Bussard in Voliere: Acht Waldrappe sind tot. „Das ist ein Fall, der praktisch nie vorkommt“, sagt Bezirkshauptmann Günter Stöger. Die schwächsten Vögel sind in der Vorwoche gestorben.

Von René Denk. Erstellt am 15. Februar 2017 (04:19)
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Der Mäusebussard versucht noch immer, eine Fluchtmöglichkeit aus der Waldrapp-Voliere zu finden. Er wirkt mittlerweile träger.
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„Die Lage ist kritisch“, sagt Werner Neubauer, Obmann des Vereins Waldrapp Initiative Waidhofen.

Der Grund: Man konnte den verirrten Mäusebussard in der größten Waldrappvoliere Europas auch nach vier Wochen nicht mit der Lebendfalle einfangen. In der Vorwoche verendeten acht Waldrappe in kurz aufeinanderfolgendem Zeitabstand, weil sie den Stress nicht mehr aushielten.

Der Bussard war damals durch ein kleines Loch in der „Decke“ der Voliere gekommen, das dann unverzüglich geschlossen wurde. Obwohl der Mäusebussard den Waldrappen nichts tut, sind diese permanent nervös und achtsam: Sie haben seit Generationen die Silhouette von Raubvögeln, wie dem Bussard gespeichert und achten immer auf einen Sicherheitsabstand.

Werner Neubauer, Obmann des Vereins Waldrapp Initiative Waidhofen, hofft nun darauf, dass die Bezirkshauptmannschaft zu einer raschen und effektiven Lösung kommt.
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Der Bussard wirkt mittlerweile viel träger, als zu Beginn. Jedoch versucht er trotzdem zumindest alle paar Minuten, irgendwo eine Fluchtmöglichkeit zu finden und reißt dabei auch kräftig an den Netzen herum. Kaum setzt sich der Bussard in Bewegung, sind auch die Waldrappe sofort bemüht, ihm auszuweichen und fliegen an eine andere Stelle. Manche der Waldrappe saßen beim zweiten Lokalaugenschein letzte Woche aber schon deutlich näher beim ihm als beim ersten Mal.

Die vom Amtstierarzt angeordnete und aufgestellte Lebendfalle ist leider wirkungslos, weil der Bussard bei den Fütterungen der Waldrappe mit frisst und das Lockfutter der Falle nicht anrührt.

Neubauer hatte schon damals die Befürchtung, dass der Mäusebussard den Waldrappen Schaden könnte. Bei den tiefen Temperaturen sind die Vögel normalerweise äußerst inaktiv und verwenden die aus der Nahrung gewonnene Energie ausschließlich dazu, um ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten.

„Ich hatte schon damit gerechnet, dass es zu Ausfällen kommen könnte, wenn wir den Bussard nicht bald aus der Voliere bekommen. Aber ich hätte niemals damit gerechnet, dass sie dieses Ausmaß annehmen“, meint Neubauer und betont, dass die Ausfälle für ihn und die mobile Außengruppe der Caritas Werkstatt, die die Waldrappe betreut, sehr schmerzlich sind. Der Bestand hat sich damit auf deutlich unter 50 Waldrappe dezimiert. Die schwächsten Vögel hätten den Stress mit dem Bussard nicht mehr ausgehalten.

Tote Waldrappe hatten keine Vogelgrippe

„Dass ein Loch wegen des Eises reißt, sich durch dieses kleine Loch ein Vogel in die Voliere verirrt, dieser die Waldrappe stresst und sie zu so starkem Flugverhalten veranlasst und gleichzeitig noch die tiefen Temperaturen und ein erhöhtes Vogelgrippe-Risiko - die Wahrscheinlichkeit ist wesentlich höher, dass man einen Lottosechser macht“, meint der Vereinsobmann. Mittlerweile ist er sich sicher, dass die Waldrappe wegen des Bussards sogar mehr fliegen als im Sommer.

Von den acht toten Waldrappen wurden fünf vom Amtstierarzt sicherheitshalber in das Labor geschickt, um den Verdacht auf eine Vogelgrippe auszuräumen. Die Untersuchung ergab, dass dies nicht die Todesursache war. Die Waldrapp-Voliere bekam zudem von der Bezirkshauptmannschaft (BH) eine Ausnahmegenehmigung, die Vögel nicht Unterdach einsperren zu müssen. Das wäre bei der 900 Quadratmeter großen und zehn Meter hohen Voliere auch nicht einfach. „Für einen Zoo oder zooartige Einrichtungen hat der Gesetzgeber dafür eine Ausnahme geschaffen. Futter- und Wasserstelle sind unter Dach, deshalb konnten wir hier eine Ausnahmegenehmigung erteilen“, erklärt Bezirkshauptmann Günter Stöger im NÖN-Gespräch.

Bussard darf eigentlich nicht bejagt werden

„Wir erhoffen uns jetzt von der Bezirkshauptmannschaft eine effektive Maßnahme, damit es nicht noch zu weiteren Ausfällen kommt“, befürchtet Neubauer, der auf die gute Zusammenarbeit mit der BH und speziell mit dem Amtstierarzt verweist. Für den Obmann sei die Situation unverhältnismäßig: Der Bussard steht nicht unter dem besonderen Artenschutz, wie es bei den Waldrappen der Fall ist.

„Das ist ein Fall, der praktisch nie vorkommt. Wir konnten bisher abklären, dass hier das Jagdgesetz anzuwenden ist. Einige Gutachten wurden in Auftrag gegeben. Vielleicht werden hier noch weitere folgen“, erklärt der Bezirkshauptmann. Vorhersehbar war das Sterben der Waldrappe nicht.

Seitdem die schwächeren Vögel gestorben sind, kam es zu keinen weiteren Ausfällen und die Temperaturen werden wieder wärmer. „Wir sind mitten im Verfahren, unserer Einschätzung nach herrscht derzeit keine Gefahr in Verzug“, sagt Stöger.

Ein Abschuss des Bussards, damit die Waldrappe wieder zur Ruhe kommen können, erweist sich als schwierig - nach dem Jagdgesetz darf man in verbautem Gebiet und ohne Kugelfang keinen Abschuss machen.