Stelzl-Marx ist "Wissenschafterin des Jahres". Barbara Stelzl-Marz (48) ist „Wissenschaftlerin des Jahres 2019“: Sie ist Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung mit Sitz in Graz, Wien und Raabs an der Thaya (Bezirk Waidhofen).

Von APA, Redaktion und Karin Widhalm. Update am 09. Januar 2020 (14:13)
Stelzl-Marx forscht über Besatzungskinder,
APA (OTS/Foto Furgler)

Mit der gestern (8. Jänner) in Wien übergebenen Auszeichnung wird die Vermittlungsarbeit für europäische Zeitgeschichte gewürdigt. Barbara Stelz-Marx hat sich in einer ersten Reaktion beim Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten für die Anerkennung ihrer Arbeit bedankt und sich gleichzeitig eine Stärkung offener und außeruniversitärer Forschungsträger gewünscht. „Wir leben in einer Zeit, in der Fakten offenbar immer beliebiger und ‚fake news‘ in den sozialen Netzwerken immer relevanter werden. Wissenschaftskommunikation ist gefordert, dieser Entwicklung die Stirn engagiert und sachlich zu bieten und so zu einer gesellschaftlichen Immunisierung gegen ‚fake news‘ und ‚alternative facts‘ beizutragen“, betont sie.

„Mir ist es immer wichtig, historische Thema möglichst vielschichtig zu betrachten und von einer Schwarz-Weiß-Zeichnung – etwa der Besatzungszeit in Österreich – wegzukommen. Für einen Perspektivenwechsel braucht es ein offenes Forschungsfeld, das wir an der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) als außeruniversitärem Forschungsträger vorfinden. Ich schätze diese tollen Rahmenbedingen sehr.“ Es sei ein großes Privileg, als Wissenschaftlerin tätig sein zu können. Aktuelle Forschungen würden dank der Berichterstattung in den Medien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Die Wissenschaft müsse daher aktiv den Dialog mit den Medien und der breiten Öffentlichkeit suchen. „Ich danke herzlich für die gute Zusammenarbeit mit den Medien und diese hohe Auszeichnung, die ich für das Ludwig Botzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung und die Uni Graz entgegennehmen darf.“

Mit der seit 1994 jährlich durchgeführten Wahl will der Journalistenklub vor allem das Bemühen von Forscherinnen und Forschern auszeichnen, ihre Arbeit und ihr Fach einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen und damit das Ansehen von Wissenschaft und Forschung in Österreich zu heben. Stelzl-Marx hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder in Form von Büchern, Vorträgen und Ausstellungen um die Vermittlung ihrer Forschungsarbeiten bemüht, etwa zum Leben von Rotarmisten in Österreich in den Jahren 1945 bis 1955, dem Thema Besatzungskinder oder der Aufarbeitung der Geschichte des Zwangsarbeitslagers im Grazer Bezirk Liebenau.

"Wenn man schon die Möglichkeit hat, so interessante Themen zu bearbeiten, dann finde ich es ganz wichtig, dass nicht nur einige Fachkollegen davon lesen, sondern dass man an die breite Öffentlichkeit hinausgeht. Schließlich haben viele der Forschungsprojekte am Ludwig Boltzmann Institut gesellschaftliche Relevanz", begründete Stelzl-Marx gegenüber der APA ihr Engagement in der Wissenschaftsvermittlung. Zudem sei ihre Arbeit stark von Drittmitteln abhängig und es sei für Förderer wesentlich zu sehen, dass die von ihnen unterstützten Projekte in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden und etwas bewirken können. "Außerdem tue ich es einfach gerne", sagte Stelzl-Marx.

Geboren am 10. April 1971 in Graz studierte Stelzl-Marx Anglistik, Russisch und Geschichte an der Universität Graz und in Oxford, Moskau, Wolgograd sowie an der Stanford University. Seit 1993 forschte sie viel im Ausland, insbesondere in ehemals sowjetischen Archiven. Sie wurde 1998 in Geschichte promoviert, in ihrer Dissertation widmete sie sich amerikanischen und sowjetischen Kriegsgefangenen im Stalag XVII B Krems-Gneixendorf. 2010 folgte die Habilitation zu "Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowjetischen Besatzung".

Dem Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung ist Stelzl-Marx seit dessen Gründung 1993 durch Stefan Karner verbunden, zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin, ab 2002 als stellvertretende Leiterin. Im März 2018 folgte die Historikerin dem in Ruhestand getretenen Karner an der Spitze des Instituts nach und wurde Anfang 2019 Professorin für europäische Zeitgeschichte mit dem Schwerpunkt Konflikt- und Migrationsforschung an der Universität Graz. Karner wurde übrigens 1995 vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zum "Wissenschafter des Jahres" gewählt.

In den vergangenen Jahren haben der Chemiker Nuno Maulide (2018), der Komplexitätsforscher Stefan Thurner (2017), die Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer (2016), der Archäologe Wolfgang Neubauer (2015) und der Weltraumforscher Wolfgang Baumjohann (2014) die Auszeichnung erhalten. Der Wissenschafter bzw. die Wissenschafterin des Jahres wird alljährlich vom Office of Science and Technology (OST) an der österreichischen Botschaft in Washington zu einem Vortrag in die USA eingeladen.