Raus aus dem "Hamsterrad" in Fratres. Wer dem „Hamsterrad entronnen“ ist, präsentierte die „Kulturbrücke“. Publikum trug maßgeblich zum Klangteppich bei.

Von Monika Freisel. Erstellt am 16. September 2019 (04:57)

Ausbrechen aus einer unbefriedigenden Lebenssituation, Ziele neu definieren, einen Weg einschlagen, der zu Zufriedenheit und Lebensfreude führt - wie Menschen das verwirklicht haben, erzählten sie in der Kulturbrücke-Veranstaltung „Dem Hamsterad entronnen - Was ein Spurwechsel bringt“ am Samstagnachmittag.

Im PAN-Projekt in Harmannstein bei Weitra leben und wirtschaften seit 24 Jahren 24 Menschen gemeinschaftlich. Barbara Hahn, Brotbäckerin und Mitbegründerin des Projekts, und der Autor und Grafiker Michael Johannes, Pionier der PAN-Schule, berichteten von den Herausforderungen, Aufgaben und Chancen in der Gemeinschaft, die ein Ort der „Schöpfungsverantwortung und Kreativität, der Vielfalt und Unabhängigkeit“ sein will, mit Kurs- und Werkstättenbetrieb, Tischlerei, Schmiede, Schnitzerei, Näherei, Biolandwirtschaft und Privatschule. Alles entsteht gemeinsam, alles ist im Gemeinschaftseigentum.

Beruflich die Spur gewechselt

Eine der Visionen des Vereins Kulturvision im bayerischen Miesbach ist der Spurwechsel, zu dem Menschen sich aus inneren oder äußeren Gründen entschließen, sei es Unzufriedenheit oder Desillusionierung, Krankheit oder Jobverlust. Monika Ziegler, Gründerin der Kulturvision, erzählte von erfolgreichen Spurwechslern: Einer von ihnen ist Andreas Kuhnlein, gelernter Tischler, der seit vielen Jahren als international erfolgreicher Bildhauer tätig ist. Eine andere, Ines Wagner, die ihren Beruf als Modedesignerin irgendwann als zu oberflächlich empfand, beschäftigt sich jetzt mit Journalismus und Kulturarbeit. Die Spurwechsler unterstützen einander praktisch und ideell, sie leben jedoch nicht zusammen.

„Natur in Garten“ nach Tschechien gebracht

Jana Bochničková und ihr Sohn Vojtéch Bochníček präsentierten ihren Biohof in Mutišov. Vor 20 Jahren kauften Jana Bochničková und ihr Mann Pavel Bochníček ein altes Haus, renovierten es und stiegen auf völlig andere Berufe um: Hatten sie vorher einen Konditoreibetrieb geführt, so besuchte Jana eine Gartenschule, Pavel wurde Zimmermann und renoviert nun Kirchen und Schlösser. Sohn Vojtéch ist Möbeltischler und Kunstschnitzer. Gemeinsam brachten sie das niederösterreichische Projekt „Natur im Garten“ nach Tschechien, sie sind selbst erfolgreiche Biolandwirte und verkaufen Kräuter, Säfte und Marmeladen, Salben und Tinkturen, Geflügel und Eier.

In den Galerieräumen sind Werke der tschechischen Künstlergruppe „et etera ...“ zu sehen. Vlastimil Slabý präsentiert Fotos von alltäglichen Gegenständen wie Straßenpflaster, Flaschen, Topfdeckel, die einen ungewöhnlichen Aspekt aufweisen, wie einen aus der Norm fallenden Einschluss in einem monotonen Muster. Teodor Buzus Bilder sind in reichen Farben auf Seide gemalte Kunstwerke, in denen er die Energie des Ostens zeigen will. In surrealistischen, hintergründigen Skulpturen zeigt Tomáš Pergler seine Welt: die „mobile Statue der Revolution“, den „trockenen Brunnen“ oder das erste öffentliche „Pissoir“ in der Tschechischen Republik.

Jeder nahm Instrument in die Hand

Coloman Kallos, emeritierter Dozent am Salzburger Orff-Institut, lud die Besucher im großen Galerieraum zu einem künstlerischen Gruppenprozess ein, in dem jeder ein Instrument in die Hand nahm, ein Klanginstrument in der pentatonischen Skala, in der jeder Ton mit jedem harmoniert, oder eines der Rhythmusinstrumente aus der ganzen Welt. Mit Begeisterung folgten alle den Anweisungen Coloman Kallos‘, es entstand ein wunderbarer Klangteppich.

Das Unicorn Ensemble ließ den diesjährigen Kultursommer Fratres ausklingen. Das Duo tritt in ganz Europa auf, aber auch in anderen Kontinenten, sehr oft im arabischem Raum. Die Musiker - der in Arnolz lebende Thomas Wimmer an der Leier und der Flötist Michael Posch an sieben verschiedenen Blockflöten - spielten Musik aus dem Mittelalter mit unvergleichlicher Virtuosität, die die Besucher zu Begeisterungsstürmen hinriss. Zu hören waren unter anderem ein melancholisches Liebeslied, ein Saltarello in rasantem Tempo und ein Jagdstück, Caccia, in dem die beiden Stimmen einander verfolgten.