Entdeckung neuer Klangwelten in Fratres. Kulturbrücke brachte Film von Kurt Brazda, Toy-Piano-Konzert mit Isabel Ettenauer und Welturaufführung von Karlheinz Essl.

Von Monika Freisel. Erstellt am 30. Juli 2021 (05:48)

Neue Musik, von manchen als zu radikal empfunden und abgelehnt, von anderen als unlimitierte Erweiterung der musikalischen Möglichkeiten durch neue Klänge und Formen akklamiert, war Thema der erfreulich gut besuchten Kulturbrücke-Veranstaltung am Samstagnachmittag in Film, Podiumsgespräch und Konzert.

„Evolution auf b“, der ebenso poetische wie informative Film des Regisseurs Kurt Brazda, zeigt in einem vielschichtigen Porträt das Leben und Wirken des Komponisten und Lehrers Karl Schiske (1916-1969). Die Schüler der „Klasse Schiske“ an der Musikakademie, unter ihnen Kurt Schwertsik, Erich Urbanner, Friedrich Cerha, Iván Eröd und Gösta Neuwirth, bildeten die Keimzelle der Neuen Musik nach 1945 – der Avantgarde – in Österreich. Schiske war Ideengeber und Ermutiger für viele Komponisten.

Nicht nur Zeitgenossen Karl Schiskes, auch Vertreter der jüngeren Generation sprechen im Film über sein Werk und seine nachhaltige Bedeutung. Mit dem Thema Neue Musik beschäftigten sich in der anschließenden Podiumsdiskussion auch Renate Burtscher, Präsentatorin zahlreicher Ö1-Sendungen und Tages-Moderatorin in Fratres, Kurt Brazda, Regisseur und Organisator der Kulturbrücke-Veranstaltung, sowie die Komponisten Alexander Kukelka, Erich Urbanner, Julia Purgina und Karlheinz Essl.

Entrüstete Gegenargumente gab es für die Behauptung des 86-jährigen emeritierten Universitätsprofessors Erich Urbanner, der die Fähigkeit der Frauen, große Opernwerke zu schaffen, in Frage stellte. Julia Purgina und Renate Burtscher konnten dies nicht hinnehmen und widersprachen – unter Beifall des Publikums – vehement.

Programm speziell für Kulturbrücke komponiert. Komponist Karlheinz Essl hatte unter dem Titel „whatever shall be“ ein außergewöhnliches Musikprogramm speziell für die Kulturbrücke Fratres konzipiert, das in dieser Form noch nie zu hören war. Die Pianistin Isabel Ettenauer spielte auf verschieden großen Toy Pianos, also Spielzeugklavieren, Werke von Essl, die er für sie komponiert hatte. In „Kalimba“, dem ersten Stück, das der Komponist für das Toy Piano schrieb, wird der sanfte Klang des gleichnamigen afrikanischen Instruments nachgezeichnet.

„Pachinko“ ist eine Komposition für ein winziges Michelsonne-Spielzeugklavier mit nur 13 Tasten und bezieht sich auf das in Japan verbreitete Spiel Pachino, bei dem kleine Metallbälle ein Meer von Geräuschen erzeugen. Das „WebernSpielWerk“ komponierte Essl zum Gedenken an den Komponisten Anton Webern, die Musik projiziert den Klang des Carillons auf das Spielzeugklavier, durchläuft eine Transformation vom Toy-Piano zu mächtigen Glockentönen.

Bevor Isabel Ettenauer zu „Pandora’s Secret“ übergehen konnte, musste sie noch die als Geschenk getarnte Büchse der Pandora öffnen. Sie fand darin eine lochkartengesteuerte Spieluhr, deren weiche Klänge sie mit Live-Electronics verstärkte, verfremdete, variierte.

„Sequitur V“ ist ein Stück für Toy Piano und Live-Electronics, beide von Isabel Ettenauer alleine gespielt und bedient. In der Komposition „whatever shall be“ meinte man Meereswellen, eine Dampflokomitive, ein Glockenspiel zu hören, der Song Que Sera, Sera (whatever will be, will be) aus dem Hitchcock-Film „Der Mann, der zuviel wusste“ wurde schemenhaft angedeutet. Isabel Ettenauer spielte dieses Stück nicht über die Tasten des Toy Pianos, sondern direkt an den Metallstäben im Inneren des In struments.

Zur Freude des Publikums hatte die Kulturbrücke das Privileg einer Uraufführung: Die Komposition „Trois Cent Drones“ von Karlheinz Essl für Toy Piano und Live Electronics wurde hier erstmals gespielt. Es besteht aus 300 Tönen, die wie die namensgebenden Drohnen mitunter bedrohlich über den Zuhörern kreisen, dann wieder gezähmt an deren Ohren vorbeischwirren, sich niederlassen. Ein äquivalenter Abschluss des anspruchsvollen Tagesprogramms!

Die Veranstaltung trug dazu bei, Vorurteile über Neue Musik zu entkräften.