Was der Pendler in Kauf nimmt. Gertrude Biedermann, Klaus Hölzl & zwei Bürgermeister über das Pendeln.

Von Julia Fröhlich, Franz Enzmann und Karin Widhalm. Erstellt am 11. Dezember 2019 (04:32)
Profikoch Klaus Hölzl pendelt mit seinem Hybridauto regelmäßig nach Retz, um seiner Lehrtätigkeit nachzugehen.
Julia Fröhlich

Klaus Hölzl ist zu einem echten Pendler geworden: Er fährt regelmäßig quer durchs Waldviertel.

Der Gastwirt und Lehrer aus dem kleinen Ort Wielings (Bezirk Gmünd) betreibt noch bis Ende Dezember ein Gasthaus in Gastern im Nachbarbezirk Waidhofen. „Da muss ich nur 15 Kilometer weit pendeln“. Aber seit September ist er auch Lehrer an der Höheren Lehranstalt für Tourismus (HLT) in Retz: 86 Kilometer Autostrecke. „Es bedeutet mehr als eine Stunde Fahrzeit, somit sitze ich wochentags zweieinhalb Stunden im Pkw.“

„Das sehe ich im Speziellen in einer Region wie in Waidhofen außerordentlich ‚gefährlich‘.“Gertrude Biedermann sieht eine gewisse Pendler-Faulheit.

Ihn störe es nicht, dass schon um 6.15 Uhr Abfahrt ist, da der Unterricht um 7.50 Uhr beginnt. Eine Wohnung in Retz kommt für in nicht infrage. Er fährt gerne zu seiner Familie nach Hause.

Die Winterzeit mit den manchmal schlechten Fahrbedingungen und der Zeitumstellung sei schon eine Herausforderung. „Sollte es einmal eine Abendveranstaltung in Retz geben, die länger dauert, dann nehme ich mir ein Zimmer im Althof“, meint er gut gelaunt.

Gertrude Biedermann, Einkaufsleiterin bei Sonnentor, pendelt seit sieben Jahren von Waidhofen nach Sprögnitz. Ihre längste Strecke ist das nicht, sie legte schon mal 55 Kilometer pro Fahrt zurück. Sie bildet mit Arbeitskolleginnen aus Waidhofen und Klein Göpfritz eine Fahrgemeinschaft: 42 Kilometer pro Strecke, 35 Minuten, manchmal 40 Minuten. „Durch die Fahrgemeinschaft ist es ziemlich kurzweilig und angenehm“, erzählt sie. „Autofahren stört mich grundsätzlich nicht.“

„Zum Glück ‚muss‘ ich nicht pendeln“

Die Zeit fehle zwar nach Dienstschluss. Positiv ist: „Ich darf einen Job machen, der mir außerordentlich Spaß macht und den ich immer wieder annehmen würde“, betont sie. Das liege auch am kostenlosen Bio-Mittagessen, Homeoffice und Ausbildungsmöglichkeiten. „Zum Glück ‚muss‘ ich nicht pendeln, ich habe mir das selber ausgesucht“, ergänzt sie. „Ich liebe meinen Job, der generell mit sehr viel Reisetätigkeit zu tun hat, auch weltweit.“ Sie beobachte allerdings, dass Leute „pendelfaul“ sind „und schon bei mehr als fünf bis zehn Kilometer überlegen, ob sie einen Job annehmen wollen“.

Biedermann: „Das sehe ich im Speziellen in einer Region wie Waidhofen außerordentlich ‚gefährlich‘, kurzsichtig und mehr als unflexibel.“ Die Gemeinde mit den wenigsten Pendlern im Bezirk ist übrigens Waldkirchen. Warum das so ist, erklärt Bürgermeister Rudolf Hofstätter.

„Heutzutage schauen sich die meisten Jugendlichen nach ihrer Schullaufbahn – so auch mein Sohn – ehestmöglich nach einem geeigneten Arbeitsplatz um und nehmen einen Wohnortswechsel in Kauf, anstatt ein Leben lang zu pendeln“, führt er die Gründe an. Sein Sohn ist nach Wien gezogen. „In unserer Gemeinde sinkt die Bevölkerungszahl stetig und hat sich seit den 1970er Jahren sogar halbiert.“

Er legt schwarz-weiße Fakten auf den Tisch: „Zwölf Sterbefälle und zwei Geburten im Jahr lassen nun mal keine Entwicklung in die andere Richtung zu.“ Der Gemeindechef wünscht sich daher einen Ausbau der Arbeitsplatzsituation im Waldviertel.

Die höchste Pendler-Quote verzeichnet Waidhofen-Land. „Unsere Gemeinde setzt sich aus vielen kleineren Ortschaften zusammen und daher gibt es natürlich kein Zentrum für viele Arbeitgeber“, erklärt Bürgermeister Christian Drucker. „Die Bevölkerung muss deshalb zumindest den Anfahrtsweg in die Nachbargemeinden in Kauf nehmen.“ Die immer weniger werdenden Landwirte und der gleichzeitige Zuzug in die Waldviertler Gemeinde verstärken die Situation seiner Meinung nach noch mehr.

Dieser Pendler-Report wurde mit Daten der Rechercheplattform Addendum der Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH erstellt.

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