Geschäftsführer Mayer: „Das war für mich „High Level“. Christoph Mayer erzählt, warum er sich 2008 doch bei der Waldviertel Akademie beworben hat und was er der Nachfolge rät.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 20. März 2020 (05:23)
Widhalm

Christoph Mayer übernahm mit 23 Jahren die Geschäftsführung der Waldviertel Akademie – und hat sie wie seine Heimatstadt Waidhofen mitgeprägt. Jetzt bricht er zu neuen Ufern auf. Er blickt im Akademie-Büro mit der NÖN zurück – und voraus.

NÖN: Wie hat sich in den zwölf Jahren deiner Tätigkeit die Waldviertel Akademie verändert?

Christoph Mayer: Wenn man darüber nachdenkt, dann glaube ich, dass wir alle – das Team und die Programmkuratoren – einiges verändert haben. Wir haben eine hochphilosophische Institution der Öffentlichkeit öffnen können. Für jeden ist etwas dabei und jeder kann sich einbringen. Wir arbeiten mit Betrieben zusammen und haben uns auf das ganze Waldviertel und darüber hinaus ausgebreitet.

Kann man den Erfolg „messen“?

Mayer: Das schlägt sich auf die Anzahl der Besucher und Veranstaltungen nieder: Früher hatten wir 10 bis 15 Veranstaltungen im Jahr, heute sind es teilweise bis zu 30. Die durchschnittliche Teilnehmerzahl steigt ständig an. Es gibt Veranstaltungen mit über 300 Besuchern, das war früher, so denke ich, nicht vorstellbar. Die Akademie besteht seit 35 Jahren: Das ist keine kleine Zeitspanne. Uns wird immer wieder vom Land Niederösterreich bescheinigt, dass die Akademie wichtig ist. Der Band „Nachbarn. Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch“ hat auch international für Aufsehen gesorgt: Wir haben für das Projekt Vorleistungen getätigt, das wurde bei jeder Präsentation immer wieder betont. Die Rückmeldungen zeigen: Das, was wir machen, macht Sinn.

Warum braucht die Region die Waldviertel Akademie?

Mayer: Wir sind in ganz Niederösterreich einzigartig. Unser Mehrwert ist, dass das Publikum mitreden darf und dass man die Stimmen aus der Bevölkerung hört. Wir sind kein reiner Vortragsverein. Ziel ist es tatsächlich, den Diskurs zu stärken.

Worauf bist du stolz?

Mayer: (lächelt) Ich hefte mir nichts auf meine eigene Fahne: Wir sind ein Team. Ich glaube schon, dass wir mehr gesehen werden, und wir haben viele Kooperationen gewinnen können. Wir haben kein großes Budget und trotzdem Persönlichkeiten wie Olympiasieger Thomas Geierspichler, den Holocaust-Überlebenden Marko Feingold oder Schauspielerin Ursula Strauss gewinnen können. Das zeigt, dass die Akademie ein gewisses Standing hat. Diese Persönlichkeiten sind auch mit uns essen gegangen, wir haben viele spannende Gespräche geführt: Das ist etwas, was man für die Zukunft mitnehmen kann.

Wie kommt es zu deinem beruflichen Wechsel?

Mayer: Mein Plan war nicht, bis zu meinem 50er bei der Waldviertel Akademie zu bleiben. Ich wusste, dass irgendwann ein Schritt passieren wird. Ich hatte zwei, drei Angebote, das hat nicht gepasst, mit der Kulturregion bin ich schon länger im Kontakt. Mir war wichtig, dass ich mich wohlfühle und dass das Umfeld passt. Ganz leicht ist mir die Entscheidung nicht gefallen: Ich habe über 300 Veranstaltungen organisiert und die Akademie ist mir sehr, sehr, sehr ans Herz gewachsen. Sie ist auch mein Kind mittlerweile und ich bin der festen Überzeugung, dass es gut weitergehen wird.

Was wirst du konkret machen?

Mayer: Ich werde für die „Kultur.Region.Niederösterreich“ weiterhin für Kulturprojekte zuständig sein. Natürlich in einer anderen Region, so viel kann ich schon verraten.

Du bist in deiner Heimat sehr aktiv: Wirst du sie ganz verlassen?

Mayer: Mein Plan ist, schon noch Zeit im Waldviertel zu verbringen, wie es dann wirklich ausschaut, wird sich zeigen. Ich werde mich weiterhin im Rahmen meiner Möglichkeiten einbringen. Das Sommerkino und das Literaturfest in Waidhofen oder die Kulturbrücke in Fratres bleiben natürlich, denn das sind alles Projekte, hinter denen ein ganzes Team steht.

Wirst du umziehen?

Mayer: Der Umzug ist schon geschehen, aber nicht nach Sankt Pölten, sondern nach Wien. Die Pendelzeit zwischen den beiden Städten ist wesentlich kürzer. Grund ist auch: Ich habe sehr viele Bekannte in Wien. Und die Fahrt ins Waldviertel wird hoffentlich möglich sein.

Du bist auch Moderator?

Mayer: Das ist gewachsen, weil ich sehr viele Veranstaltungen für Vereine und Institutionen moderiert habe. Als ich 2008 in der Akademie angefangen hatte und ich gefragt wurde, ob ich moderieren würde, war meine Antwort: Sicher nicht! Bis vor fünf Jahren habe ich das tatsächlich nicht gemacht, aber dann habe ich aus dem Nichts die Eröffnung der Sommergespräche vorgenommen – dadurch sind die Leute aufmerksam geworden. Jetzt habe ich eine Website und konzipiere das ein oder andere Event.

Wer wird deine Nachfolge in der Akademie antreten?

Mayer: Die Bewerbungsgespräche starten nächste Woche. Wir haben genügend Interessenten und einige Bewerbungen aus Deutschland und Tschechien.

Wann wird die Akademie die Entscheidung fällen?

Mayer: Vielleicht Ende März, aber das liegt beim Vorstand. Schön wäre eine Übergangsphase, aber auch ohne wird es klappen. Ich bin nicht aus der Welt.

Ist der Unterschied groß zwischen der Arbeit im Kulturbereich und in der Privatwirtschaft?

Mayer: Natürlich. Man ist viel auf andere Personen angewiesen. Wir sind kein großer Player und man muss viel Überzeugungsarbeit leisten. Ich habe beim Kinder- und Jugendtheater-Festival „Szene Bunte Wähne“ meine ersten Schritte im Kulturbereich unternommen. Das war wichtig, aber selbst dann wäre mir nie in den Sinn gekommen, Geschäftsführer bei der Waldviertel Akademie werden zu können. Das war für mich „High Level“. Guido Wirth, mein damaliger Chef, hat mir zugeredet, dass ich mich bewerben soll, auch dann habe ich nicht daran geglaubt. Für mich kam das überraschend, ich habe im ersten dreiviertel Jahr sehr viel lernen müssen und ich bin teilweise belächelt worden.

Tut man sich als Junger schwerer?

Mayer: Ja. Man muss den Jungen Zeit geben, das war in der Akademie möglich. Ich finde außerdem, dass sich die Jungen selbst wenig zutrauen und nicht auf den Gedanken kommen, sich zu bewerben, weil die Berufserfahrung fehlt. Das betrifft nicht nur den Kulturbereich. Dabei fängt man immer ganz unten an und ich bin der Akademie schon dankbar dafür, dass sie mir ihr Vertrauen geschenkt hat. Ich weiß nicht, wo ich heute sonst wäre. Ich hätte nicht die Möglichkeit gehabt, berufsbegleitend zu studieren oder Balls & Beats zu organisieren. Die Akademie ist mir entgegengekommen und es sind Freundschaften entstanden, auch wenn es eine ganz andere Generation ist. Wir sind übrigens nicht im Bösen gegangen.

Man hört: In Waidhofen tut sich wenig. Du hast viel initiiert: Wie ist das entstanden?

Mayer: Dass in Waidhofen wenig los ist, stimmt ja nicht. Wenn man sich den Kalender ansieht, gibt es jeden Tag Veranstaltungen und für jeden ist etwas dabei. Ich habe bis zur Schließung im Avalon in Allentsteig mitgearbeitet, das war mein erster Kontakt zur Kultur. Das Avalon war die Arena unserer Jugendszene. Wir haben dann gesagt: Wieso sollen wir darauf verzichten? Der Ansatzpunkt war 2007 mit einem ersten Jugendverein, das setzte sich mit Balls & Beats fort. Damals bin ich mit 18, 19 sehr blauäugig an die Sache herangegangen. Ich kann mich noch erinnern, ich habe mir eine Wohnung zugelegt und meine Mutter hat mich gefragt: Sollen wir’s zurücküberschreiben? (lacht) Sie war vom - auch finanziellen - Erfolg anscheinend nicht so überzeugt wie ich. Aber das alles hat mit sehr viel Freude gemacht. Ich war immer für neue Ideen offen, auch wenn mich das in zeitliche Engpässe gebracht hat.

Was würdest du einem jungen Nachfolger raten?

Mayer: Mutig sein und sich Sachen trauen. Wenn du blutjung bist, ist es nicht einfach und du wirst sehr schnell belächelt. Man muss seine Stärken ausspielen, und man darf sich nicht vor den Persönlichkeiten fürchten. Man muss große Freude mitbringen und flexibel sein können. Die Arbeitszeit kann ein Thema sein, weil man viel unterwegs ist und Abendtermine hat. Grundsätzlich wird sich der oder die Neue gut einarbeiten können, weil das Programm für 2020 zu 95 Prozent steht.