Johann Gramanitsch: Der Crocodile Dundee aus Waidhofen. Von Waidhofen/Thaya in die weite Welt ging es für Johann Gramanitsch. Mit der legendären „Kroko-Bar“ wurde er ab den 1960er-Jahren zu einer Sensation in seiner Heimatstadt, gemeinsam mit „Susi“, „Jokel“ und Co.

Von Michael Schwab. Erstellt am 16. Juli 2021 (12:31)

Eigentlich hätte Johann Gramanitsch Steward auf einem Schiff werden wollen. Kaum hatte er erstmals den Duft der weiten Welt gerochen, musste er schweren Herzens nach Waidhofen an der Thaya zurückkehren, weil sein Vater schwer krank wurde. Was dem jungen Mann wie das Ende eines Traumes vorgekommen sein mag, war in Wahrheit jedoch der Anfang eines von Abenteuern in fernen Ländern geprägten Lebens und einer legendären Freundschaft zu einem Krododil, mit dem Gramanitsch in Waidhofen zu einer Legende wurde. Über drei Jahrzehnte lockte er mit seiner „Orientbar“ Besucher aus dem In- und Ausland an. „Gehst du heute zum Krododil?“ hieß es, wenn es darum ging, einen Abend in Gramanitschs Lokal zu verbringen, wie Stadtchronist Erwin Pöppl in seinem Buch „Waidhofen-Pur“ festhielt.

Im Gespräch mit NÖN-Redaktionsleiter Michael Schwab lässt Johann Gramanitsch sein bewegtes Leben Revue passieren, erinnert sich an gefährliche Situationen, in denen er näher am Tod als am Leben war, und lüftet das Geheimnis um einen rätselhaften Zwischenfall in Papua-Neuguinea, dessen Ursache er erst im vergangenen Jahr durch Zufall erfuhr.

Wie kam es dazu, dass Sie zum Abenteurer wurden? War das ein Kindheitstraum? Wie sah Ihr Werdegang in jungen Jahren aus?

Ich wurde am 20. Oktober 1935 in Waidhofen geboren, wuchs dort auf und besuchte die Volks- und Hauptschule. Meine Eltern hatten einen Gastronomiebetrieb in der Wienerstraße 7. Ich wollte zuerst eigentlich Architekt werden, aber meine Eltern hatten keine Möglichkeit, diese Ausbildung zu finanzieren, daher entschloss ich mich zu einer Lehre in der Gastronomie. Ich bin ein Perfektionist – wenn ich etwas mache, dann ordentlich. Daher wollte ich von den Besten lernen. Nach der Lehre im elterlichen Betrieb ging ich im Sommer auf Saison, zuerst ins Weiße Rössl, dann ins Hotel Panhans am Semmering. Das war meine Eintrittskarte für das Ausland: Ich arbeitete im Grand Hotel Vulpera in Graubünden in der Schweiz und in Scheveningen an der holländischen Küste. Eigentlich wollte ich Steward auf einem Schiff werden und stand kurz davor, diesen Schritt zu verwirklichen, aber dann wurde mein Vater schwer krank. Ich wollte nicht zurück nach Waidhofen, ich hatte den Duft der weiten Welt schon gerochen, aber ich hatte keine Wahl.

Das klingt, als wäre da ein Traum geplatzt. Wie ging es für Sie in Waidhofen weiter?

Mein Vater hatte im Strandbad ein Buffet gepachtet, um das ich mich kümmerte, aber das war mir zu wenig. Ich wollte eine Hafenbar in der ehemaligen Schießstätte einrichten, für 150 bis 200 Leute, aber ich bekam damals dafür keine Konzession, als die Konkurrenz sah, wie gut es lief. Sie legte Einspruch ein und behauptete, es gäbe keinen Lokalbedarf. Daher entschied ich mich, diese Idee im Gasthaus meiner Eltern umzusetzen. Als ich meine Hafenbar schon hatte, entdeckte ich 1960 in einer Tierhandlung in Wien ein Krokodil. Ich habe es gekauft und hielt es in meiner Wohnung. Alle möglichen Leute wollten es sehen, es kamen mehr Gäste in meine Wohnung als in mein Lokal. Da musste ich etwas tun.

Das war die Geburtsstunde der „Krokodilbar“, richtig? Wie klappte das mit dem Krokodil im Lokal?

Ja. Ich habe ein Terrarium ins Lokal integriert und dort das Krododil platziert. Ich gab ein zweites und drittes Krododil dazu, und da war ein Pärchen dabei. Ich beobachtete ein Kopulationsritual, dann legte das Weibchen Eier. Ich fuhr nach Wien, um zu erfahren, wie ich damit umgehen solle, aber keiner kannte sich aus. Dieses Wissen musste ich mir selber aneignen. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Tiere hinzu.

Nachdem Sie nun exotische Tiere in Ihrer Bar hatten, wann kam der Wunsch nach dem Reisen in die weite Welt wieder auf? Wie erlebten Sie Ihre erste Abenteuerreise?

1962 habe ich mir in Kenia ein Auto gemietet und wollte damit in den Masai Mara Nationalpark fahren. Ich bekam eine grobe Straßenkarte in die Hand und machte mich auf den Weg, aber dann machte das Auto auf einmal blub-blub-blub und blieb stehen. Zuerst war ich noch guter Dinge, aber es kam niemand. Da hörte ich das Tröten von Elefanten. Ich kletterte aufs Auto, um sie zu fotografieren. Leider waren sie am Foto viel kleiner, als ich sie wahrgenommen habe. Es wurde Nacht, ich wusste nicht, was ich tun sollte, falls mich ein Tier angreift, und legte mich unters Auto. Dann kamen die Masai und brachten mich in ihr Dorf. Sie reichten mir eine Mischung aus Rinderblut und Kuhmilch zum Trinken, da habe ich im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt. Ich wollte mehr über das Leben und die Kultur dieser Naturvölker erfahren. 

Wie verständigt man sich da? Mit Deutsch oder Englisch kommt man bei Stämmen im Busch ja nicht weit? Wie nähert man sich da an? Gab es heikle Situationen?

Am Anfang klappt das nur mit Händen und Füßen. Mit der Zeit weiß jeder, was man will. Man muss vorsichtig sein, darf keine Fehler machen. Die Männer fürchten vor allem um ihre Frauen, je mehr fremde Leute dabei sind, desto größer wird ihre Scheu. Alleine oder zu zweit ist es immer am besten gegangen. Wenn man unvorsichtig ist, kann das böse enden. In Quito suchten wir Kontakt zu Indianern, wir hatte eine Reporterin als einzige Frau in der Gruppe. Ich ahnte, dass es Probleme geben wird, aber sie wollte mitgehen. Beim Frühstück kam ein Eingeborener, deutete auf die Reporterin, und 15 bis 20 Krieger versammelten sich um uns. Man riss der Frau den BH runter, berührte ihre Brüste. Wir taten das einzig Richtige in so einer Situation, nämlich nichts. Die Eingeborenen glaubten, weiße Frauen haben immer Milch. Wir haben Trockenmilch zubereitet, da dürften die Einheimischen einen Zusammenhang vermutet haben. Man darf sich nichts vormachen, man kann bei solchen Expeditionen in Lebensgefahr geraten.

Was war aus Ihrer Sicht die gefährlichste Situation, die Sie auf einer Reise erlebten?

Das war in Papua-Neuguinea. Dort gibt es den Kukuku-Stamm, der seine Toten räuchert und trocknet. Das tun sie auf einem Berg mit Blick über das Tal, sie glauben, die Toten können so weiter am Dorfleben teilnehmen. Ich habe den Stamm gefunden, mit mir war Toni Daum unterwegs. Als er sah, wie schwierig der Aufstieg war, entschied er sich aber, unten zu bleiben. Ich wollte unbedingt rauf, ich hatte eine 50 bis 100 Meter hohe Felswand vor mir. Auf einmal funktionierte mein Fuß nicht mehr, ich merkte, dass ich rutsche, und dachte mir, das war es. Dann spürte ich die Hände der Einheimischen, die mich auffingen.

Wissen Sie, warum der Fuß auf einmal versagte?

Das erfuhr ich erst viele Jahre später durch Zufall. Im Vorjahr war ich im Krankenhaus, um einen Tremor abklären zu lassen, da wurde auch ein Schädelröntgen gemacht. Da stellte man fest, dass ich einen Schlaganfall gehabt hatte, der gut verheilt ist und den ich offenbar nie bewusst mitbekommen habe. Ich fragte mich, wann das gewesen sein könnte, und da wusste ich, das war im Jahr 1990/91 in Papua-Neuguinea, wo ich fast abgestürzt wäre.

Das war aber nicht die einzige Situation, als Ihr Leben in Gefahr war?

Es gibt da diese Geschichte mit der Schlange … Das war meine Python „Susi“. Sie war fünfeinhalb Meter lang und hatte 70 Zentimeter Umfang. Ich hatte sie als kleine Schlange aus Sri Lanka mitgenommen. Sie war immer brav und zahm. Eines Tages wollte ich in der Früh Exkremente aus dem Käfig entfernen, habe aber vergessen, dass ich vorher bei den Kaninchen war. Die Schlange spürt das, biss mir in die Hand und warf mich durch die Luft. Dann war ich schon eingewickelt, mehrere Rippen brachen. Meine Frau holte den Revolver und schoss der Schlange in den Kopf – den Schuss hörte ich nicht.

Mit dem Krokodil hatten Sie solche Probleme nicht?

Nein. Das Krokodil war sehr brav. Ich ging mit ihm schwimmen, es war schneller als ich. Wir haben miteinander gerangelt, wer als Erster am Rücken lag, hatte verloren. Das Krokodil ließ mich immer gewinnen, und wenn es am Rücken lag, ließ es sich streicheln. Als ich es das erste Mal mit meinem Cabrio mitnehmen wollte, wollte ich es festbinden, das gefiel ihm gar nicht. Aber einfach so blieb es liegen.

Gab es noch weitere Tiere, zu denen Sie ein ähnliches Verhältnis aufgebaut haben?

Ich hatte im Lokal einen Affen, den ich vor einem grausamen Schicksal in Bangkok gerettet habe. Dort brachte mich ein Taxler in ein gutes Lokal, aber was ich dort sah, schockierte mich. In die Tischplatten waren kreisrunde Löcher eingelassen, zehn bis 15 Zentimeter im Durchmesser, dort wurden Affen lebendig eingespannt, und der Gast schlug ihnen den Schädel ein und aß ihr Hirn. Das Lokal habe ich fluchtartig verlassen. Am nächsten Tag sah ich auf dem Markt eine Kiste, aus der zwei dünne Hände und dunkle Augen rausschauten. Ich fragte den Standler, was da drin ist. „Affe zum Essen, die Chinesen essen das“, sagte er. Der Affe schaute mich mitleidig an, ich sagte mir, den Affen kriegt ihr nicht. Ich nahm ihn mit, presste ihn beim Zoll an die Brust und saß schon im Flugzeug, da entdeckte die Stewardess den Affen – einen Gibbon – und holte den Chefzöllner. Der meinte, sie sperren jede Woche zwei solche Lokale zu, aber fünf neue auf. Dann sagte er „Take away“, er ließ mich den Affen mitnehmen.

Wie ging es mit dem Gibbon dann in Waidhofen weiter?

Er durfte zu mir ins Lokal. Er saß mit Lederhose und Pullover am Stammtisch, ich sagte, das ist Charlie, das Kind eines Tiroler Skilehrers. Eines Abends kam Toni Daum mit einem Date ins Lokal. Er hatte vorher den besten Platz reserviert. Er hatte ein Toupet auf, der Affe erkannte das und riss es weg. Die ganzen Geschäftsleute aus Waidhofen waren da, die Gäste schrien vor Lachen, der Toni Daum bekam einen roten Kopf. Die Dame meinte dann, er sähe ohne Toupet besser aus, die beiden haben geheiratet. Der Affe hielt mir immer seinen Schnabel wie eine Pinzette für einen Kuss hin, und ich brachte ihm bei, einen Salto zu machen. Das kapierte er sofort.

Sie hatten ein besonderes Verhältnis zu Tieren …

Ich war mit ihnen auf Du und Du, ich wollte sie nicht so halten wie im Zoo, sondern mit ihnen zusammenleben. Heute kann ich jedem nur abraten, das zu tun, was ich getan habe. Das kann irgendwann ins Auge gehen.

Wie leben Sie heute?

Ich lebe seit einigen Jahren in Wien. Meine jetzige Frau habe ich 2009 kennengelernt. Wir haben uns ineinander verliebt, aber sie wollte nicht ständig im Waldviertel bleiben. 2020 haben wir geheiratet – es ist meine fünfte Ehe.