Raabser Professor zu Trump-USA: „Nur eine Nabelschau“. Seit 2012 lebt der aus Raabs stammende Thomas Schmidt in den USA. Der Uni-Professor erzählt, wie er den hitzigen Wahlkampf zwischen Biden und Trump miterlebte.

Von Sebastian Dangl. Erstellt am 19. November 2020 (04:32)
Thomas Schmidt ist Uniprofessor in San Diego in den USA.
privat

Journalismusforscher und Universitätsprofessor Thomas Schmidt lebt seit 2012 in den USA. Dort erlebte er die Ära Trump und den letzten Wahlkampf hautnah mit. Momentan ist er vorübergehend wieder in der Raabser Heimat. Im Gespräch mit der NÖN erzählt er von seinem Weg über den großen Teich und von der Stimmung während des US-Wahlkampfs.

NÖN: Wie und warum hat es Sie in die USA verschlagen?

Thomas Schmidt: Es war bei mir eine Folge vieler kleiner Schritte, die mich dazu gebracht haben. 2005 war ich zum ersten Mal mit einem Stipendium in New York. Ich war ursprünglich Journalist, unter anderem beim ORF und der „Kleinen Zeitung“. Schließlich habe ich mich jedoch entschieden, den „praktischen“ Journalismus zu verlassen und mich auf eine Unikarriere zu konzentrieren.

In Oregon habe ich meinen Master und ein Doktorat gemacht und mich auf Journalismusforschung spezialisiert. Nach dem Abschluss 2017, war für mich klar, dass meine berufliche Zukunft in den USA liegt. Seit 2019 bin ich Assistenzprofessor an der „University of California“ in San Diego.

Seit Kurzem sind Sie aber wieder in Österreich, oder?

Genau seit ein paar Wochen bin ich wieder in Raabs. Ich unterrichte natürlich weiter an meiner Uni. Meine Stunden halte ich online ab. Ich habe zwei Kinder mit zwei und vier Jahren.

Deshalb haben meine Frau und ich beschlossen, einige Zeit bei meinen Eltern zu verbringen. Die Situation in den USA ist aktuell recht unsicher. Die Trump-Regierung hat kaum Maßnahmen gegen die Pandemie getroffen.

Wie haben Sie die Amtsperiode Trump miterlebt?

Als Migrant in den USA war diese Präsidentschaft für mich nicht sonderlich angenehm. Einwanderungsbeschränkungen haben mich zwar nicht persönlich betroffen, doch Donald Trump hat das Meinungsklima in den USA total vergiftet. Mit dem Wahlausgang fühle ich mich jetzt erleichtert. Ich glaube auch an einen positiven Effekt für das Land. Unter Trump haben sich die USA vom Rest der Welt isoliert. Es war alles nur mehr eine Nabelschau. Durch die Wahl haben sich jedoch abermals die Gräben in der Bevölkerung gezeigt. Es wird schwierig, einen nationalen Konsens zu finden.

Wie war die Stimmung vor der Wahl?

Es war eine große Anspannung zu spüren. Der Wahlkampf dauerte lange und auch die Monate davor waren dramatisch. Die Coronakrise und die Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Rassismus haben das ganze Land stark erschüttert. In Kalifornien, wo ich lebe, kamen im Sommer auch noch die Waldbrände hinzu, die sich über die ganze Westküste erstreckten. Die Luftqualität war teilweise so schlecht, dass Menschen nicht außer Haus gehen konnten. Es war ein Jahr der multiplen Katastrophen und mittendrin der Wahlkampf.

In Österreich wird über Trump kein gutes Wort verloren, doch in den USA wurde er jetzt von 73 Millionen Menschen gewählt. Ticken die Amerikaner anders?

Ich weiß, dass es in Österreich recht schwer zu erklären ist. Man muss aber verstehen, dass die USA ein Zweiparteiensystem haben. Die Menschen haben nicht zwangsweise Trump wegen Trump gewählt, sondern manchmal auch, obwohl es Trump ist. Auch wenn er vielen Konservativen vielleicht zu radikal ist, ist er doch derjenige, der am ehesten ihre Interessen vertritt. Die republikanischen Wähler sind nicht einheitlich. Nicht alle leben hinterm Berg. Manche wählen strategisch, manche opportunistisch.

Im Vorfeld wurde oft ein klarer Biden-Sieg prognostiziert. Hätten Sie gedacht, dass die Demokraten doch so lange zittern mussten?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich auch mit einem Erdrutschsieg gerechnet habe. Die Stimmung hat sich im letzten Jahr schon sehr verändert. Dass Trump Corona komplett verschlafen hat, hat sich merklich auf seine Wiederwahl ausgewirkt. Während der Auszählung war das Kopf-an-Kopf-Rennen doch etwas überraschend. Es hat sich jedoch nur so knapp angefühlt, weil die Auszählung so lang gedauert hat. Hätte man die Zahlen in Pennsylvania früher gehabt, wäre es auch schneller ein eindeutiger Sieg gewesen. Was mich erstaunt, ist, dass Trump Wähler dazugewonnen und bei Hispanics und Afroamerikanern besser als erwartet abgeschnitten hat.

Wissen Sie schon, wann es für Sie wieder nach Kalifornien geht?

Das habe ich noch nicht entschieden. Vorerst werde ich einige Monate in Österreich bleiben.