Alles wurde anders im Bezirk Waidhofen

Ein Blick in den Bezirk vor 100 Jahren und was aus ihm entstanden ist.

Erstellt am 05. Januar 2022 | 05:53
Lesezeit: 4 Min
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Mit einem festlichen Umzug wurde in Groß Siegharts 1928 die Erhebung zur Stadt gefeiert.
Foto: zvg. Hans Widlroither

100 Jahre sind eine lange Zeit. Wo vor einem Jahrhundert noch Pferdekutschen unterwegs waren und es keinen Strom oder fließendes Wasser gab, fahren heute Fahrzeuge mit hunderten Pferdestärken und das Wasser kommt auf Knopfdruck direkt ins Badezimmer. In keinem anderen Jahrhundert machte die Menschheit einen so großen Sprung wie in dem vergangenen.

Dabei war die Ausgangslage im damals frisch gegründeten Staate Österreich keine leichte. „Die Monarchie war zerfallen und Österreich ein Verlierer des Ersten Weltkrieges“, erklärt der Waidhofner Historiker Erwin Pöppl. „Die Sorgen der Menschen lagen bei der Versorgung mit Energie und Nahrung. Die Betriebe in Waidhofen arbeiteten mit importierter Kohle aus Polen, um über die Winter zu kommen.“

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Noch dazu begann um 1920 eine starke Inflation der damaligen Währung, der Krone. „In Waidhofen wurde ein Notgeld eingeführt, welches zum Beispiel von den Bäckern angenommen wurde. Im Zuge dessen war auch Falschgeld verbreitet. Der Krone wurde nicht mehr vertraut“, erzählt Pöppl.

Gleichzeitig kam es in den 1920er Jahren aber auch zu einer Aufbruchsstimmung mit zahlreichen Fortschritten. Vor ziemlich genau 100 Jahren begannen die ersten Schritte zur Elektrifizierung der Region. Ein Leben ohne Strom ist heute unvorstellbar, sind wir doch mittlerweile in fast allen Bereichen von elektrischer Energie abhängig. Die ersten E-Werke wurden in den 1920er Jahren in Kollmitzgraben und der Haidmühle errichtet.

„Nach einem krachenden Konkurs des Bauträgers übernahmen Waidhofen und Groß Siegharts die Bauführung. Erst nach und nach wurde der Strom in die Haushalte eingeleitet. Meist waren es die Gemeinden, die sich um Leitungen und Trafos kümmern mussten“, erklärt Historiker Friedrich Kadernoschka aus Ludweis.

Aus kleinen Marktorten

wurden große Städte

Es war in dieser Zeit, dass mehrere Marktorte zu Städten erhoben wurden, die sie heute sind. „Angeblich wollte man dadurch auch das Selbstbewusstsein des neu gegründeten Bundeslandes stärken“, meint der Raabser Stadtarchivar Erich Kerschbaumer. Raabs wurde 1926 mit einer großen Feier samt Umzug zur Stadt erhoben.

Auch Groß Siegharts folgte 1928 nach einer Volksbefragung. „Wilhelm Zenker, der Großvater des derzeitigen Bürgermeister Ulrich Achleitner und die Gemeindevertreter brachten das Ansuchen daraufhin bei den zuständigen Landesgremien ein. Die Erhebung zur Stadt wurde mit einem historischen Festzug mit 250 Mitwirkenden gefeiert“, erzählt der Groß Sieghartser Historiker Hans Widlroither.

Damals wie heute sehr vorherrschend in der Region: die Landwirtschaft. Nur die Methoden haben sich geändert. Vor 100 Jahren musste alles noch händisch erledigt werden. „Das Mähen der Wiesen und Felder, das Dreschen des Getreides, et cetera waren schweißtreibende Arbeiten. Obwohl die Strukturen klein waren, konnten die Bauern aber davon leben“, erklärt Friedrich Kadernoschka. Heute gehören große Maschinen und große Flächen zur Tagesordnung.

Zur Kategorie „Dinge, die es heute nicht mehr im Waldviertel gibt“ zählen die Viehmärkte. „Der Markt in Raabs war neben Allentsteig der größte Viehmarkt des nördlichen Waldviertels“, erklärt Erich Kerschbaumer. Aus allen Ecken der Region kamen damals Bauern und Viehbesitzer zum Handel zusammen. Auch Ludweis war für seine Märkte bekannt. Hier gab es am Tag nach dem Viehmarkt auch einen „Kramermarkt“. „Dort gab es laut meinem Vater alles, was sonst nicht erhältlich war, vom Grünzeug über Textilien und Werkzeuge bis zur Wahrsagerin“, schildert Friedrich Kadernoschka.

Die Zeiten der Kleingewerbe sind heute vorbei. In Ludweis waren 1938 noch 29 Gewerbebetriebe, von Schneidern, Bäckern, Viehhändlern, Wagnern bis hin zu Greißlern aktiv. Heute sind diese Kleingewerbe zu großen Teilen verschwunden. Für die Greißler kam das Ende mit dem Aufkommen der Supermärkte in den 1960ern.

Wahnsinnig viel tat sich in den letzten 100 Jahren auch im Bereich der Mobilität. „Vor 100 Jahren war ein Fahrrad noch Luxus. Erst in den späten 1950er und 1960er Jahren konnten sich Leute Autos leisten“, schildert Kadernoschka. Zuvor war der Arbeitsplatz oftmals auch gleichzeitig der Wohnort. „Wagnerlehrlinge und Gesellen meines Vaters wohnten von Montag bis Samstag bei uns“, erinnert sich Kadernoschka.

Das Zentrum des „Bandlkramerlandls“

Eines der größten Markenzeichen der Region war vor 100 Jahren auch noch die Textilindustrie. Sie überlebte den Sprung ins 21. Jahrhundert, jedoch stark angeschlagen. Einige alte Fabrikgebäude erinnern noch an die großen Stunden der Waldviertler Textilbetriebe. Im „Bandlkramerlandl“ war Groß Siegharts das Zentrum. Aufgrund der starken Textilindustrie war die Stadt im 19. Jahrhundert eine Zeit lang sogar die größte Stadt im heutigen Bezirksgebiet, ehe ihr Waidhofen Anfang des 20. Jahrhunderts den Rang ablief.

Auch eine Fachschule für Textilindustrie siedelte sich in Groß Siegharts an. Der Boom um die Stoffproduktion hielt noch bis in die 1960er Jahre an. Friedrich Kadernoschka erinnert sich: „Immer wenn Schichtwechsel in der Adensamer Fabrik war, wurlte es in den Straßen.“

Ende der Industrie, Anfang des Arbeitsmangels

Bereits in den 1960er Jahren setzte jedoch die stete Automatisierung der Arbeitsvorgänge und die Abwanderung der Textilindustrie in Billiglohnländer ein. „Ein Großteil der Arbeitsplätze ging verloren. Als ich 1974 aus der Schule kam, wusste man, dass es in der Textilindustrie keine Arbeitsplätze mehr gibt“, schildert Kadernoschka.

Das Ende des „goldenen Zeitalter“ brachte traurigerweise einen weiteren Schub bei der Abwanderung in der Grenzregion. Diese setzte schon gegen Ende des 20. Jahrhunderts ein und hält bis heute an. Laut Statistik Austria lebten 1923 noch mehr als 37.700 Menschen im Bezirk. Bei der Zählung 2020 waren es nur mehr knapp 25.700.

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