Altbürgermeister Altschach: "Wurde mehr zum Egoisten“. Waidhofens Altbürgermeister Robert Altschach spricht über die Veränderungen in seinem Leben durch seine Krebserkrankung und seine Pläne für die Zukunft.

Von Michael Schwab. Erstellt am 03. Februar 2021 (05:12)
Robert Altschach wird sich jetzt voll auf seine Arbeit als Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsverbandes konzentrieren.
Michael Schwab

Zwei Wochen ist es her, dass Bürgermeister Robert Altschach aus gesundheitlichen Gründen sein Amt zurücklegte. NÖN-Redaktionsleiter Michael Schwab sprach mit dem frischgebackenen „Altbürgermeister“ über seine Krebserkrankung und den mühevollen Weg zurück ins Leben, über sieben Jahre als Bürgermeister in einem politisch anspruchsvollen Umfeld und seine Pläne für sein neues Leben in der Bürgermeister-Pension.

NÖN: Als Sie im Frühjahr Ihre Krebsdiagnose erhielten, wie haben Sie das erlebt? Was waren Ihre ersten Gedanken?

Robert Altschach: Das kam für mich völlig überraschend. Ich war bei einer Gesundenuntersuchung, bei der ein Tumor gefunden wurde. Zu Pfingsten wurde er entfernt. Die Untersuchung des Gewebes ergab, dass er bösartig war, und dass ich mich zur Sicherheit einer Chemotherapie unterziehen muss. Als ich das erfuhr, war ich am Boden zerstört, es war ein echter Schock, von dem ich mich monatelang nicht erholt habe, und dessen Nachwirkungen ich noch heute spüre. Ich war im Frühjahr 2020 total motiviert, und dann kommt so eine Diagnose.

Als Sie einige Wochen später an die Öffentlichkeit gingen, hieß es ja, die Prognose sei gut?

Altschach: Ja, die Ärzte haben mir gleich am Anfang gesagt, dass meine Überlebenschance bei 95 Prozent liegt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber in dem Moment denkt man natürlich, was ist, wenn ich bei den fünf Prozent bin, die es nicht schaffen? Ich habe einen totalen Kontrollverlust erlitten, hatte Todesängste. Das besserte sich erst zum Jahresende hin durch Behandlungen und die Unterstützung durch meine Familie. Auch, dass ich wieder stundenweise in meinem Beruf als Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsverbandes zu arbeiten begann, trug dazu bei. Mittlerweile arbeite ich hier wieder Vollzeit.

Was haben Sie rückblickend aus dieser schwierigen Zeit an Erfahrungen mitgenommen? Lernt man daraus etwas?

Altschach: Der Faktor Zeit wird bei so einer Erkrankung wesentlicher. Ich habe erkannt, dass ich mir für mich selber mehr Zeit nehmen und auf meinen Körper hören muss. Das ist etwas, was ich in den vergangenen sieben Jahren durch meine berufliche Doppelbelastung als Bürgermeister und Geschäftsführer des Abfallverbandes vernachlässigt habe. Ich musste immer funktionieren, war oft unterwegs und stand sieben Tage die Woche unter Strom. Dinge mussten zwischen Tür und Angel geklärt werden, und am Abend und am Wochenende gab es jede Menge Termine, die ich als Stadtchef wahrnehmen musste.

Lange Zeit schien es fast fix, dass Sie nach Ihrer Erholung wieder ins Amt zurückkehren. Was gab letztlich den Ausschlag, das doch nicht zu tun?

Altschach: Im November war ich ziemlich motiviert, ich war in einer echten Euphorie, dass alles wieder wie früher wird. Über Weihnachten habe ich dann intensiv darüber nachgedacht, ob ich die Funktion des Bürgermeisters wirklich weiter ausüben möchte, und ob ich die damit verbundene Belastung auch schaffe. Ersteres wollte ich zwar schon, also Bürgermeister bleiben, aber mir wurde klar, dass meine Belastbarkeit einfach nicht mehr so wie vor meiner Erkrankung ist. Das Amt ist zwar in der Corona-Zeit um 50 Prozent leichter, da es kaum öffentliche Termine gibt, das wäre zu schaffen, aber die Frage ist, was passiert, wenn wieder der Normalbetrieb einkehrt? Ich habe im Laufe des vergangenen Jahres festgestellt, dass es dann nicht mehr gehen würde. Der Körper sagt einem ganz gut, was man tun muss. Man muss nur darauf hören –und das habe ich getan.

Was bedeutet der Rücktritt als Bürgermeister für Ihre politische Zukunft? Werden Sie sich in anderer Form politisch einbringen, oder ist das Kapitel Politik für Sie endgültig vorbei?

Altschach: Man wird mich in Waidhofen sehen, ich will mich weiter in der ÖVP engagieren und die neue Bürgermeisterin Eunike Grahofer unterstützen. Und der Partei beratend zur Verfügung stehen.

Und wie wird sich das Privatleben verändern, jetzt, wo Sie mehr Zeit dafür haben werden?

Altschach: Ich wurde in den vergangenen Monaten ein wenig mehr Egoist, nehme mir mehr Zeit für mich selbst. Familie, Freunde und Hobbys rücken wieder mehr in den Mittelpunkt. In der Genesungsphase habe ich intensiv mit dem Radfahren begonnen, auf der Thayarunde und den zugehörigen Strecken. Ich möchte auch wieder hobbymäßig mit dem Fußballspielen beginnen. Außerdem will ich auf der Golfanlage in Altwaidhofen den Golfsport ausprobieren.

Und beruflich?

Altschach: Ich darf noch dreizehneinhalb Jahre bis zur Pension arbeiten. Bis dahin möchte ich weiter meine Tätigkeit als Geschäftsführer des Abfallwirtschaftsverbandes ausüben. Ich will verstärkt im Bereich der Gemeindekooperation über den Abfallverband tätig sein, wir sehen uns hier als Dienstleister der Gemeinden in einem Bereich, der in Zukunft noch wichtiger werden wird. Außerdem will ich mich ehrenamtlich in der Kleinregion Zukunftsraum Thayaland engagieren, wenn es gewünscht wird. Ich halte die Kleinregion für eine sehr wichtige Einrichtung, von welcher der ganze Bezirk profitiert hat und weiter profitiert. Der flächendeckende Glasfaserausbau wäre ohne die Kleinregion kaum möglich gewesen, denn anders als bei den üblichen Kleinregionen ist bei uns der gesamte Bezirk Mitglied und nicht nur ein Teilbereich.

Kommen wir zurück zu Ihrer politischen Karriere. Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie in die Politik gegangen sind? War das ein lang gehegter Wunsch oder mehr ein Zufall?

Altschach: Geplant habe ich den Schritt in die Politik eigentlich nie. Ich wurde im Jahr 2000 vom damaligen Bürgermeister und Obmann des Abfallverbandes, Diether Schiefer, angesprochen, ob ich in der ÖVP mitarbeiten will. 2005 holte mich Schiefer in den Gemeinderat. Mir ging es damals um die Organisation des Abfallverbandes, der noch in den Kinderschuhen steckte. Ich wollte an der politischen Entscheidungsfindung mitwirken, um geeignete Rahmenbedingungen für die Arbeit des Verbandes zu schaffen, darum nahm ich das Angebot zum politischen Mitwirken an. Ich wurde zunächst Umweltgemeinderat, was aufgrund meines Berufs naheliegend war. Anfang 2007 kam ich in den Stadtrat, wo ich für Wirtschaft und Raumordnung zuständig war. Nach der Gemeinderatswahl 2010 kamen Kanal, Straßenbau und Wasser zu meinem Aufgabenbereich hinzu, das war ein Riesen-Ressort.

Was konnten Sie als Stadtrat umsetzen, worauf Sie heute noch stolz sind?

Altschach: Waidhofen hat 2012 als erste Gemeinde im Waldviertel die öffentliche Beleuchtung auf LED umgestellt. Dadurch ersparen wir uns etwa ein Drittel an Stromkosten. Wir haben damals bewusst ein österreichisches Produkt anstelle von Billiglampen aus Fernost gewählt. Wir ernteten dafür Kritik wegen des Preises, aber im Laufe der Jahre zeigte sich, dass es richtig war, auf Qualität zu setzen, denn die Lampen halten bis heute gut.

In meiner Amtszeit als Stadtrat haben wir auch den Baumkataster eingeführt, auch da waren wir als Gemeinde im Waldviertel wieder federführend. Im Stadtpark haben wir Vogelhäuser und Bienenhotels aufgestellt. Man sieht, mir lag die Umwelt immer sehr am Herzen.

Wie kam es dazu, dass Sie schließlich Bürgermeister wurden? Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Altschach: Bürgermeister Kurt Strohmayer-Dangl trat Ende 2013 überraschend zurück. Wir brauchten einen Nachfolger, und das Los fiel auf Wunsch der Gemeindepartei und der Landespartei auf mich. Ich musste mich praktisch über Nacht entscheiden, und beschloss, mich der Herausforderung zu stellen. Ich habe es nicht bereut.

Es war eine sehr lehrreiche Zeit in einem schwierigen politischen Umfeld. Mir war von Anfang an klar, dass es einen politischen Mitbewerb gibt, ich bin niemandem böse, der anderer Meinung ist. Wesentlich für mich war, dass es in der ÖVP in den sieben Jahren, die ich Bürgermeister war, nie Streit gab, sondern immer konstruktiv gearbeitet werden konnte. Ich wollte auch immer ein guter Arbeitgeber sein, habe mich am Gemeindeamt nie als Big-Boss gegenüber den Bediensteten aufgespielt und versucht, immer ein offenes Ohr zu haben. Die vielen Genesungswünsche, die ich erhalten habe, zeigten das und machten mir die Entscheidung zu gehen nicht leicht.

Es wurde teilweise seitens des politischen Mitbewerbs mit harten Bandagen gekämpft –zum Beispiel in der Causa mit dem Spesenkonto. Haben Sie da nicht einen Groll auf bestimmte Personen?

Altschach: Ich kann nicht beweisen, wer mich deswegen angezeigt hat. Ich musste drei Mal bei der Staatsanwaltschaft aussagen, dann wurde das Verfahren eingestellt. Ich finde es feige, jemanden anonym bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen wegen etwas, was bis 2018 ein gängiger Prozess war, der zwar formal nicht in Ordnung war, aber der Gemeinde keinen Schaden verursacht hat. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein grundehrlicher Mensch bin. Profitiert haben Feuerwehren und Vereine, die schnell eine Unterstützung brauchten. Ich habe den Fehler eingesehen und das Geld zurückgezahlt.

Was wünschen Sie sich vom amtierenden Gemeinderat und der Stadtführung für die Zukunft?

Altschach: Dass das Niveau im Gemeinderat, das seit 2015 gelitten hat, wieder besser wird. Kritisch diskutieren ist gut, aber es sollte keine persönlichen Diffamierungen geben.