist meine Leidenschaft. Aber die Rahmenbedingungen haben sich geändert.“ Der Personalmangel führt zu Überbelastung der verbliebenen Mediziner und der Kommunikationsstil sei veraltet. Bézard stellt klar: „Den Abteilungsleiter trifft keine Schuld. Ihm werden die notwendigen Ressourcen nicht zur Verfügung gestellt.“ Das war schon so, als der Unfallchirurg ans UK kam: „In Tulln war ein Facharzt im Dienst, in Korneuburg waren es beispielsweise bis zu drei.“

Durch Umstrukturierungen und einen gewissen „Corona-Opportunismus“ habe sich die Arbeits-Situation verschlimmert – spezifisch in Tulln, aber auch niederösterreichweit mit Spar- und Umstrukturierungs-Maßnahmen. Bézard kritisiert: „So knapp an Wien muss man passende Rahmenbedingungen schaffen, um Ärzte langfristig zu halten. Für Fachärzte gibt es nämlich auch andere Optionen.“

UK: „Keine Kürzungen im Ambulanzbereich Pflege“

Die „persönliche Meinung eines ehemaligen Mitarbeiters“ will man seitens des UK Tullns nicht kommentieren. Nur so viel: „Entgegen den getroffenen Äußerungen sei jedoch nochmals darauf hingewiesen, dass es zu keinen Kürzungen und Sparmaßnahmen gekommen ist, im Ambulanzbereich Pflege sogar Dienstposten geschaffen wurden.“

Und: „Was die Feststellung die Orthopäden betreffend angeht, hat sich die Klinikleitung ganz allgemein darauf bezogen, dass dieses Doppelfach den Ärztinnen und Ärzten erweiterte Möglichkeiten eröffnet, ohne beispielsweise Nachtdienste in Kliniken ableisten zu müssen.“