Borkenkäfer: „Waldviertel wird ein Kahlviertel“. Immer mehr Fichten sterben, immer größer wird die Frustration der Bauern. Ein Ende der Katastrophe ist nicht in Sicht.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 10. April 2019 (06:08)

Die Resignation ist unter den Waldbauern deutlich spürbar, wenn sie auf ganze Flächen mit braunen Fichten zeigen. Stück für Stück verschwindet: 90 Hektar Wald wurden erst in Süßenbach bei Raabs notgeschlägert. „Das muss man sich mal vorstellen“, hebt Franz Fischer, Obmann des Waldverbands in Niederösterreich, die Größe hervor. „Es glaubt keiner, wenn man’s nicht sieht.“

Fritz Kreuzwieser aus Süßenbach steht auf kahlem Forstwaldboden, dahinter sind die sterbenden Fichten deutlich erkennbar: „In einem Jahr wird hier nichts mehr stehen“, seufzt er. „Das Waldviertel wird zum Kahlviertel“, findet er drastische Worte. „Wir bräuchten ein paar nasse Jahre“, ergänzt Friedrich Lukas, ebenfalls aus Süßenbach. Bakterien und Pilze gedeihen in der Feuchtigkeit und können dem sonst widerstandsfähigen Borkenkäfer zusetzen. Er, der seit dem Sommer 2017 grassiert, ist der Grund allen Übels.

„Da sieht man wirklich nicht mehr raus, nur Kosten, Kosten, Kosten.“ Friedrich Kreuzwieser sieht die Zukunft als Waldbesitzer nicht rosig.

Ein Ende ist angesichts der Trockenheit nicht in Sicht. Die letzten zwölf Monate (April 2018 bis März 2019) waren die wärmste Periode in der 250-jährigen Messgeschichte, stellt die Zentralanstalt für Meteorologie fest. „Das einzig Positive ist, dass es jetzt in der Früh kühl ist“, sagt Fischer, selbst Waldbesitzer aus Raabs.

Er rechnet dennoch mit dem Schlimmsten: „Ich glaube, dass heuer noch der Supergau kommt, weil einfach kein Wasser da ist.“ Die Bäume sind wegen der lang anhaltenden Trockenheit geschwächt. Das spielt dem Borkenkäfer zu – und die Probleme häufen sich für die Waldbauern.

„Holzmarkt ist komplett zusammengebrochen.“

Immer mehr Schlägerarbeit fällt an. „Es fehlt an Arbeitskräften.“ Fischer schätzt, dass ein Drittel der Eigentümer im Waldviertel keinen forstwirtschaftlichen Betrieb führen – und die Handarbeit im Wald gar nicht kennen. Zweitens: „Der Holzmarkt ist komplett zusammengebrochen.“ Der Raabser kann sein soeben geschlägertes Faserholz, das etwa für Platten oder Papier verwendet wird, nicht verkaufen. Es bleibt bei ihm liegen, weil die Industrie für das heurige Jahr bereits versorgt sei.

Der Preis fällt sowieso in den Keller: Für Blochholz, den wertvollen Teil des Baumes, erhält man statt 90 nur mehr 35 Euro je Festmeter. Gleichzeitig ist der Waldbesitzer gesetzlich verpflichtet, innerhalb von fünf Jahren an einer Aufforstung zu arbeiten. Er muss investieren. „Da sieht man wirklich nicht raus, nur Kosten, Kosten, Kosten“, sagt Kreuzwieser. Den Wald habe man früher als Sparbuch gesehen. „Jetzt machen wir Geldvernichtung auf hohem Niveau“, schüttelt Fischer den Kopf. „Man ist ohnmächtig.“

Dabei ist Holz gefragt: im Hausbau und als Heizmaterial. Selbst Harvester-Betriebe profitieren derzeit. „Eigentlich alles auf Kosten von den Waldbesitzern. Man kann es nicht anders sagen: Wir sind die einzigen Verlierer“, so Fischer. Und dennoch muss weitergekämpft werden.

Quelle/Karte: Amt der NÖ Landesregierung, Abteilung Forstwirtschaft , Foto: Kucharski Kucharska/Shutterstock.com; NÖN-Grafik: Bischof

Fachleute empfehlen, Bestehendes zu kontrollieren und Schadhaftes zu schlägern. Äste und Wipfel von Fichten sollten nicht auf Haufen aufgeschichtet und liegen gelassen werden: Der Duft des Grün lockt die Käfer an. Genau das sieht man aber bisweilen im Waldviertel. Wird es gemulcht, erhält der Waldboden Nährstoffe – und der Waldbauer eine Landesförderung.

Unterstützt wird auch das Hacken von Restmaterial und die Wiederaufforstung. Auf eine Katastrophenhilfe darf die Region nicht hoffen: Das Bundesgesetz sieht etwa bei Sturmschäden Finanzspritzen vor, nicht aber bei Borkenkäfer-Befall – und davon ist der Nordosten des Waldviertels auffallend betroffen. Das führt eine Karte des Landes deutlich vor Augen.

Die Frustration ist groß unter den Waldbauern, aber sie sind nicht die einzigen Betroffenen, wie Fischer betont: Aus dem Wert des Waldes als grüne Lunge, natürliche Klimaanlage, Wasserspeicher und Erholungsraum schöpfe die ganze Gesellschaft.