Wenn das Wasser nur so rinnt. Ein betroffener Landwirt über die letzten Unwetter-Schäden. Bauernkammer- Obmann: Man wird auf Klimawandel reagieren.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 17. Juni 2020 (05:49)
„Da wirkt keine ackerbauliche Maßnahme mehr, das rinnt einfach“, sagt Landwirt Thomas Ulm. Starkregen und Hagel zogen dieses Feld in Mitleidenschaft.
privat

Thomas Ulm aus Großtaxen gehört zu den Landwirten, die von dem Unwetter am Wochenende um den 6. Juni „massiv“ getroffen wurden. „Das Ausmaß kann ich noch nicht erschließen“, wartet er noch auf die Hagelversicherung, die den Schaden begutachten wird. Was er sieht: „Beim Mais, Raps und Weizen sind mehr als 100 Hektar beschädigt“.

Geringere Ernte bis hin zum „Tod“

Er rechnet mit einer geringeren Ernte bei Weizen und Raps. Der Mais sei von der weiteren Entwicklung abhängig, Ulm geht aber von einer „schlechteren Befruchtung“ aus. „Kürbis habe ich persönlich nicht, aber die sind tot“, es bauen einige Kollegen das „Nischenprodukt“ des Waldviertels an. Raabs verzeichnet hierbei Verluste, auch bei der Zwiebel. Roggen, Weizen, Triticale (eine Kreuzung aus den beiden Erstgenannten), Raps, Mais und Erdäpfel werden im Bezirk vorwiegend angebaut. Landwirte kennen Hagel und Starkregen, das Letztereignis sucht offenbar seinesgleichen.

Kein Streifen, sondern „Weiträumigkeit“

„Was einzigartig war, war die Weiträumigkeit“, erklärt Ulm. „Auch die 80-Jährigen in Großtaxen sagen: Das haben wir noch nicht erlebt. Hagel gibt es immer wieder, aber meistens zieht er in einem Streifen über einen Landstrich, diesmal ist es richtig weit gegangen.“ Schlimmer habe es noch das tschechische Grenzgebiet getroffen: Autoscheiben seien eingeschlagen worden, und ein Weizenfeld habe ausgesehen, als wäre der Rasenmäher drübergefahren.

Humus war weggeschwemmt

Nikolaus Noé-Nordberg: „Man muss langfristig Wasser auffangen.“
NOEN

Trotz der Weitläufigkeit sind die Auswirkungen auf die Landwirtschaft doch „sehr unterschiedlich“, wie Bauernkammer-Obmann Nikolaus Noé-Nordberg resümiert. Hagel, Starkregen, leichter Niederschlag: Das alles sei in kurzen Abständen gekommen und habe sich „schlagartig“ abgewechselt. 60 Millimeter Niederschlag sei teilweise in einer Stunde niedergegangen: Die Erde bleibe dann nicht mehr dort, wo sie hingehöre, ackerbauliche Maßnahmen im Vorfeld helfen nicht mehr. Ulm sagt dasselbe: „Da wirkt keine Bodenbearbeitungsphilosophie mehr, das rinnt einfach.“

Jungtriebe zerborsten, Feinwurzeln freigelegt, Dämme weggespült

Hagel sei vor allem entlang der Gmünder Grenze in nördlicher Richtung aufgetreten. „Kautzen war eher der Hotspot“, sagt Noé-Nordberg. „Hagel macht keine Ausnahmen, vom Grünland angefangen über sämtliche Ackerkulturen.“ Junge Triebe sind beschädigt und zerborsten.

Der Starkregen werde sich auf die Qualität auswirken: „Wie, wird man sehen.“ Möglich ist ein Pilzbefall aufgrund der hohen Feuchtigkeit. Feinwurzeln der Erdäpfelbestände sind dort, wo viel Erosion war, freigespült worden: Sollte eine trocken-heiße Phase kommen, wirke sich das negativ aus. „Bei Flächen, wo die Dämme weggespült sind, ist es überhaupt vorbei.“ Jetzt wäre die Zeit, das Grünland zu mähen: „Das lässt das Wetter nicht zu, weil die Befahrbarkeit nicht überall gegeben ist.“

Schadensmeldungen werden noch gesammelt

Eine konkrete Schadensbemessung liege noch nicht vor: „Man muss noch ein bisschen warten: Viele Betriebe sind mit unterschiedlichen Schadensformen versichert, und die Meldungen kommen jetzt erst laufend rein.“ Genauere Angaben können in den nächsten Tagen gemacht werden.

Nur ein Ökosystem freut sich

Einer profitiert von dem vielen Regen: der Wald. „Das ist absolut eine Hilfe, wenngleich die Defizite der letzten Jahre nicht ausgeglichen werden können“, sagt Noé-Nordberg. „Die Jungpflanzen braucht man derzeit nicht gießen.“ Die Entwicklung des Borkenkäfers schreitet nicht so schnell voran, „aber das kann sich schlagartig ändern“. Ähnliches sagt Franz Fischer (Raabs), der die Kleinwaldbesitzer vertritt: „Dem Wald tut das Wasser gut, aber es kommt drei Jahre zu spät.“ Noé-Nordberg ergänzt: „Die Grundwasserreserven werden außerdem nicht so schnell aufgefüllt, um hier einen nachhaltigen Effekt erzielen zu können. Tatsache ist, dass wir den Klimawandel erleben.“

Was tun?

„Wohin die Entwicklung sicher gehen wird: Man versucht langfristig, die Wassermengen aufzufangen und rückzuhalten, um sie dann für Bewässerung zu nutzen“, denkt Noé-Nordberg an die Zukunft. „Wobei man sagen muss, das ist kostenintensiv.“ Investitionen dahingehend seien bei preislich hoch angesetzten Kulturen sinnvoll. Aber: „Der Trend muss generell dorthin gehen.“

Ein Generalkonzept für das Waldviertel werde „schwer möglich sein“, auch weil das Gebiet hügelig ist. „Ich glaube, man muss das bei uns kleinregional und betriebsweise betrachten. Wenn ein Landwirt da etwas im Sinn hat, dann bekommt er bei uns Beratung.“ Manche Hürden müssten bei behördlichen Verfahren vereinfacht werden, „damit der bürokratische Aufwand geringer und die Produktion in den Vordergrund gerückt wird“.