Arbeiter wegen Attest gekündigt. Nach dem Ausbruch von Covid liefen in allen Arbeiterkammer-Bezirksstellen die Telefone heiß. Es herrschten Unsicherheit und Unstimmigkeiten, und es gab mehr Fälle vor Gericht.

Von Sebastian Dangl. Erstellt am 04. August 2020 (15:33)
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„Der Arbeitsmarkt hat sich im März schlagartig verändert, wodurch auch wir bei der Arbeiterkammer stark betroffen wurden“, schildert Niederösterreich-Vizepräsident Michael Fiala. Von früh bis spät klingelten in allen Bezirksstellen die Apparate. Insgesamt wurden im ersten Halbjahr in ganz Niederösterreich 86.000 Telefonate geführt. Hinzu kamen fast 20.000 persönliche und 10.000 schriftliche Anfragen, laut Fiala eine enorme Herausforderung. „Wir hatten ein Plus von 50 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019.“ Auch die Fälle vor dem Sozialgericht hätten sich laut Fiala erhöht: „Es herrschen viele Unstimmigkeiten mit den Dienstgebern.“

Risikopatient wegen ärztlichen Attests gekündigt

Im Bezirk Waidhofen wurde ein Arbeiter vom Arzt strittigerweise als „Risikopatient“ freigestellt. Als er seiner Chefin das Attest zeigte, wollte ihm diese zwei Wochen Urlaub abziehen, da sie das Attest von sich aus als ungültig erklärte. Als sich der Arbeiter anschließend an die Arbeiterkammer wandte, stellte sich heraus, dass er bereits seit 2014 Anspruch auf sechs statt bisher fünf Urlaubswochen hat. „Wir haben es der Dienstgeberin mitgeteilt, die dann zur Wirtschaftskammer ging, um dort genau dasselbe zu erfahren“, erzählt Bezirksstellenleiter Christian Hemerka. Letzten Endes wurde der Arbeiter gekündigt, bekam aber die fehlenden Urlaubswochen sowie die volle Abfertigung für 25 Dienstjahre ausbezahlt. „Er wollte laut eigenen Aussagen eh weg und bekämpfte die Kündigung nicht“, bemerkt Hemerka.

Die Zahlen für die Bezirksstelle Waidhofen sind mehr als sehenswert. Insgesamt wurden im ersten Halbjahr mehr als 730.000 Euro für die Arbeitnehmer der Region erstritten. Fast 4.000 Menschen wandten sich in arbeits- und sozialrechtlichen Fragen an die Bezirksstelle, ein Plus von 160 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019. „Das zeigt uns, wie wichtig wir als regionale Anlaufstelle in allen Lebenslagen sind“, meint Christian Hemerka.

AK-Niederösterreich Vizepräsident Michael Fiala verkündete gemeinsam mit Pollmann-Betriebsrätin Michaela Schön und Bezirksstellenleiter Christian Hemerka die Bilanz für das erste Halbjahr.
Sebastian Dangl

Beratung fast rund um die Uhr

Um mit dem enormen Andrang zurechtzukommen wurden die Telefone größtenteils bis 19 Uhr besetzt und auch an den Wochenenden blieb die Hotline erreichbar. Für den Zwettler Bezirksstellenleiter Jürgen Binder war die ausgeweitete Erreichbarkeit selbstverständlich: „Viele Menschen haben samstags angerufen und sich sofort entschuldigt. Wir haben dann gesagt, dass das in diesen Krisenzeiten überhaupt kein Problem sei.“ Im Mittelpunkt standen dabei Fragen zu Themen wie Kurzarbeit, Urlaubsverbrauch, Home-Office Freistellungen und Risikogruppen. Auch die Frage, wie sich Arbeitnehmer vor einer Ansteckung schützen und was der Arbeitgeber dazu beiträgt, war für die Beschäftigten wichtig. Nicht nur Arbeitnehmer waren unter den Anrufern, auch Dienstgeber informierten sich bei der AK. Der enorme Andrang brachte die Anlaufstellen ordentlich zum Schwitzen. „Wir sind an unsere Grenzen gestoßen,“ berichtet Binder.

Ständige Änderungen Problem

Gerade zu Beginn der Corona-Krise herrschten laut Fiala große Unklarheiten in den Massenmedien. „Die Situation hat sich laufend geändert, was sowohl bei Arbeitnehmern als auch –gebern viele Fragen aufgeworfen hat.“ Die Beantwortung eben jener Fragen erwies sich als schwierig. So seien Fragestellungen nicht beantwortet worden, weil die gesetzlichen Grundlagen entweder fehlten oder ständig wechselten. „Antworten, die wir um 10 Uhr gegeben haben, waren möglicherweise nach einer Pressekonferenz um 14 Uhr wieder hinfällig“, berichtet der Gmünder Bezirksstellenleiter Michael Preissl. Auch Jürgen Binder fand die Situation extrem: „So viel Verunsicherung inklusive panischer Reaktion vieler Betriebe habe ich noch nie erlebt.“

Keine Pause nach Lockerungen

Nach dem Ende des Lockdowns ist es bei der Arbeiterkammer laut Michael Fiala nicht zwingend ruhiger geworden. „Wir haben derzeit deutlich mehr Anfragen zum Thema Urlaub als sonst.“ Außerdem gäbe es noch etliche von der Krise aufgeworfene Probleme zu lösen. Zahlreiche Verfahren, die für Beschäftigte vor dem Arbeits- und Sozialgericht eingebracht wurden, hätten sich durch die Krise verzögert. Ebenfalls ein Thema werden für Fiala in den nächsten Monaten Insolvenzen sein. „Leider hat diese Krise erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft. Es wird sich zeigen, wie sehr Konjunkturpakete und die bisherige Unterstützung das Schlimmste verhindern können, aber in einzelnen Branchen wird man vermehrt mit Insolvenzen rechnen müssen.“