Singvogel-Bestände nehmen ab. Rückgang von Wildkräutern, geringer Bruterfolg, Infektionen und geändertes Zugverhalten als mögliche Faktoren.

Von René Denk. Erstellt am 01. Februar 2017 (04:22)
Birdlife/Hannah Assil
Der Feldsperling ist laut Birdlife der häufigst gezählte Vogel in den Waldviertler Gärten.  

Deutlich weniger Singvögel nehmen die Menschen der Region heuer und in den letzten Jahren wahr.

Richard Katzinger, privat
Vogelkundler Richard Katzinger betont im Gespräch mit der NÖN, dass die Bestandszahlen der Kohlmeisen klar niedriger sein dürften.

Der Hobby-Vogelkundler Richard Katzinger spricht von komplexen Zusammenhängen: „Die bisherigen Ergebnisse der Wintervogelzählung von Birdlife legen nahe, dass besonders der Bestand an Kohlmeisen deutlich niedriger ist als normal. Ähnlich wie im restlichen Mitteleuropa nehmen die Bestände vieler Singvogelarten auch im Bezirk Waidhofen leicht ab.“

Rückgang von Wildkräutern möglicher Grund

Der gebürtige Sparbacher betont aber gegenüber der NÖN, dass es viele Gründe geben könnte, warum es bei uns weniger Singvögel gibt. Einerseits könnten gute Nahrungsbedingungen dazu führen, dass die Vögel nicht so sehr auf die Fütterungen angewiesen seien, andererseits schwanken die Bestände je nachdem, ob größere Massen an „nordischen Wintergästen“ überhaupt nach Mitteleuropa vordringen. Es könnte auch mit einer geringen Bruterfolgsrate zusammenhängen oder die Vögel könnten einfach weiter Richtung Süden gezogen sein als bisher.

Birdlife/Hannah Assil
Bis zu 50 Goldammern (wie diese im Bild) kamen zu den Fütterungen der Hühner auf den Bauernhof, erzählt Gerhard Bräuer aus seiner Kindheit.

Warum die Singvogelbestände in Mitteleuropa leicht abnehmen? „Der Hänfling leidet zum Beispiel unter dem Rückgang von Wildkräutern in der Agrarlandschaft und viele Grünlinge sterben an einer Trichomonaden-Infektion. Sperlinge hingegen finden an neuen und renovierten Häusern oft keine Nistmöglichkeiten mehr. Der Verlust von Feldrainen, Brachen, Hecken, Feuchtflächen und anderen Habitatstrukturen durch ‚Kultivierung‘ der Landschaft ist sicherlich das größte Problem unserer heimischen Tierwelt. Die Behauptung, natürliche Beutegreifer seien die Wurzel allen Übels, greift da etwas zu kurz“, meint Katzinger zur NÖN. Der Bezirk Waidhofen unterscheide sich bei der Singvogelpopulation nicht besonders von den umliegenden Bezirken.

Als Besonderheiten unter den Brutvögeln sind aber zum Beispiel der Raubwürger und der Wiesenpieper zu nennen. Auch bei den Wintergästen tauchen immer wieder Seltenheiten auf. So konnte heuer im Bezirk Waidhofen die erste Fichtenammer Niederösterreichs entdeckt werden.

Vogelarten kommen und gehen wieder

Die Natur sei stets im Wandel, dadurch „kommen und gehen“ Vogelarten natürlich auch. Der Bezirk wurde in den letzten Jahren zum Beispiel von Seeadlern und Kolkraben wiederbesiedelt. „Völlig neu angesiedelt haben sich die Kanadagans und Nilgans, die beide ihre ersten Bruten in Niederösterreich in unserem Bezirk getätigt haben“, freut sich Katzinger.

Gerhard Bräuer aus Kautzen beschäftigt sich schon lange mit der Vogelwelt. „Heuer gibt es sehr viel weniger Singvögel in der Kautzener Region, auch in den letzten Jahren waren es weniger“, stellt er fest. Es gäbe zudem sehr viele Elstern, die die Singvögel verscheuchen würden. Vor sieben, acht Jahren begab er sich auf eine Vogelzählung nach Engelbrechts, wo er auf der Erkundungstour noch 68 verschiedene Singvogelarten sichten konnte.

Neben den Wetterbedingungen könnten seiner Meinung nach auch die Vogelfänger in südlichen Ländern Ausschlag dafür geben, dass die Populationen abnehmen. Diese verkaufen die Vögel, entweder als Haustiere oder zum Verzehr. Fällen von Vogelgrippe, wie jüngst im Bezirk Gmünd, misst Bräuer keine besondere Bedeutung zu: „Bei großen Vogelansammlungen gibt es die Gefahr der Vogelgrippe immer. Im Prinzip stellt das aber keine Gefahr dar.“

Das Frühjahr fängt für den Vogelkundigen dann an, wenn er zum ersten Mal den markanten Gesang der Klappergrasmücke hört. Er erinnert sich auch an Zeiten aus seiner Kindheit am Bauernhof in Kleingöpfritz: „Als wir die Hühner fütterten, waren bis zu 50 Goldammern dabei und haben mitgefressen. Heute gibt es viel weniger Bauernhöfe und weniger Hühner“, sagt Bräuer. Da läge es auf der Hand, dass es auch weniger Vögel gibt.

Sperlinge haben heuer die Spitzenposition

Birdlife präsentiert die Ergebnisse der Wintervogelzählung 2017 (Zahlen für das Waldviertel siehe Infobox), die von 6. bis 8. Jänner durchgeführt wurde. Dabei attestiert die Vogelschutzorganisation, dass es österreichweit „weniger Betrieb am Futterhäuschen“ gibt. „Es besteht kein Grund zur Besorgnis,“ erklärt Gábor Wichmann, stellvertretender Geschäftsführer von BirdLife Österreich. „Dieser Rückgang an gezählten Vögeln ist vor allem auf die Höhlenbrüter - dazu gehören unter anderem Kohlmeise, Blaumeise und Kleiber – zurückzuführen. Sie wurden weniger häufig in den Gärten beobachtet und wenn, dann in kleineren Trupps.“

Ein Zusammenspiel an komplexen Faktoren dürfte dafür verantwortlich sein. „Das vergangene Frühjahr war nass und kalt, mit Schneefällen bis weit in den April hinein. Das führte zu einem schlechten Bruterfolg der Höhlenbrüter, der lokal sogar zu völligen Ausfällen der Kohl- und Blaumeisen Brut führte. Zudem fehlt den Höhlenbrütern zunehmend der Lebensraum, weil alte Baumbestände aus dem Siedlungsraum verschwinden.

Des Weiteren dürfte die Kohlmeise diesen Winter seltener nach Österreich eingeflogen sein. Ursache dafür ist die milde Witterung in den Herkunftsgebieten des beliebten Singvogels, wo die reiche Baumsamenmast die Vögel auch jetzt im Winter noch ausreichend mit Nahrung versorgt.“ Weiters weist Birdlife einen stabilen Bestand der Sperlinge und eine Erholung des Amselbestandes aus, Buschbrüter, wie Rotkehlchen, Zaunkönig oder Amsel würden sich gut halten.

Umfrage beendet

  • Ist dir aufgefallen, dass es weniger Singvögel gibt?