Peter Coreth: „Der Absturz war mir geglückt“. Peter Coreth begann aus einer Lebenskrise heraus Kunst zu sammeln. Museum Humanum öffnet wieder Anfang Mai in Frates. Auch Sommerprogramm geplant.

Von Monika Freisel. Erstellt am 18. Februar 2021 (04:32)

Herausragend ist nicht nur die Körpergröße, auch seine Biografie ist alles andere als konventionell - der 194 cm große, promovierte Politologe Peter Coreth hat ein bewegtes, mitunter auch abenteuerliches Leben hinter sich. Geboren 1948 als Sohn der aus Ungarn stammenden Malerin Marianne Coreth und des langjährigen Generalsekretärs des ÖAMTC, Botho Coreth, verbrachte er seine Kindheit in einer Mühle in Waizenkirchen, Oberösterreich. Nach der Matura am Abteigymnasium im steirischen Seckau studierte er an der Universität Salzburg und am Gandhi Memorial College in Nairobi.

Heimat im Waldviertel gefunden.

Nach mehreren Lebensjahren in London, München und Budapest verschlug es Coreth ins Waldviertel, wo er vor nunmehr 29 Jahren den ehemaligen Gutshof von Fratres erwarb und von Grund auf renovierte. Seine in 50 Jahren erworbene anthropologische Sammlung von Kunstobjekten fand Platz in dem früheren Stallgebäude des Gutshofs mit seinen beeindruckenden Arkadengängen - dem heutigen Museum Humanum, das 1997 eröffnet wurde. Die von Coreth 1995 gegründete Kulturbrücke Fratres bietet alljährlich in den Sommermonaten Veranstaltungen, die einen Kulturaustausch zwischen Österreich und den Nachbarländern Tschechien und Deutschland herstellen. Durch die beiden Institutionen wurde Peter Coreth regional, national und international bekannt.

Herausforderungen für die Kulturbrücke Fratres .

Coreth ist zuversichtlich: „Die Kulturbrücke wird heuer, wie auch bereits im Vorjahr, ihr Sommerprogramm unter Corona-sicheren Rahmenbedingungen im dafür zweckmäßig adaptierten Stadel umsetzen.“ Zum Auftakt im Juni wird die langjährige ORF-Korrespondentin in Rom, Mathilde Schwabeneder, einen Thementag über „Frauen im Kampf gegen die Mafia“ leiten. Im Juli findet ein „Tag der Neuen Musik“ statt, an dem bekannte Vertreter der musikalischen Avantgarde teilnehmen werden. Im Gedenken an den vor hundert Jahren geborenen großen Dichter H.C. Artmann wollen sich dessen Künstler-freunde Ende Juli zu einer „lyrischen Landpartie“ einfinden. Im August soll in Fratres das tschechische Filmfestival mit einer Ausstellung von Jaroslav Rona eröffnet werden. Ein weiterer Schwerpunkttag im August ist dem Thema „Mode und ihr Platz im modernen Europa“ gewidmet, zu dem eine Weltberühmtheit aus der internationalen Modebranche erwartet wird. Um „Feminismus und Intersektionalität“ geht es in der September-Veranstaltung, in der die Geschichte der österreichischen Frauenbewegung seit 1945 sowie deren Zukunftsperspektiven Erörterung finden.

Vom Beginn der Sammlerleidenschaft. „Vor 50 Jahren habe ich begonnen, Kunst zu sammeln. Damals steckte ich in einer Lebenskrise, wusste nicht, wie es mit mir weitergehen sollte. Nach fünf Jahren als außenpolitischer Redakteur der ,Salzburger Nachrichten‘ war ich in einer Mansarde in London gestrandet. Dort wurde mir bewusst, dass ich nicht in mein altes Leben zurückkehren würde. Die Welt als Information hatte ihren Reiz verloren, jetzt war ich hinter ihrem Geheimnis her.“ Wochenlang streunte Coreth durch die Museen auf der Suche nach Orientierung und machte die Entdeckung, dass Kunstwerke zu ihm sprachen. „Weil sich Kulturen erst im Vergleich miteinander erschließen, wollte ich ihre sinnstiftenden Wahrheiten nicht wortwörtlich nehmen oder gegeneinander stellen, vielmehr suchte ich in ihrer scheinbar widersprüchlichen Vielstimmigkeit den gemeinsamen Grundton zu vernehmen.“ Der Reiz des Aufspürens und der Entdeckung trieb ihn auf die Märkte, er entdeckte Dinge, die sich anderen verschließen. Auf eine sonderbare Weise war er - 27, arbeitslos und ohne Krankenversicherung - stolz auf sich: „Der Absturz war mir geglückt. Und ich hatte begonnen zu sammeln! Seit jenen Londoner Jahren erwarte ich von jedem Kunstwerk vor allem, dass es mich vor ein Rätsel stellt, aus dem mir eine noch unbekannte Lebensmöglichkeit erwachsen könnte. Nahezu alles, was mir heute kostbar und bedeutungsvoll erscheint, ist mir auf ziellos begangenen Wegen begegnet.“

Vergleich zwischen Kulturen verschiedener Epochen und Erdteile. Im Fokus des Museum Humanum steht der Vergleich zwischen Kulturen verschiedener Epochen und Erdteile.

„Es zählt zu den ältesten Erfahrungen der Menschheit, dass Leben in der Gegenwart die ständige Verbindung mit der Frühzeit voraussetzt. Auch der Ahnenkult von Stammesgesellschaften beruhte auf dieser Vorstellung einer zu den Anfängen zurückreichenden Verwandtschaftslinie, die es unbedingt zu erhalten gilt,“ ist Coreth überzeugt. Das Leben in der Jetztzeit sieht der Sammler aber eher pessimistisch, weil seiner Meinung nach die von Sachzwängen bestimmten Lebensformen und die verordneten Denkmuster dafür sorgten, dass Sinnfragen kaum noch zum Zug kämen. In einem solchen Environment fiele es den Menschen immer schwerer, ihr historisches und mythisches Gedächtnis zu bewahren. Doch auch der verwaltete, von Algorithmen gelenkte Mensch bliebe ein metaphysisches Wesen und ist in seiner Sehnsucht nach einem anderen, sinnhaltigen Leben geborgen. „Darin liegt eine Hoffnung: Wir könnten dieser Sehnsucht Nahrung geben, bevor man uns auch dieses Licht ausbläst.“

Die Sammlung wird kontinuierlich erweitert. Wann immer es sein nicht allzu üppiges Budget erlaubt, fügt Peter Coreth seiner Sammlung ausgesuchte Neuerwerbungen hinzu, die er auf Märkten oder in Antiquitätenläden aufspürt - eine Leidenschaft, die ihn nicht mehr loslässt und in der er seine Lebensaufgabe sieht. Vor einiger Zeit erwarb er ein Gemälde von Hans Staudacher, der zu den bekanntesten österreichischen Malern zählt und einer der wichtigsten Vertreter des Informel war, einer Kunstrichtung, die Mitte des 20. Jahrhunderts die internationale Kunstszene wesentlich prägte. Staudacher starb im Jänner im Alter von 98 Jahren.

Die Mannigfaltigkeit der Ausstellungsstücke und der in Museen eher unübliche Epochen, Nationen und Kulturunterschiede vergleichende Kontext, in dem diese im Museum Humanum gezeigt werden, faszinieren jeden aufmerksamen Besucher, wie den zahlreichen Einträgen im Gästebuch zu entnehmen ist. Das Museum öffnet seine Pforten wieder Anfang Mai.