Bangen um die Medizin-Versorgung. NÖGKK will über die seit Juli 2016 vakante Stelle für Allgemeinmedizin in Groß Siegharts diskutierten. Bürgermeister und Ärzte warnen vor Engpass.

Von Thomas Weikertschläger. Erstellt am 21. Februar 2018 (06:00)
Shutterstock.com/blueplanetstudio
Die medizinische Versorgung in der Region wird immer dünner.

Für große Verärgerung in Groß Siegharts sorgt der Plan der NÖ Gebietskrankenkasse, die dritte Kassenplanstelle für Allgemeinmedizin in der Bandlkramer-Stadt ruhend zu stellen. Diese Stelle ist nach der Pensionierung von Peter Werle seit dem 1. Juli vakant, seither wird – bisher vergeblich – ein Nachfolger gesucht. Jetzt will die NÖGKK die Ruhendstellung der Stelle besprechen.

Begründet wird dieser Schritt damit, dass die Gesamt-Einwohnerzahl in Groß Siegharts und Dietmanns 3.863 beträgt. Bei einer durchschnittlichen Einwohnerzahl pro Planstelle in NÖ von 2.160 seien zwei Planstellen ausreichend. Die Bewerbungsfrist für diese Stelle lief noch bis 20. Februar (nach Redaktionsschluss). Falls sich bis dahin kein Arzt findet, soll über diese Ruhendstellung zwischen der Ärtzekammer und der NÖGKK gesprochen werden, wie Barbara Mann von der NÖGKK erklärt.

„In der medizinischen Versorgung ist Vertrauen doch so wichtig. Das geht aber nur, wenn sich der Arzt auch Zeit für seine Patienten nehmen kann.“ Bürgermeister Gerald Matzinger

Auf die Problematik angesprochen, zeigte sich Bürgermeister Gerald Matzinger über das Vorgehen der NÖGKK, von dem er nicht unterrichtet worden war, verärgert. Kurz vor der Landtagswahl habe man ihm seitens des Landes versichert, dass man sich im Rahmen der von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner angekündigten Landarztoffensive um die Besetzung dieser Stelle bemühen werde.

Schon damals hatte Matzinger eine Ärztin, die sich für die Stelle ernsthaft interessiert, „an der Angel“. Das habe er auch dem Land mitgeteilt. Wenn die Stelle jetzt aber gestrichen werde, dann sei das ein Zeichen, dass man sich auf Zusagen nicht mehr verlassen könne.

Ärztevertreter Gold will um die Stelle kämpfen

Diese Ärztin wäre bereit, sich gemeinsam mit ihrem Mann in Groß Siegharts anzusiedeln und eine Praxis zu führen, so Matzinger. Das gehe aber nur, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen. In den Räumlichkeiten des Technologie- und Bildungszentrums (TBZ) könnten mit relativ geringen Mitteln und rasch Räumlichkeiten für eine Praxis adaptiert werden. Damit könnte eine ideale Lösung für Groß Siegharts gefunden werden, die einer „Halblösung“ mit einem Turnusarzt als Ersatz vorzuziehen wäre. Sauer stößt es Matzinger auf, wenn nun mit „Fallzahlen“ und Statistiken argumentiert werde. „Es geht immer mehr Richtung Massenabfertigung. Gerade in der medizinischen Versorgung ist das Aufbauen eines Vertrauensverhältnisses wichtig. Das geht aber nur, wenn sich der Arzt ein wenig Zeit für seine Patienten nehmen kann“, meint Matzinger.

Auf Unverständnis stößt der Plan der NÖGKK auch bei der Ärzteschaft. Bezirksärztesprecher Andreas Gold hält eine Ruhendstellung oder Streichung der dritten Kassenstelle in Groß Siegharts für „nicht zu akzeptieren“. Er vermutet, dass es der NÖGKK um eine Beschönigung der Statistik und der katastrophalen Situation gehe. „Aus meiner Sicht haben aber offene Stellen bestehen zu bleiben, falls sich doch noch jemand findet. Wenn die Stellen nirgends mehr aufscheinen, ist es auch klar, dass sich niemand für diese Stelle interessiert.“ Dabei solle die Statistik die Realität abbilden, und die sei eben, dass es für Groß Siegharts und Dietmanns dringend einen dritten Arzt brauche.

Weikertschläger, Thomas
Der Groß Sieghartser Bürgermeister Gerald Matzinger hofft, bald im Technologie- und Bildungszentrum einen neuen Arzt begrüßen zu können.

„Natürlich ist es suboptimal, wenn zwei anstelle von drei Ärzten die gesamte Versorgung übernehmen müssen“, so Gold. Dann würde noch weniger Zeit pro Patient bleiben, oder die Ärzte müssten weitere Patienten ablehnen – und diese dann noch weitere Wege zu anderen Ärzten in Kauf nehmen. Das Problem des strukturschwachen Waldviertels mit Ruhendstellungen von Plankassenstellen lösen zu wollen, scheine absurd. Die katastrophale Situation, auf die das Waldviertel zusteuere, werde damit nicht geändert, sondern nur beschönigt.

Nichts von der Ruhendstellung hält auch der Groß Sieghartser Arzt Hans Christian Lang. Er gibt zu bedenken, dass sich die Situation im gesamten Sprengel (insgesamt gehören zum Sprengel noch Planstellen in Ludweis/Aigen, Raabs, Großau und Karlstein) in Zukunft noch verschlechtern wird. Mit Karl-Heinz Schmidt in Raabs und Helmut Köck in Groß Siegharts gehen demnächst zwei weitere Ärzte in Pension. In Groß Siegharts und Dietmanns müsste er dann die knapp 4.000 Patienten alleine betreuen. Außerdem rücke mit der Streichung der dritten Stelle für Groß Siegharts auch die Möglichkeit eines Primärversorgungszentrums, die ja vom Land forciert werden, in weite Ferne.

Bezüglich der durchschnittlichen Einwohnerzahl pro Planstelle muss man zudem unterscheiden, ob sich diese im ländlichen oder städtischen Bereich befinden. Im ländlichen Bereich mit langen Anfahrtswegen zu Facharztordinationen oder Kliniken werden in den Arztpraxen noch viel mehr Diagnostik und Therapie gemacht. Gold wird daher in den Gesprächen mit Ärztekammer und NÖGKK „massiv auf die Beibehaltung der Stelle einwirken“, erklärt er gegenüber der NÖN. Die Entscheidungsträger im Gesundheitssystem seien gefordert, die sich anbahnende Katastrophe zu verhindern.

Umfrage beendet

  • Ist medizinische Versorgung im Bezirk gesichert?