Holger Schober: „Theater ist eine gute Schule“

Holger Schober über ein schwieriges Pflaster, das dahinschwindende Zuhören – und über ein Programm nur für Babys.

Karin Widhalm
Karin Widhalm Erstellt am 16. September 2021 | 04:44

Holger Schober hat im Jänner die künstlerische Leitung von Stephan Rabl (Szene Waldviertel) übernommen, „relativ kurzfristig“, wie er heute sagt, – und mit seiner Frau die „Tagträumer*innen“ ins Leben gerufen. Das Erzählfestival will vorwiegend Kinder und die Jugend ansprechen und knüpft damit an die „Szene Bunte Wähne“-Anfänge an. Schober weiß schon jetzt, dass er 2022 die Struktur des Festivals ändern will.

„Ich glaube nämlich, dass das Festival so, wie es in den letzten 30 Jahren war, mit 120 Vorstellungen in sieben verschiedenen Spielorten, dass das in dieser Ballung nicht mehr funktioniert“, führt er aus. Seine Idee ist, das Festival im Frühling, Sommer, Herbst und Winter stattfinden zu lassen, aber mit derselben Anzahl an Vorstellungen. Er arbeitet schon an der Konzeptionierung und führt demnächst Gespräche mit Bund und Land, um wieder Förderungen lukrieren zu können. Mit der NÖN sprach Schober über die laufende Saison, die jetzt am Wochenende in Raabs stattfand.

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Raabs - Holger Schober: „Theater ist eine gute Schule“
Holger Schober 
Agentur Fürst

NÖN: Wie lief das Wochenende in Raabs und wie zufrieden sind Sie?

Holger Schober: Das Publikum war sehr begeistert von dem sehr qualitätsvollen Programm. Zuschauermäßig war noch Luft nach oben, aber Raabs ist auch ein sehr schweres Pflaster. Jetzt kommt die aktuelle Situation dazu (Anm.: siehe Seiten 4/5). Alle Veranstalter kämpfen, sogar Josef Hader ist nicht ausverkauft. Im Rahmen dessen bin ich zufrieden.

Warum ist Raabs ein schweres Pflaster?

Schober: Das weiß ich nicht so genau. Am Sonntag waren Leute aus Gars, Allentsteig, Gmünd, sogar Leute aus Wien da, aber sehr wenige aus Raabs. Das habe ich noch nicht so richtig durchschaut, es ist ja auch mein erstes Jahr. Das werde ich noch genau begutachten.

Sie sagen, dass das Geschichtenerzählen für Kinder eine wertvolle Erfahrung ist. Warum ist das so?

Schober: Weil ich glaube, dass das Hören und Erzählen von Geschichten sehr viel zur Bildung beiträgt. Wenn ich Kinder in der Sandkiste beobachte, dann kann ich sagen, welches Kind Geschichten vorgelesen bekommt und welches nicht. Ich habe eine 3,5-jährige Tochter, sie sagt Dinge wie: ‚Ich habe eine Gestalt gesehen.‘ Sie kriegt sehr viele Geschichten erzählt und ist süchtig danach. Und das bildet die Sprachfähigkeit aus, bereichert den Wortschatz, aber vermittelt auch Empathie, Mitgefühl. Man erweitert den Erfahrungshorizont.

Oft sind Geschichten sehr themenbasiert, sie drehen sich um Rassismus, Sexismus oder Cybermobbing. Diese Themen werden natürlich mittransportiert, aber mich interessiert nicht das Thema, sondern die Geschichte an sich. Alfred Hitchcock hat einmal gesagt: Ein guter Film braucht drei Dinge: ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch und ein gutes Drehbuch.

Dabei sind gerade Drehbuch-Autoren nicht so bekannt wie Regisseure und schon gar nicht wie Schauspieler ...

Schober: Das ist nur bei uns so, in Amerika stehen die Drehbuch-Autoren in der ersten Reihe. Ich schreibe auch für den ORF, bei uns kommen die Autoren auf den allerletzten Platz der Liste. Es gab einen Skandal beim deutschen Filmpreis, bei dem die Autoren nicht eingeladen waren, obwohl es ohne sie gar nichts geben würde.

Sie wollen wie bei „Szene Bunte Wähne“ junges Publikum ansprechen: Ist die Sehnsucht nach Theater unter den Kindern spürbar oder brauchen sie einen Schubs in Richtung Bühne, um Kultur kennenzulernen?

Schober: Eine Mischung aus beidem. Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder mit Kunst und Kultur in Berührung kommen. Es bringt aber nichts, wenn man sie in den Louvre zerrt oder sie den Schnitzer anschauen lässt, dann wird man sie eher vergrämen. Es sei denn, sie sind so wie ich als Kind: Ich habe mir alles angeschaut. Grundsätzlich muss man sie aber als Publikum gewinnen und sie ernst nehmen: Das ist ein ganz wesentlicher Punkt.

In Deutschland oder auch in Österreich heißt es: Man muss die Kinder erziehen, dass sie das Publikum von morgen sind. Ich sehe das nicht so, denn die Kinder sind das Publikum von heute, man muss heute etwas machen, damit sie sagen: Das wollen wir wieder haben. Und das funktioniert nur, wenn man sie dort abholt, wo sie sind. Darum ist auch die Geschichte wichtig.

Ein Erwachsener würde nie zugeben, dass er ein Stück nicht versteht, sobald er hört, dass alle anderen es verstehen. Das macht ein Kind nicht, das sagt, das war fad oder das war ein Blödsinn. Wir schauen sehr auf das Alter, aber es geht nicht nur ums Verstehen, sondern auch ums Interesse. Ein Achtjähriger wird sich eher weniger für Liebesgeschichten interessieren.

Beim Stichwort Erzählen denkt man unweigerlich an Folke Tegetthoff und seine „Schule des Zuhörens“: Wird das Zuhören verlernt?

Schober: Ja, das ist mit Sicherheit so, nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen. Die Aufmerksamkeitsspanne wird immer geringer, auf TikTok sind nur eine Minute oder zwei notwendig. Wenn wir am Set drehen, sitzt jeder nach kurzer Zeit da und schaut ins Handy. Das Theater ist hierbei eine gute Schule, denn du musst zuhören, sonst begreifst du nicht, worum es geht. Ich merke das immer wieder, dass Kinder, die zum ersten Mal mit dem Theater in Berührung kommen, einen positiven Eindruck haben: Wow, da wird mir persönlich und live etwas erzählt! Man merkt, dass eine große Sehnsucht da ist nach Geschichten, die einen berühren. TikTok oder Instagram haben einen hohen Unterhaltungswert, aber die emotionale Komponente ist nur rudimentär vorhanden. Das kann das Theater wie kein zweites Medium, im besten Fall.

Ab welchem Alter kann das Kind ins Theater gehen?

Schober: Bei uns ist 0,5 Jahre das niedrigste Alter: Das funktioniert schon. Das ist natürlich speziell konzipiert für Babys, aber mit Kultur kann man sich immer beschäftigen. Wir haben sonst sehr viele Abstufungen, ab 2, ab 4 oder ab 6 Jahre gibt’s Programmpunkte. Es ist nie zu früh, aber auch nie zu spät: Es gibt immer wieder Leute, die mit 50 oder 60 Jahren zum ersten Mal in ein Theater gehen.

Wie sieht das Programm für die Babys aus?

Schober: Das ist in dem Fall „Blub. Eine Reise in die Tiefe.“ Die Kinder können sich frei im Raum bewegen. Die Performance-Künstler nehmen die Bewegungen oder die Geräusche von den Kindern auf und versuchen damit zu improvisieren. Das starke Miteinander funktioniert auf einer ganz anderen, spielerischen, niederschwelligen Ebene. Es entsteht ein gemeinsamer Erfahrungsraum.