Mahnmal gegen das Vergessen im Bezirk Waidhofen/Thaya

Erstellt am 23. Juni 2021 | 04:30
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Foto: Tetyana Afanasyeva/shutterstock.com
Auch in Waidhofen/Thaya wurden Juden und Kriegsgefangene von den Nationalsozialisten zur Arbeit gezwungen.
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Die Zeit des Nationalsozialismus ist eines der düstersten Kapitel in der Geschichte Österreichs. Die Folgen des Antisemitismus und der Kriegsverbrechen und Massenmorde dieser Zeit hielten noch lange nach Kriegsende nach. In Österreich wurde das ehemalige Konzentrations lager Mauthausen zu einer Gedenkstätte der Opfer.

Einen vergleichbaren Ort dieser Größenordnung gab es im Waldviertel zwar nicht, doch auch hier stand die Ausbeutung und Diskriminierung von Ausländern und Juden an der Tagesordnung. Anders als Mauthausen sind diese Orte heutzutage größtenteils nicht mehr existent, beziehungsweise vergessen. Das Bundesdenkmalamt stellte jetzt 2.100 NS-Lager, Zwangsarbeitslager, KZ-Außenstellen und Kriegsgefangenenlager in ganz Österreich unter Denkmalschutz.

„Der am Bauernhof Grötzl untergebrachte polnische Arbeiter Stanislaus besuchte die Familie noch bis in die 1980er Jahre.“ Fritz Kadernoschka über einen dankbaren Kriegsgefangenen

Dazu gehört auch die ehemalige Waidhofner Brauerei Ziegengeist in der Ziegengeiststraße. Zur damaligen Zeit befand sich das Gebäude im Besitz der Schwechater Brauerei, die das Areal als Bierlager nutzte. „Im diesem Keller waren hauptsächlich ungarische Juden untergebracht. Diese mussten in einem Forstgarten in der Vestenöttinger Straße arbeiten“, erzählt der Waidhofner Historiker Harald Hitz. 1945 wurden diese Juden vermutlich nach Mauthausen weiterverlegt.

Dass sich die Geschichte wirklich so zutrug, soll ein Stück Papier belegen. „Auf diesem bedankten sich die verschleppten Juden bei einigen hilfsbereiten Menschen, die ihnen trotz Verbotes Nahrungsmittel brachten“, erklärt Hitz. Dazu hätten unter anderem ein Wagnermeister, eine Lehrerin und eine Pfarrhaushälterin gezählt. Weitere Informationen seien aber rar gesät. „Das Traurige daran ist, dass diese Zeit immer totgeschwiegen wurde. Ich wollte vor 30 Jahren schon weitere Nachforschungen anstellen, aber ich stieß nur auf eine Mauer des Schweigens“, schildert Hitz.

Ein weiterer Ort des Geschehens befand sich in Groß Siegharts. Hier wurden die Juden in der ansässigen Textilindustrie ausgebeutet. „Ungarische Juden mussten in verschiedenen Fabriken arbeiten und waren auch gleich dort untergebracht“, erklärt Historiker Hans Widlroither. Dazu gehörten unter anderem die ehemalige Textilfabrik Adensamer und ein Teppichwerk, das sich heute im Besitz der Zlabinger Textil GmbH befindet. Die Fabrik Adensamer ist mittlerweile zu einer Industrieruine verkommen.

„Die hier arbeitenden Juden wurden vom Rest der Bevölkerung abgeschirmt und durften nicht heraus“, erzählt Widlroither. Viele Menschen hätten deshalb nicht davon gewusst. Mit dem Vormarsch der Russen seien die Juden dann abermals verlegt worden. „Manche entkamen aber doch zuvor und fanden in der Stadt Unterschlupf“, meint Widloither.

Neben den jüdischen Zwangsarbeitern verschleppten die Nationalsozialisten auch zahlreiche Kriegsgefangene ins Waldviertel. Fritz Kadernoschka widmet sich in der Gemeindezeitung von Ludweis-Aigen ebenfalls dem Thema. „Da sehr viele junge Männer zum Militärdienst eingezogen wurden, fehlte deren qualifizierte Arbeitskraft an allen Ecken und Enden.“ Um diesen Ausfall von Arbeitskräften zu kompensieren, wurden Kriegsgefangene aus Frankreich, Belgien oder auch Polen hergebracht.

„Auch in unserer Gemeinde waren sehr viele dieser abschätzig als ‚Polaken‘ bezeichneten Zwangsarbeiter eingesetzt. Sie waren der Willkür ihrer ‚Arbeitgeber‘ ausgesetzt und hatten keinen Anspruch auf irgendwelche Grundrechte, wie zum Beispiel eine medizinische Versorgung“, erklärt Kadernoschka. „Wie meine Mutter öfter erzählte, behandele ein Bauer in ihrem Heimatdorf einen Zwangsarbeiter sehr schlecht. Dies hätte ihm nach Kriegsende 1945 fast das Leben gekostet.“

Laut Kadernoschka gab es aber auch positive Beispiele, wie in Oedt: „Der am Bauernhof Grötzl untergebrachte polnische Arbeiter Stanislaus besuchte die Familie noch bis in die 1980er-- Jahre.“ Aus Dankbarkeit für die guten Behandlung in den Kriegszeiten hätte er sogar bei seinen Besuchen immer wieder in der Landwirtschaft mitgeholfen. „Einmal half er sogar in unserer ehemaligen Wagnerei bei der Reparatur eines Gummiwagens der Familie Grötzl.“

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