Große Nachfrage: Grippeimpfstoff ist knapp. „Das, was ich in den Vorjahren wegwerfen musste, könnte ich jetzt ganz gut gebrauchen“, berichtet Apothekerin Brigitte Kranyak. Kaum Chancen auf Nachlieferung.

Von Sebastian Dangl. Erstellt am 23. September 2020 (05:26)
Letztes Jahr musste Brigitte Kranyak von der Waidhofner Apotheke zum schwarzen Adler noch Impfdosen wegen zu geringer Nachfrage wegwerfen. Heuer braucht sie auf einmal die doppelte Menge.
S. Dangl

Schon im Mai warnte die Ärztekammer vor der nächsten Grippewelle und riet möglichst vielen Österreichern, sich impfen zu lassen. Zum einen natürlich aus gesundheitlicher Sicht, aber auch um mittels Herdenimmunität mehr Ressourcen für Coronapatienten verfügbar machen zu können. Auch von Seiten der Regierung wurde oftmals die Wichtigkeit der Impfung betont.

Jetzt wird die Sache langsam ernst. Die Ärzte und Apotheker spüren bereits einen deutlichen Anstieg der Impfbereitschaft in der Bevölkerung. Doch sind überhaupt genug Impfstoffe verfügbar, um dem sprunghaften Anstieg gerecht zu werden?

In „normalen“ Jahren wurde noch weggeworfen

„Die Grippeimpfungsrate war in Österreich nie besonders hoch, doch auf einmal brauchen wir die doppelte Menge der vergangenen Jahre“, beklagt Brigitte Kranyak von der Apothe zum schwarzen Adler in Waidhofen. Die Nachfrage habe sich heuer stark erhöht, weshalb die Apotheke am Stadtplatz bereits jetzt nicht mehr nachkommt.

In normalen Jahren mussten laut der Apothekenchefin noch Impfdosen weggeworfen werden, weil so geringes Interesse bestand. Das Problem bestand anscheinend nicht nur bei den Apotheken. Auch der Großhandel musste bisher jährlich Überschüsse entsorgen. Verständlicherweise wird deshalb nur so viel produziert, wie auch letztlich verwendet wird.

„Die Herstellung dauert lange. Zum Produktionsbeginn im letzten Winter konnte noch keiner wissen, wie viel wirklich benötigt werden würde“, erklärt Kranyak. Jetzt fallen die Bestellungen größer aus, doch die Apothekerin rechnet nicht damit, dass sie das volle Kontigent bekommen wird. „Das, was ich in den vergangenen Jahren wegwerfen musste, könnte ich jetzt ganz gut gebrauchen.“

Die Wartelisten werden länger

Auch Erwin Pusch von der Hubertus-Apotheke in Waidhofen spürt das erhöhte Interesse. „Ich habe bereits im Mai die Impfstoffe bestellt, werde aber voraussichtlich nur die Hälfte davon bekommen.“ Anfragen gäbe es bereits etliche, doch die Situation bleibt chaotisch. „Ich kann die Kunden nur auf die Liste schreiben, falls doch noch etwas nachkommen sollte“, erklärt Pusch. Einer Meldung zufolge soll im Dezember Nachschub kommen, doch der Apotheker zweifelt noch daran.

Kein Vergleich zum Vorjahr

In Groß Siegharts sieht die Lage leicht besser, doch ebenso unklar aus. „Angeblich bekommen wir die Impfstoffe, doch das ist alles noch in Schwebe“, berichtet Heidrun Holik von der Dreifaltigkeitsapotheke. „Wir haben bereits jetzt um die 100 Bestellungen, und es ist noch lange nicht zu Ende. Um diese Zeit hatte im Vorjahr kaum jemand den Impfstoff reserviert.“

Steigendes Interesse an sich positiv

Auch die Groß Sieghartser Ärztin Angelika Pallisch bemerkt einen Anstieg der Anfragen, wenn auch in ihrem Fall nur moderat. Sie sieht die Entwicklung an sich positiv: „Die bisherige Impfungsrate von etwa 10 Prozent war deutlich zu niedrig. Die Influenza ist keine harmlose Verkühlung, sondern eine Infektionskrankheit, die ernst genommen werden muss.“

Ihrer Meinung nach sollte sich wirklich jeder impfen lassen, was sich jedoch realistischerweise als schwierig herausstellt. „Für ganz Österreich wurden 1,5 Millionen Impfdosen bestellt. Das ist relativ wenig für 8 Millionen Menschen“, argumentiert Pallisch. Zudem sei die Verteilung ein Problem, denn ein großer Teil wurde bereits für die Gratisimpfaktionen in Wien reserviert. „Für die kleineren Gemeinden am Land wird es heuer schwierig werden“, betont Pallisch.

Die Kombination ist tödlich

Der in Raabs ansässige Arzt Kiril Kirilov sieht die Lage ebenfalls problematisch. „Das Interesse ist groß, doch man bekommt keinen Impfstoff, und das ist traurig.“ Gerade jetzt in Verbindung mit Corona hätte die Impfung enorm an Bedeutung gewonnen. „Die Kombination aus Grippe und Covid ist tödlich. Das möchte niemand haben“, schildert Kirilov. Die Regierung müsste seiner Meinung nach mehr eingreifen und regulieren. Schon im April betonte Kirilov im Gespräch mit der NÖN, dass sich möglichst jeder für den Winter impfen lassen sollte, damit auf den Intensivstationen nicht so viele Plätze belegt werden müssen.

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