Vergewaltigungsvorwurf gegen Pensionist. Ein 72-Jähriger soll eine Prostituierte zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben. Er streitet alles ab, sie bleibt bei ihren Aussagen. Der Prozess wurde vertagt.

Von Stefanie Marek. Erstellt am 23. Februar 2021 (16:17)
Symbolbild
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Sich die Sprachnachrichten anzuhören, die eine 37-Jährige an einem Abend im Oktober an ihre Chefin schickt, ist kaum zu ertragen. Man muss kein Spanisch können, um zu verstehen, dass die Frau, die die Nachrichten aufnimmt, große Angst hat. Die deutschen Übersetzungen, die von der Richterin verlesen werden, bestätigen das: Sie bittet darin mehrmals um Hilfe, nachdem der Mann, mit dem sie unterwegs gewesen war, sie gegen ihren Willen in sein Haus gebracht und die Türen abgeschlossen haben soll.

Bis ihre Chefin und deren Mann von Wien zu dem Haus in St. Andrä Wördern (Bezirk Tulln) gefahren sind, vergeht eine halbe Stunde. Die Chefin schlägt eine Scheibe an der Haustür ein, der Angeklagte öffnet die Tür und die Frau läuft heraus. Sie fährt mit zur Polizei und erstattet Anzeige wegen Vergewaltigung.

Dass sie nach dem Vorfall im Oktober frische Verletzungen hat, die auf eine Vergewaltigung schließen lassen, bestätigt das Ergebnis einer medizinischen Untersuchung. Der 72-jährige Angeklagte beharrt vor Gericht darauf, dass alles einvernehmlich gewesen sei. Die Frau, eine Prostituierte, kannte er zu dem Zeitpunkt seit einigen Wochen, er hatte sie beinahe täglich in der Wiener Bar, in der sie arbeitete, besucht. Er sei auch oft mit ihr einkaufen gefahren und habe ihr teure Geschenke gemacht.

Gegenleistung für Geschenke erwartet

Es sei klar gewesen, dass sie an jenem Tag bei ihm einvernehmlich Sex haben würden, denn er habe ihr ja zuvor teure Schuhe gekauft, so der Angeklagte, auch wenn das niemand ausgesprochen hatte. Dass ein Geschenk per Definition nicht an eine Gegenleistung geknüpft ist, scheint ihm wohl nicht geläufig zu sein, merkt der Staatsanwalt an. „Sie hat nicht geschätzt, was ich ihr gegeben habe. Ich habe keine Leistungen dafür bekommen“, sagt der Angeklagte, der sogar vorhatte, sie deswegen anzuzeigen.

„Wie kommen sie darauf, dass sie Ihnen dafür Sex schuldet?“, fragt die Richterin. Ob das so ausgemacht war, will sie wissen. Nein das war es nicht, „aber als Prostituierte wird sie ja wohl wissen, was ich dafür wollte und sie hätte ja Nein sagen können“, sagt der Angeklagte dazu. Da sie kein Deutsch spricht, verständigte er sich mit der Frau über den Google-Übersetzer. Er gibt zu, ihr an jenem Tag „nicht direkt“ gesagt zu haben, dass sie zu seinem Haus fahren, „das hätte sie ja eh gesehen“. Auch, dass sie während der Vergewaltigung gesagt habe, er solle aufhören, will er nicht gehört haben. Die Chefin der Frau sagt vor Gericht, er wollte immer wieder, dass die Betroffene mit ihm nachhause kommt, diese hätte das aber nie gewollt. 

Die Frau, die von den Ereignissen traumatisiert ist, wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt. Sie bleibt bei den Aussagen, die sie vor der Polizei gemacht hat und fordert 15.000 Euro Schmerzengeld. Ein Urteil gibt es an diesem Tag nicht. Die Richterin vertagt die Verhandlung, weil ein Gutachten eingeholt werden muss, das klären soll, ob ein fortdauerndes Trauma bei der Frau besteht und schwere Körperverletzung damit auch zu einem Anklagepunkt wird.