Primmersdorf: Ein Kubus wird nun zugänglich. Freya Kopfreiter hat ziemlich spontan eine Reithalle gekauft, die einen Kubus beherbergt. Die Kunst soll darin wohnen.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 01. Juli 2021 (06:37)

17 Einwohner hat die Ortschaft der Stadtgemeinde Raabs – und ein Schloss, dessen Innenleben wohl kaum jemand kennt. Aber ein Teil davon wird der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, vor allem jenen Menschen, die Kunst lieben. Freya Kopfreiter hat spontan einen alten Reitstall auf der Liegenschaft gekauft und baut dort eine Galerie auf, wo Ausstellungen stattfinden werden und jungen Künstlern Raum für ihr Tun gegeben werden soll.

Die Künstlerin lebt seit über 20 Jahren im Schloss, das bis 1851 im Besitz des Stiftes Herzogenburg stand und als Meierei genutzt wurde. Das großflächige Areal mit Barockbau und vielen Nebengebäuden steht heute in Privatbesitz.

Das Schloss, in dem sich mehrere Wohnungseinheiten befinden, zeigt sich restauriert. Kopfreiter wohnt neben einer früheren Reithalle, die sie lange nicht beachtet hat. Aber dann musste sie feststellen, dass ein Immobilienmakler genau dieses Gebäude an einen Oldtimer-Fan verkaufen wollte, der offenbar große Änderungen vorhatte.

„Es sind doch die Frauen, die vorangegangen sind. Und es gehört verdammt viel Mut dazu.“ Freya Kopfreiter über die Belebung eines Schlosses auch mithilfe eines Kubus

Kopfreiter ging das nicht aus dem Kopf – und war schließlich von einem Tag auf den anderen Reithalle-Besitzerin. Nur dass die knapp 300 Jahre alte Reithalle eigentlich schon lange eine andere Funktion hatte.

Bürgler: Jetzt passt Kubus in die Zeit

Ein 1998 erbauter und fast nie benutzter Kubus in Schwebekonstruktion steht darin: Architekt Wolfgang Bürgler hat ihn entworfen, darin befindet sich ein großer Raum, eine Küche, ein Bad: Junge Künstler können darin arbeiten und wohnen. Er ist so modern, dass er „in unsere Zeit wirklich gut passt, damals war es fast zu früh“. Wie kommt er dorthin? Man muss ein bisschen ausholen, aber die Geschichte hat ein wichtiges Bindeglied, wie Kopfreiter findet – ein weibliches nämlich.

„Das Schloss war über Jahrhunderte sehr klösterlich“, spielt sie auf den ursprünglichen Besitzer an. „Aber es sind doch die Frauen, die vorangegangen sind. Und es gehört verdammt viel Mut dazu.“

Künstlerinnen im Kubus

Textil-Künstlerin Vesna, die mit bürgerlichem Namen Elfriede Michl heißt, entdeckte auf ihrer Suche nach neuen Impulsen das verfallene Schloss in den 1970er-Jahren – und machte es zu einem Ort der Kreativität. Künstlerin Irena Rosz ließ den Kubus bauen, öffnete ihn allerdings kaum für die Allgemeinheit, bevor sie zwei Jahre später nach Oberhöflein ging. Freya Kopfreiter hat wegen ihrer Liebe zu Schloss und Region den dritten Schritt getan – mit 74 Jahren.

„Coco Chanel hat mit über 70 neu angefangen“, nimmt sie sich Frauen wie diese zum Vorbild. Tatkraft braucht man dazu, aber woher nehmen Vesna, Rosz und Kopfreiter ihren Mut her? „Wir sind drei sehr freie Frauen“, erklärt Kopfreiter. Sie hat den Aufbruch der 1970er für die Frau erlebt und erkennt diesbezüglich in der heutigen Zeit rückschrittliche Tendenzen. „Ich kann für mich entscheiden, und ich konnte es kaufen.“

Dornröschenschlaf: Kubus wird geweckt

Sie habe die finanzielle Grundlage dafür. „Ich konnte dank meiner Eltern sehr frei leben, aber ich habe trotzdem immer gearbeitet. Ich habe nie von einem Mann gelebt“, betont die Galerie-Betreiberin, die verheiratet ist. Und ergänzt: „Selbst arme kleine Mäuschen können sich befreien.“

Das Geld hat sie dafür eingesetzt, um den Kubus vor der Zerstörung zu retten – und um ihn aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. „Ich möchte über den Tellerrand blicken und auch Künstlern aus Wien einen Platz geben.“

Eröffnet wird der Kubus mit vier Künstlern: Freya Kopfreiter selbst, ihrem Bruder Hein Eibl und mit den befreundeten Künstlern Birgit Lorenz und deren Mann Martin Anderl. „Es ist eine halbfamiliäre Eröffnung“, lächelt Kopfreiter. „Alle sind wir berührt von dem Projekt.“