Vier Pfoten-Chef: „Standards sind nicht hoch genug“. Josef Pfabigan ist nach Helmut Dunglers Tod neuer Geschäftsführer von „Vier Pfoten“. Wie steht es um die Tierschutzorganisation?

Von Sebastian Dangl. Erstellt am 17. Oktober 2020 (06:12)
Vier Pfoten - Geschäftsführer Josef Pfabigan.
FOUR PAWS | Adrian Almasan

Seit dem plötzlichen Tod von „Vier Pfoten“-Gründer Helmut Dungler im Jänner steht der aus Thaya stammende Josef Pfabigan an der Spitze der internationalen Tierschutzorganisation. Die neue Aufgabe war für ihn keine leichte, musste doch ausgerechnet noch eine weltweite Pandemie Unternehmungen erschweren.

Im NÖN-Gespräch offenbarte Pfabigan, wie die letzten Monate für ihn persönlich verliefen und warum es dringend Veränderungen in der heimischen Tierhaltung braucht.

NÖN: Wie waren die ersten Monate als Geschäftsführer bei Vier Pfoten für Sie?

Josef Pfabigan: Nach Helis Tod war die Situation eine irrsinnig schwere. Man kann sich vorstellen, wie es ist, wenn ein lieb gewonnener Mensch und Wegbegleiter plötzlich die Bühne verlassen muss. Die Zeit war anstrengend und fordernd, aber andererseits auch sehr produktiv. Wir haben natürlich Anfang des Jahres einige Zeit mit Trauerarbeit verbracht, aber es war klar, dass es irgendwie weitergehen muss. Mit einem starken Team im Rücken war die Situation zu bewältigen. Wir haben in den letzten neun Monaten die Strukturen neu überdacht und die Zuständigkeiten geordnet. Es war wichtig, global gesehen nicht das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren. Die Covid-Situation hat unsere Arbeit auch nicht gerade leichter gemacht. Es war ein verflixtes Jahr, das wir aber gut gemeistert haben.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag/eine normale Arbeitswoche für den Vier Pfoten-Geschäftsführer aus?

Sehr bunt. Momentan ist es halt so, dass ich relativ wenig unterwegs bin. In der Vergangenheit bin schon viel in Österreich, Europa und, wenn notwendig, weltweit gereist. Sonst ist es eigentlich der normale Arbeitstag eines Geschäftsführers einer internationalen Organisation. Die Aufgaben sind extrem vielseitig. Das schließt Netzwerkpflege, Finanzplanung und Koordination mit ein. Wichtig ist, auch immer ein offenes Ohr für die Ideen und Sorgen der Kollegen zu haben und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

„Konsumenten müssen bereit sein, für qualitative Produkte mehr zu zahlen, aber dafür weniger zu konsumieren.“Josef Pfabigan

Hat sich mit der Übernahme der alleinigen Geschäftsführung viel bei ihren Tätigkeiten geändert?

An den Aufgaben speziell gar nicht so viel. Die Gesamtverantwortung ist jetzt jedoch eine größere. Heli und ich haben viele Dinge immer gemeinsam abgestimmt. Es gibt jetzt mehr Entscheidungen für mich alleine, die für die Organisation auch ein größeres Gewicht haben. An meiner Freude an der Arbeit hat sich jedoch nichts verändert.

Wie wirkt sich Corona auf die Tierschutz-Arbeit aus?

Da wir weltweit an Projekten arbeiten, ergaben sich dadurch auf jeden Fall Probleme in der Betreuung und Weiterentwicklung dieser. Anstehende Investitionen mussten zurückgestellt werden. Wir haben noch einige Projekte in der Pipeline, die wir hoffentlich bald angehen können. Im Vietnam ist der Ausbau unseres Bärenschutz zentrums, zudem ein neues Schutzzentrum für verschiedene Wildtierarten geplant. In Holland haben wir eine Großkatzenanlage, die dringend saniert werden muss. Das ist momentan leider alles nicht so möglich, wie wir es gerne hätten.

Wo liegen derzeit die Schwerpunkte in der Tierschutzarbeit?

Die Prioritätensetzung ist enorm schwierig, und irgendwo etwas vernachlässigen zu müssen, ist immer hart. Ein momentaner Schwerpunkt ist bei uns die Landwirtschaft, weil in diesem Bereich die meisten Tiere betroffen sind. Wir versuchen, europaweit die Käfigtierhaltung zu beenden. Es werden immer noch viel zu viele Produkte verarbeitet, die nicht unseren gewünschten Standards entsprechen. Wir sind nicht die Missionare für Veganismus, wollen jedoch, dass tierische Produkte entsprechend gewürdigt werden. Auch der Konsument soll nicht hinters Licht geführt werden. Es darf nicht passieren, dass in der Werbung die grünen Wiesen gezeigt werden, doch die Tiere in Wahrheit im eigenen Kot leben müssen. Wir sind auch für ein klares Verbot von Werbung für Billigfleisch. Wer kann mir erzählen, dass ich um 2,99 Euro ein Schnitzel bekomme, wenn ein Kilo Tomaten mehr als 5 Euro kostet. Ich habe erst kürzlich von einem Projekt von „Penny“ in Deutschland erfahren. Dort steht neben dem Verkaufspreis der wirkliche Preis, den die Produktion unter würdigen Bedingungen verursachen würde. Da schneiden Bio-Produkte viel besser ab als „konventionelle“, bei denen die Standards teilweise wirklich tierquälerisch sind.

Was müsste in dieser Hinsicht noch getan werden?

Unsere gesetzlichen Standards sind einfach noch lange nicht hoch genug. Es mangelt nicht an Gütesiegeln, sondern an klaren Vorgaben, wo Qualität auch im Gesetz vorgeschrieben wird. In der Schweiz funktioniert es, ich weiß nicht, warum nicht auch in Österreich. Auch bei den Förderungen braucht es ein Umdenken. Die großen Betriebe bekommen die meisten Förderungen und die kleinen gehen zugrunde. Bei vollem Engagement kann man mit hochwertigen Produkten heutzutage nicht mehr überleben. Auch die Konsumenten müssen bereit sein, für qualitative Produkte mehr zu zahlen, aber dafür weniger zu konsumieren. Ich bin mir sicher, wenn wir alle an einem Strang ziehen, können wir das Problem in den nächsten Jahren in den Griff bekommen.

Sie haben bei Ihrem Antritt gesagt, dass Sie an einer zukunftsfähigen Landwirtschaft arbeiten möchten: Wie schneidet ihrer Meinung nach das Waldviertel in dieser Hinsicht ab?

Es ist für mich immer verblüffend, dass man sich in einer Region wie dem Waldviertel nicht viel mehr auf Qualität besinnt. Die Strukturen sind klein und damit wie geschaffen, um die Qualität hochzuhalten. Es gibt viele Betriebe, die sich aus Eigeninitiative bemühen, gute Produkte auf den Markt zu bringen. Man könnte die Sache aber noch viel weiter ausdehnen, indem man sich nicht auf die Förderungen der EU verlässt, sondern den eigenen Instinkten und Fähigkeiten vertraut. Durch Zusammenarbeit mit Konsumentenverbänden und Vertreibern können faire Preise für gute Produkte geschaffen werden.

Was haben Sie für Ihre Arbeit von Heli Dungler mitgenommen?

Ich nehme sehr viel von ihm mit, wie seine Weitsicht und Offenheit. Er war ein wegweisender Vordenker, der aus einer kleinen Waldviertler Gruppe eine der größten globalen Tierschutzorganisation machte. Ich habe ihn auch immer zwischenmenschlich sehr wertschätzend erlebt, aber auch hart und trotzdem fair bei der Durchsetzung unserer Sache. Das hat ihn charakterisiert und uns alle bei „Vier Pfoten“ enorm geprägt.