Manfred Damberger: „Waldviertel steht hoch im Kurs“. WAV-Direktor Manfred Damberger bestätigt Trend der Stadtflucht. Waldviertel und nördliches Weinviertel stehen hoch im Kurs.

Von Michael Schwab. Erstellt am 25. Februar 2021 (05:08)
WAV-Obmann-Stellvertreter Hubert Mayrhofer und WAV-Vorstandsdirektor Manfred Damberger blicken auf ein gutes Jahr zurück.
Michael Schwab

Die Nachfrage nach Wohnraum im ländlichen Bereich ist in der Corona-Pandemie gestiegen – dieser Trend machte auch vor der Gemeinnützigen Siedlungsgenossenschaft Waldviertel (WAV) mit Sitz in Raabs nicht halt. Während in anderen Branchen wie Gastronomie, Handel und Kultur Jobs abgebaut wurden, legte die WAV im vergangenen Jahr zu und erhöhte ihren Mitarbeiterstand. NÖN-Redaktionsleiter Michael Schwab sprach mit WAV-Direktor Manfred Damberger über ein turbulentes Jahr und die Aussichten für 2021.

NÖN: Wie hat die WAV auf den ersten Lockdown im Frühjahr reagiert? Konnte der Betrieb aufrechterhalten werden?

Manfred Damberger: Als der Lockdown verkündet wurde, haben wir innerhalb weniger Stunden alles auf Homeoffice umgestellt. An dieser Stelle gebührt mein Dank allen Mitarbeitern, die bereit waren, diesen Schritt auch ohne eine gesetzlich verankerte Homeoffice-Regelung zu gehen und ihre privaten Computer und Handys zu benutzen. Parallel dazu haben wir Hygienemaßnahmen im Büro eingeführt und auch den Außendienst entsprechend angepasst, damit wir weiterhin Wohnungsbesichtigungen, Übergaben und Verkäufe durchführen konnten. Bis auf einen kleinen Engpass Ende August hatten wir keine Einschränkungen im täglichen Betrieb.

Warum gab es Ende August einen Engpass?

Damberger: Da hatten wir einen oder zwei Coronafälle im Betrieb, damit verbunden mussten einige weitere Mitarbeiter in Quarantäne. Dadurch kam es in diesem Zeitraum eben zu einem vorübergehenden Mitarbeiter-Engpass. Ansonsten sind wir bisher gut durchgekommen.

Hat sich Corona in irgendeiner Form negativ auf das Geschäft der WAV ausgewirkt?

Damberger: Nein, im Gegenteil. Corona hat im Kauf- und Mietverhalten unserer Kunden merkbare Veränderungen dahingehend herbeigeführt, dass sowohl Eigentumswohnungen als auch Mietwohnungen und Reihenhäuser stärker nachgefragt wurden. Das hat meines Erachtens zwei Gründe: Einerseits gibt es im privaten Bereich Menschen, die in gewisser Weise um den Wert ihrer Geldmittel fürchten und diese daher nachhaltig investieren möchten, und andererseits gewinnen Mietflächen im ländlichen Raum an Bedeutung. Die Menschen wollen raus aus dem urbanen Raum, hin zum Reihenhaus oder Doppelhaus mit Garten im Grünen und mit Balkon oder Terrasse. Das Waldviertel und das nördliche Weinviertel stehen da hoch im Kurs. Mit unserem Modell der Miete mit Kaufoption haben wir in dieser Situation genau das richtige Angebot, man kann ein Objekt mieten und leistet zugleich mit seiner Miete eine Anzahlung für einen späteren Kauf, sodass man die Miete nicht ‚umsonst‘ zahlt.

Das heißt, Sie sehen die WAV als Gewinner in der Krise?

Damberger: Corona ist eine Herausforderung, aber jede Krise ist auch eine Chance. Wir und mit uns auch die Baubranche sind sehr flexibel und können daher von der momentanen Situation gegenseitig profitieren. Die Professionisten arbeiten gerne für uns, weil wir als gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft ehrliche und verlässliche Vertragspartner mit gesicherten Zahlungsmodalitäten sind. Klar, wir stellen gewisse Anforderungen und haben Auflagen auf unseren Baustellen, aber unsere Projekte sind von Beginn an vollständig ausfinanziert durch die Wohnbauförderung, wir wissen, was wir brauchen und wie wir es umgesetzt haben wollen, da gibt es kein Hin und Her während der Bauphase. Darum genießen unsere Aufträge einen gewissen Stellenwert bei den Baufirmen. Der gemeinnützige Wohnbau sichert auf diese Weise 25.000 bis 30.000 Arbeitsplätze in der niederösterreichischen Bauwirtschaft.

Es waren und sind ja Mieter von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit betroffen. Machte sich das in der Zahlungsmoral bemerkbar?

Damberger: Wir hatten entgegen unserer ersten Befürchtungen in dieser Hinsicht keine Probleme. Ich denke, das Thema Wohnen hat wieder mehr Stellenwert bekommen, während man zugleich durch den Lockdown weniger Möglichkeiten hatte, das Geld anderweitig auszugeben. Die eigenen vier Wände, die Wohnung wird wieder mehr geschätzt als nur zum Schlafen, sie ist ein Raum zum Wohnen, Leben und Gestalten.

Wie wirkte sich Corona auf die Bautätigkeit der WAV aus?

Damberger: Wir hatten in den letzten Jahren eine atypische Steigerung der Bauvolumina, wir sprechen von 45 bis 50 Millionen Euro, die wir jährlich in Form von Aufträgen für Planung und Ausführung vergeben. Derzeit befinden sich etwa 500 Wohneinheiten im Bau, für etwa die gleiche Anzahl sind bereits Wohnbauförderungsmittel bewilligt. Es handelt sich dabei um Projekte, die 2021 in die Realisierungsphase kommen. Weitere circa 1.400 Wohneinheiten befinden sich in der Projektierungsphase, vorrangig im Wald-, Wein- und Mostviertel. Ein kleiner Teil unserer Bautätigkeit findet im Industrieviertel statt. Prozentuell haben wir rund 40 Prozent des Bauvolumens im Weinviertel, 30 Prozent im Waldviertel und 25 Prozent im Mostviertel, den Rest im Industrieviertel. Man sieht hier deutlich die Auswirkungen des Speckgürtels um Wien, in dem die Grundstückspreise nicht mehr mit dem gemeinnützigen Wohnbau kompatibel sind. Im ländlichen Raum ist das anders, ich sehe hier eine Chance für Gemeinden, in einen Wettkampf zu treten und auf die Attraktivität des ländlichen Raums zu verweisen. Im Bezirk Waidhofen hätten wir als Glasfaser-Pilotregion einen zusätzlichen Vorteil. In weiterer Folge würde auch das gesellschaftliche Leben und Vereine und Organisationen durch das Zurückgewinnen von Menschen in den ländlichen Raum profitieren.

Die zusätzlichen Objekte müssen auch betreut werden. Wirkt sich das auf den Mitarbeiterstand aus?

Damberger: Wir hatten im vergangenen Jahr zehn Neuanstellungen in den Bereichen Büro und Hausbetreuung. Damit hat die WAV jetzt knapp 100 Mitarbeiter, wir haben also unseren Mitarbeiterstand um zehn Prozent erhöht. Wir suchen momentan immer noch Mitarbeiter für Haustechnik und Hausbetreuung, aber auch im Vertrieb. Wir können davon ausgehen, dass sich der Trend fortsetzt. Das Glas ist nicht halb leer, sondern mehr als halb voll.

Die Anforderungen hinsichtlich Energieeffizienz und Nachhaltigkeit steigen auch in der Baubranche. Was tut die WAV, umhier vorne mitzuspielen?

Damberger: Die Themen Energie und Mobilität sind für uns die größten Herausforderungen. Wir sind in unseren Häusern schon lange weg von Öl- und Gasheizungen und setzen auf Hackschnitzel, Pellets und Wärmepumpen. Aber wir ruhen uns nicht auf diesem Zwischenstand aus, sondern schauen uns an, was wir in Richtung Solar und Photovoltaik bei unseren Häusern tun können, und ich denke, dass wir uns auch mit der Wasserstofftechnik auseinandersetzen werden müssen.