Findelkinder in Kollmitz

In den vergangenen Jahrhunderten wurden viele Kinder lediger Mütter weggelegt oder im Findelhaus abgegeben. Waldviertler Pflegemütter zogen viele von ihnen auf.

Monika Freisel Erstellt am 23. September 2021 | 05:28
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Der Hobbyhistoriker Erich Kerschbaumer berichtete über das Schicksal der Findelkinder, die in den vergangenen Jahrhunderten von Pflegemüttern in und um Kollmitzgraben aufgenommen wurden.
Foto: NOEN

Wandert man die knapp einen halben Kilometer lange, steile Straße von Kollmitzgraben Richtung Nordosten auf den Umlaufberg, der von der Thaya von drei Seiten umflossen wird, gelangt man zur Ruine Kollmitz, einst eine der größten mittelalterlichen Burganlagen Niederösterreichs und Teil der Burgenkette als Grenzschutz an der Thaya.

Im ehemaligen Wirtschaftstrakt in der Vorburg ist heute ein kleines Museum eingerichtet. Dort hielt am Freitagabend der Hobbyhistoriker und Stadtarchivar der Stadtgemeinde Raabs, Erich Kerschbaumer, einen Vortrag zum Thema „Findelkinder in Kollmitzgraben“. Kerschbaumer, der in Steyr in Oberösterreich aufgewachsen und der Liebe wegen nach Raabs gezogen war, unterrichtete 20 Jahre lang an der Handelsakademie Waidhofen, engagierte sich als Obmann des Vereins zur Erhaltung der Ruine Kollmitz und verfasste eine Broschüre über die Geschichte der Burg.

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Uneheliche Kinder weggelegt

Über das Schicksal der Findelkinder in den vergangenen Jahrhunderten hat Kerschbaumer mit großer Sorgfalt recherchiert. Diese Kinder wurden kurz nach der Geburt von der Mutter ausgesetzt, meist in der Hoffnung, dass jemand sie findet und aufnimmt. Ab dem 17. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, wurden auch Kinder, die in einem sogenannten Findelhaus abgegeben wurden, als Findelkinder bezeichnet. Gründe für die Kindesweglegung waren großteils die uneheliche, sogenannte „unehrliche“ Geburt und die wirtschaftliche Not. Die ledigen Mütter wurden verachtet, sie kamen zumeist aus unteren sozialen Schichten, waren Mägde oder Dienstboten. Die Väter der unehelichen Kinder waren vorwiegend Knechte oder Handwerker, die aus dem Ort verschwanden, wenn ihr „unzüchtiges“ Verhältnis Folgen hatte. Die Strafen für die „Unzucht“ waren hoch, sowohl für Frauen als auch für Männer. Findelkinder waren gegenüber den ehelich geborenen Kindern stark benachteiligt, es war ihnen sogar untersagt, einen Beruf zu erlernen.

Reformen unter Joseph II

Erst unter Kaiser Joseph II., der von 1765 bis 1790 regierte, kam es zu weitreichenden Reformen und zum Ausbau von Wohlfahrtseinrichtungen. Das Wiener Findelhaus wurde 1784 gegründet, es bestand bis 1910 und gehörte zu den größten derartigen Institutionen der Welt. Rund 750.000 Kinder wurden während seines Bestehens aufgenommen. Die Sterblichkeitsrate war sehr hoch. 35 Prozent der ledig geborenen Kinder starben in den ersten sechs Lebensmonaten. Zum Vergleich: Bei den ehelich geborenen waren es 18 Prozent.

Pflegemütter, die ein Findelkind aufnahmen und betreuten, erhielten bis zum Kindesalter von zehn Jahren Pflegegeld vom Staat. Danach sollte sich das Kind selbst ernähren können. In Kollmitzgraben lebten damals ausschließlich Kleinhäusler, die nur über geringe finanzielle Mittel verfügten. Das war der Hauptgrund, weshalb es hier besonders viele Pflegemütter gab. Die Frauen – sie mussten verheiratet sein – konnten gratis mit der Bahn nach Wien fahren, um ein Kind aus dem Wiener Findelhaus zu holen. Mit dem Pflegegeld war es ihnen möglich, ihre wirtschaftliche Situation geringfügig zu verbessern. Auch in Rabl, Liebenberg und Liebnitz wurden viele Findelkinder aufgenommen, fast nur von Kleinhäuslerfrauen, nicht jedoch von Bauernfamilien.

Pflegegeld für Pflegemütter

Eine deutliche Verbesserung der Bedingungen gab es ab 1870, dann konnte die eigene – auch ledige – Mutter ihr Kind als Pflegekind aufnehmen und erhielt dafür Pflegegeld. Auch die medizinische Versorgung wurde besser, die Sterblichkeitsrate bei den Kindern ging zurück.
Erich Kerschbaumer, der Wirtschaftspädagogik an der UNI Linz studierte, bezeichnet die Geschichtsforschung als sein großes Hobby. Er hat bereits einige Bücher verfasst, unter anderem „Raabs in alten Ansichten“ oder „Bekanntes und Unbekanntes rund um Raabs“, erhältlich in der Stadtgemeinde Raabs und in der Buchhandlung Angelina. Ein weiteres Projekt ist im Entstehen: Kerschbaumer arbeitet derzeit an der Häuserchronik von Raabs.