Eine Stufe im Leben. Die elfjährige Laetitia Schönbäck konnte die Jury überzeugen und gewann einen der drei Hauptpreise.

Von Victoria Heindl. Erstellt am 25. Juni 2014 (14:38)
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KLOSTERNEUBURG / Mit ihrer Metapher für das Leben überzeugte Laetitia Schönbäck nicht nur die Jury von ihrem Talent.

Eine Stufe im Leben

Als kleines Mädchen, ungefähr zwei Jahre alt, war ich, wie alle Kinder in diesem Alter, sehr neugierig und wollte alles können so wie die Erwachsenen. Wenn meine Mutter mit mir Hand in Hand Stufen hinaufging, wollte ich immer schneller sein als sie und ihr zeigen, wie gut ich das schon kann. Eines Tages stand ich dann zum ersten Mal alleine vor der ersten Treppenstufe in unserem Haus, die nach oben in eine noch unentdeckte Welt führte. Die Stufe reichte mir fast bis zur Hüfte, also ein kleiner Mount Everest, den es zu erklimmen galt. So verlockend, dass ich nicht widerstehen konnte. Unruhig trat ich von einem Bein auf das andere. Dann beugte ich mich fest entschlossen nach vor und legte mich mit dem Bauch auf die Stufe, um mich dann mit meinen kleinen Händen mit aller Kraft hochzuziehen und meine Beinchen auf die erste Stufe zu setzen. Geschafft! Ein freudiges Quietschen sollte der ganzen Welt davon erzählen. Siegessicher, mit einem breiten Lächeln auf den Lippen, blickte ich nach oben, zu den vielen noch folgenden Stufen und stellte mich der nächsten Herausforderung mit wachsendem Selbstvertrauen. Ich fühlte mich großartig. Wenn ich auf einer Stufe hinfiel oder ausrutschte, stand ich schnell wieder auf und lachte — der Weg war das Ziel. Stufen waren einfach toll und hatten etwas mit dem Großwerden zu tun.

Wenn ich heute Stufen gehe, hüpfe oder springe ich meist mit jugendlicher Leichtigkeit. Manchmal nehme ich sogar zwei Stufen auf einmal, um schneller anzukommen. Zu Weihnachten, zum Beispiel, poltere ich die Stufen immer blitzschnell hinunter, weil ich so gespannt bin auf unseren Christbaum. Sorgenvoll macht mich Mama dann darauf aufmerksam, dass es gefährlich ist, so schnell treppab zu laufen. (...) Ich halte mich nie am Handlauf fest, weil Stufen nicht wirklich eine Schwierigkeit oder ein Hindernis für mich darstellen. (...)

Erwachsene sehen Stufen in einem anderen Licht. Das Handy ans Ohr geklemmt, immer im Stress und mit tausend Dingen beschäftigt, stellen Stufen für sie eine Hürde dar, die das direkte Erreichen des Zieles am schnellsten Weg behindern. Deshalb nehmen sie diese oft auch gar nicht richtig wahr oder versuchen sie zu vermeiden. Der Aufzug ist dann ein willkommenes Beförderungsmittel. Sie sehen Stufensteigen nicht als sportliche Herausforderung, die dem Körper gut tut. Erst wenn sie merken, dass es mit den Stufen beschwerlicher wird, versuchen sie diese wieder öfter in Angriff zu nehmen, weil sie Angst haben, dass sie sonst ganz einrosten.

Im Alter sind Stufen manchmal ein fast unüberwindliches Hindernis für betagte Herren oder Damen, wie ich bei meinem Opa beobachten kann. Wenn er eine Stufe sieht, würde er ihr am liebsten ausweichen oder über sie hinwegschweben. An seinem Blick kann ich erkennen, dass er Angst hat, diese aber versucht wegzustecken. Als erstes hebt er unsicher einen Fuß und macht einen kleinen Schritt auf die erste Stufe. Oft kann er die Schrittlänge nicht richtig einschätzen, sein Schritt ist zu kurz, und er erwischt die Kante der Stufe. Dann greift er schnell nach dem Zaun, der die Stufen neben unserem Haus begrenzt, und stützt sich ab. Seine Hand zittert dabei. Wackelig zieht er den zweiten Fuß hoch und stellt ihn neben dem anderen auf der ersten Stufe ab. Laut stößt er seinen Atem aus und versucht sein Gleichgewicht wiederzufinden. Dann geht er weiter. Seine Augen wirken, durch die große Brille, sehr konzentriert und starren, ohne zu blinzeln, auf die Stufen. Hilfe, die ihm angeboten wird, nimmt er nicht gerne an. Bei Erreichen der letzten Stufe kann man ihm deutlich ansehen, wie erleichtert er ist. Diese bringt er dann rasch hinter sich. Heilfroh diese Hürde überwunden zu haben, hält er kurz inne, um Atem zu holen und sich für eine Minute auszuruhen. Auf die Frage, ob alles in Ordnung sei, antwortet er mit einem leicht keuchendem „Ja“. Stufen bedeuten für meinen Opa ein großes Risiko. Ein Sturz mit einer Verletzung kann für ihn mit einem langen Spitalsaufenthalt enden. Stufen stellen für ältere Menschen aber nur eine von vielen Herausforderungen im täglichen Leben dar, die sie mit großer Anstrengung und Mut bewältigen müssen.

Und so schließt sich der Kreis im Leben wieder. Was als Kleinkind mit einer verführerischen und großartigen Herausforderung beginnt, die man mit einer gewissen Portion Anstrengung, aber Mut und Freude nimmt, endet, nach Jahren der Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Ignoranz als fast unüberwindbares, gefährliches Hindernis - eine Herausforderung, die schwerfällt und die man nicht nehmen will und doch muss - eine Stufe im Leben.