Psychiater im Gespräch: Wie Erkrankten geholfen wird. Psychische Probleme: Was tun? Markus Hirsch gibt darüber Auskunft.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 24. Juli 2019 (04:38)
Karin Widhalm
Markus Hirsch in seiner Ordination in der Brunner Straße, die er seit März mit Neurologin Elisabeth Haller führt. Er spricht mit der NÖN über psychische Krankheiten, den Umgang mit ihnen und warum manche Erkrankungen häufiger auftreten.

Psychische Erkrankungen sind nichts Unbekanntes und doch herrscht Unwissenheit vor, wie mit Betroffenen umgegangen werden soll (oder wird). Die NÖN bat nach einem Fall, der in Waidhofen tagelang für Aufregung gesorgt hat, Psychiater Markus Hirsch zum Gespräch.

NÖN: Was soll man tun, wenn man merkt, dass ein Nachbar, Freund oder Familienmitglied psychische Probleme hat?

Markus Hirsch: Ich möchte vorausschicken: Der Großteil der psychisch Erkrankten ist nicht gefährlicher oder aggressiver als die Durchschnittsbevölkerung. Die meisten sind froh, wenn sie Hilfe erhalten. Drogensüchtige neigen in vermehrter Weise zur Aggression, aber selbst das ist nicht gleich eine Bedrohung. Grundsätzlich muss man aber unterscheiden, ob man Betroffene besser kennt oder nicht.

Wie sollen Angehörige und Freunde mit der Situation umgehen?

Hirsch: In dem Fall ist wirklich die Empfehlung, ihn oder sie direkt anzusprechen. Passt etwas nicht? Hast du Ängste? Kann ich dir helfen? Die Meisten sind dankbar dafür und beginnen darüber zu reden. Wenn kein direkter Kontakt besteht, dann sollte man die Situation zuerst beobachten. Wenn es dann zu Verhaltensauffälligkeiten kommt – zum Beispiel, wenn laute Geräusche aus der Wohnung oder dem Haus zu hören sind, wo man vermuten kann, dass Gegenstände herumfliegen, oder wenn laut geschrien wird, – dann würde ich nicht allzu lang zögern und eine Meldung an die Polizei, die Bezirkshauptmannschaft oder den Amtsarzt tätigen. Dann wird nachgesehen.

Was soll ich tun, wenn ich merke, dass mir ein vielleicht psychisch Erkrankter gegenüber tritt?

Hirsch: Wenn sich jemand auffällig verhält, dann den gesunden Menschenverstand einsetzen. Man kann, wenn man will, auf ihn oder sie zugehen und schauen, wie die Reaktion aussieht. Wenn das Verhalten ruhig bleibt, kann man den Mann oder die Frau, wenn sie nicht komplett mit Drogen zugepumpt sind, anreden – und zwar ruhig. Ist die Antwort „Lass mich in Ruhe“ oder „Schleich dich“, dann sollte man sich zurückziehen und die Polizei rufen. Niemand attackiert einen anderen Menschen gleich, auch keine Drogensüchtigen, wenn man sie nicht angreift. Der Polizei kann man jedenfalls sagen, dass sich jemand eigenartig verhält. Die Beamten sollen sich das mal ansehen. Dann hat man als Zivilperson auch seine Pflicht getan. Der Rest liegt an der Exekutive.

Was macht die Polizei, wenn sie gerufen wird?

Hirsch: Die Polizei wiegt ab und beurteilt, wie die Lage ist. Die Beamten haben große Erfahrung und können einschätzen, ob jemand psychisch auffällig ist oder nicht. Wenn ja, wird man beim Amtsarzt vorstellig, der zum Beispiel bei einer massiven Selbstgefährdung auch gegen den Willen der Person in die Psychiatrie einweisen kann. Die Polizei hat auch dieses Recht, wenn der Amtsarzt zum Beispiel in der Nacht nicht zu erreichen ist und eine akute Gefährdung vorliegt. Die Beamten bringen ihn oder sie dann direkt in die Psychiatrie.

Wann darf jemand gegen den Willen eingewiesen werden?

Hirsch: Das regelt das Unterbringungsgesetz, für das der Schutz der Betroffenen sehr wichtig ist. Nicht jeder gewalttätige Mensch oder Mensch, der ein Verbrechen begangen hat, muss automatisch psychisch krank sein. Das ist nicht immer sofort feststellbar. Es muss jedenfalls eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegen. Das können verbale Drohungen sein („Ich bringe dich um!“), Selbstmord-Drohnungen oder auch das Herumwerfen von Gegenständen. Und: Es dürfen keine Behandlungsalternativen vorliegen.

Was heißt das?

Hirsch: Wenn der Betroffene sagt, dass er zum niedergelassenen Psychiater geht, dann kann man ihn nicht aus reiner Willkür einweisen. Richter, Patientenanwalt und Gutachter schauen sehr genau darauf.

Was passiert, wenn der Patient dann doch nicht den niedergelassenen Psychiater aufsucht?

Hirsch: Wenn es richterliche Auflagen gibt, dann macht der Psychiater eine Meldung an die Bezirkshauptmannschaft. Wenn das nicht der Fall, dann befinden wir uns in einer Grauzone: Man muss das als Psychiater zuerst einmal hinnehmen; entweder es wird besser oder man muss warten, bis etwas passiert – leider. Das ist auch für uns Psychiater keine befriedigende Lösung. Aber wenn dann ein Anlassfall eintritt, kann man gegenüber dem Richter anders argumentieren.

Was tut der Psychiater?

Hirsch: Medikamente werden notwendig. Das wird großteils von den Patienten akzeptiert und im Normalfall werden die Beschwerden gelindert. Ein gewisser Teil verweigert Medikamente. Die Behandlung wird dann schwierig, wenn sich zum Beispiel der Patient in der psychiatrischen Abteilung ruhig verhält. Ich habe dann wenig Handhabe, nur, wenn es einen Anlassfall gibt. Hier wäre eine eventuelle Überarbeitung der Gesetzeslage zu erwägen.

Und wenn der Anlassfall eintritt?

Hirsch: Gutachter und Richter sehen sich den Fall an, da steckt sehr viel bürokratischer Aufwand dahinter. Bei akuter Gefahr darf ich Medikamente verabreichen, auch gegen den Willen des Patienten. Wenn es ihm oder ihr besser geht, akzeptieren sie’s auch. Grundsätzlich sind alle Zwangsmaßnahmen gesetzlich genau geregelt, um das Wohl der Patienten zu schützen.

Treten psychische Erkrankungen häufiger auf?

Hirsch: Das ist eine alte Streitfrage in der Psychiatrie, aber vermutlich ja. Die Schizophrenie, von der man weiß, dass sie seit Jahrhunderten existiert, bleibt konstant. Depression, Angst und Sucht: Das ist sicherlich am Zunehmen. Demenz, die eine psychiatrisch und neurologische Erkrankung ist, nimmt meiner Meinung nach auch zu.

Was sind die Ursachen?

Hirsch: Der Druck, der immer größer wird, die schnelllebige Zeit und die Informationsflut, die man nicht verarbeiten kann.

Kann man sich schützen?

Hirsch: Man sollte auf sich selber achten, sich nicht zu viel umbinden lassen, eine gute Work-Life-Balance haben, Hobbys und soziale Kontakte pflegen, dazu gesunde Ernährung und Sport.