Vesna: Eine der Großen der Textilkunst ist tot

Vesna (mit bürgerlichem Namen Elfriede Michl), die ab den 80ern auch im Waldviertel wirkte, starb mit 86 Jahren. Sie beklagte stets das Sterben des alten Handwerks.

Erstellt am 13. Dezember 2021 | 22:31
Lesezeit: 4 Min

Die über Österreichs Grenzen hinweg bekannte Textilkünstlerin Vesna (mit bürgerlichem Namen Elfriede Michl) starb am 9. Dezember im Alter von 86 Jahren. Sie war eine der großen Namen der österreichischen Textilkunst und eine unbestechliche Kritikerin seichter modischer Tendenzen.

Ihr Erfolg lag in der Verbindung von Qualität und Tradition. Das Sterben des alten Handwerks in Europa, insbesondere des Textilhandwerks, beklagte sie jahrzehntelang. Noch bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt im August dieses Jahres in der Kulturbrücke Fratres stellte sie resigniert fest: „Die Demut vor der Meisterschaft ist weg.“ Dem drohenden Kulturverlust könne man nur entkommen, wenn man etwas Elitäres mache. Dies war auch lebenslang ihre Maxime.

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Als Designerin in Rom und Paris tätig

Vesna wurde 1935 als Elfriede Sekirnjak in Wien-Hütteldorf geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in der Maroltingergasse und der Klosterschule St. Ursula besuchte sie die Textilschule Spengergasse. 1957 schloss sie die Akademie für angewandte Kunst Wien bei Eduard Wimmer-Wisgrill mit dem Diplom ab. Danach arbeitete sie als Designerin bei Vossen in Gütersloh, Marigi in Rom, Galerie La Fayette in Paris und bei der Nordiska Companie in Stockholm. In der Meisterklasse Gobelinweberei schuf sie in Gruppenarbeit mit Fritz Riedl und Josef Schulz Gobelins für das Salzburger Festspielhaus.

1962 kam ihre Tochter Ilse zur Welt. Acht Jahre später eröffnete sie die „Werkstätten Vesna Design“ in der Wiener Innenstadt. Es folgten vielbeachtete Modeschauen in Guadalajara, Mexiko, wo sie auch eine Handdruckerei errichtete.

1974 erhielt sie einen Lehrauftrag für Ornamentik und Handdruck an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Ab 1975 arbeitete sie eng mit dem britischen Künstler Jonathon Roberts zusammen, der in Vesnas Werkstatt eintrat, das Interieur-Programm durch Malerei erweiterte und mit dem sie großformatige Landschafts- und Trompe-l’oeil Drucke entwickelte. Im Portfolio der damaligen Jahre finden sich Großaufträge und Ausstattungen im Hotel Hilton in Wien wie auch in Casinos, Banken, Restaurants und Privathäusern.

Primmersdorf: Vesna verwirklicht ihren Traum

In Primmersdorf fand sie 1987 ein herrschaftliches Anwesen. Hier wollte sie, bezaubert von der Waldviertler Landschaft, ihren Traum verwirklichen und erwarb Schloss und Schüttkasten. In der Nachfolge des bedeutenden Londoner Malers, Architekten und Kunstgewerbe-Pioniers William Morris (1834 - 1896) gründete Vesna eine Gemeinschaft von Handwerkern, Tischlern, Tapezierern und Druckern, mit denen sie Luxusprodukte höchster Qualität entwarf und fertigte. Auf ihre Initiative hin wurde das Schloss renoviert, es entstanden 13 Wohnungen für Mitarbeiter sowie die Druckerei und Vorführräume für Stoffe.

Wegen Auftragsmangels und fehlender Mitarbeiter – vielen war Primmersdorf zu entlegen – verkaufte sie 1999 das Schloss, behielt jedoch den Schüttkasten. Vom damaligen Landeshauptmann Erwin Pröll ließ sich die Textilkünstlerin überreden, das 300 Jahre alte Gebäude zu restaurieren. Anlässlich der Präsentation von Vesnas Studie „1.000 Jahre textiles Österreich“ im Jahr 2000 fanden sich beim „Internationalen Textilfest Waldviertel“ Künstler aus aller Welt in Primmersdorf ein.

Ein Jahr später unternahm Vesna eine ausgedehnte Indien-Reise, bei der sie Meister der Indigo-Druckkunst und indische Handwerker aufspürte, um mit ihnen zusammenzuarbeiten. Unter den Events jener Jahre sind besonders eine Modeschau im Naturhistorisches Museum Wien, ein Modefestival auf Mallorca und eine große Hotelausstattung in Prag erwähnenswert.

 „Nicht in billiger Massenware versinken“

2005 eröffnete Vesna ihre eigene Kunstgalerie im Schüttkasten. Unter dem Motto „Die Freiheit lädt die Künstler ein“ veranstaltete sie zehn Jahre hindurch Ausstellungen international berühmter Künstler aus der bildenden und angewandten Kunst, ehe sie das Atelier verkaufte und ihren Arbeitsschwerpunkt in die tschechische Renaissance-Stadt Slavonice verlegte. 2019 wurde der Verkauf des Schüttkastens unumgänglich. Ein Jahr danach verstarb ihr langjähriger Weggefährte Jonathon Roberts.

Bei der Eröffnung der letzten Ausstellung ihrer Werke in Fratres forderte sie von der Politik eine Wende im Akademiebetrieb und erinnerte daran, dass die Wurzel der Kunst das Handwerk sei. Von Krankheit bereits schwer gezeichnet, richtete sie einen flammenden Appell an die jungen Künstler, nicht in den digitalen Welten zu versinken, sondern die Kreativität konsequent und eigenständig zu entwickeln. Die Demut vor der Meisterschaft müsse zurückkehren, „damit wir nicht in billiger Massenware versinken“.

Vesna lebt in Kulturbrücke weiter

Als Beitrag zu ihrem künstlerischen Vermächtnis verfügte Vesna, alle Exponate dieser ihrer letzten Ausstellung der Kulturbrücke zu übereignen, und zwar mit der vertraglichen Auflage, die Erlöse aus den geplanten Verkäufen der Förderung junger Künstler zukommen zu lassen. Ihre Hoffnung, dem Handwerk wieder seine Wertschätzung zurückzuerobern, hat Vesna nie verloren.

Demnächst wird im Verlag der Provinz ein Buch der Kulturpublizistin Mella Waldstein über Vesnas Lebenswerk erscheinen.