Itzhak Fogel fand Arbeit statt Konzentrationslager.... Itzhak Fogel aus Ungarn wurde im Waldviertel zur Kartoffelernte herangezogen und kam dadurch erst Monate später ins KZ.

Von Hannes Ramharter. Erstellt am 13. September 2017 (05:25)
Yitzhak Fogel in Wetzles, umgeben von seinen Söhnen und Enkeklsöhnen.
Hannes Ramharter

Eigentlich ist es eine unglaubliche Geschichte, die sich da im März 2016 und in der Vorwoche am Wilhelmshof bei Weikertschlag ereignet hat. Und wenn man die Wurzeln der Geschichte sucht, dann gehen diese bis 1944 zurück!

Aber beginnen wir in der Mitte: Im März 2016 war der nunmehrige Pächter des Wilhelmshofs, Johann Ackerl, am Spätabend unterwegs. Er fuhr an den Gebäuden des Wilhelmshofes vorbei und bemerkte, dass dort Menschen mit Taschenlampen unterwegs waren. Also blieb er stehen, fuhr in den Hof und sah, dass dort ein Bus gepark war und doch einige Menschen im Hof unterwegs waren. Es waren orthodoxe Juden, wie man an ihrer Kleidung unschwer erkennen konnte.

Ackerl erklärte, dass er nun der Pächter des Hofes sei, und fragte, was sie dort wollten. Daraufhin wurde ihm der damals 90-jährige Yitzhak Fogel vorgestellt. Er fragte nach dem einstigen Verwalter des Guts.

Pirschinger suchte sich Arbeiter am Bahnhof aus

Und nun ergab sich eine nahezu unglaubliche Geschichte. Yitzhak Fogel war ein aus Debrcen in Ungarn stammender Jude. Er sollte im Juni 1944 in das KZ Theresienstadt transportiert werden. Mit der Bahn wurde er von Ungarn in ein Auffanglager in Straßhof gebracht und von dort weiter nach Zlabings.

Zum gleichen Zeitpunkt hatte der Gutsverwalter des Wilhelmshofes, Johann Pischinger, ein großes Problem: 20 Hektar Kartoffeln waren zu ernten, aber aufgrund des Krieges hatte er bei weitem nicht genügend Personal, für die (damals natürlich noch händisch) durchzuführende Kartoffelernte. Pischinger wandte sich an seinen Vorgesetzten Adolf Schuster, der mit den Behörden organisierte, dass Pischinger am Bahnhof Zlabings einige Männer von einem Deportationszug für diese Arbeit aussuchen und holen konnte.

Darunter befand sich Yitzhak Fogel, der ab sofort für die Ernte eingesetzt wurde. Und auch nach der Kartoffelernte benötigte Johann Pischinger die Männer weiter. Er dürfte geahnt haben, was diesen sonst geblüht hätte... Und darum wollte Itzhak Fogel nun wissen, was aus Pischinger geworden ist.

Der ehemalige Gutsverwalter ist, wie Johann Ackerl später für Fogel herausfinden konnte, bereits vor vielen Jahren verstorben und ist am Friedhof Weikertschlag begraben.

Nur einmal einen Soldaten gesehen

Die Arbeiter hatten damals übrigens so wie die Familie des Verwalters auf dem Wilhelmshof gelebt. „Ein einziges Mal, dass ich einen Soldaten der Deutschen Wehrmacht gesehen habe, war, als der Verlobte der Tochter des Verwalters zu Besuch kam“, erzählt Yitzhak Fogel im Gespräch mit der NÖN.

Trotz aller Bedrohung hatte er in dieser schwierigen Zeit zumindest auf dem Wilhelmshof ein relativ ruhiges Leben.

Am 3. Jänner 1945 wurde Fogel dann trotzdem nach Theresienstadt gebracht, wo er schließlich die Befreiung durch die Rote Armee erlebte. 1950 emigrierte er dann nach Amerika, wo er in der Textilindustrie arbeitete und heute noch in Brooklyn lebt.

Itzhak Fogel
Hannes Ramharter

Johann Ackerl blieb in Kontakt mit der Familie Fogel. Im Juli 2016 stattete er ihnen einen Besuch in New York ab und vereinbarte, dass sie gemeinsam mit dem Holocaust-Überlebenden nochmals zu einem Besuch kommen würden.

Dieser fand nun am 5. September statt. Wieder war Yitzhak Fogel mit seiner Familie, seinen Söhnen, Schwiegertöchtern und Enkelkindern angereist. Sie besuchten zuerst seine Heimat in Ungarn und am nächsten Tag mit dem Bus das Waldviertel. Johann Ackerl empfing sie wieder auf dem Wilhelmshof und zeigte ihnen anschließend seine Betriebsstätte in Unterpertholz, von der die Gruppe sehr begeistert war.

Mit dem Bus wurde anschließend auch eine kleine Rundfahrt unternommen, von Unterpertholz bis Wetzles, dessen Gut damals unter der gleichen Verwaltung gestanden war wie der Wilhelmshof und wo die Arbeiter ebenfalls eingesetzt worden waren. Über Weikertschlag ging es wieder zurück in den Wilhemlshof, von dort zum Flughafen und dann wieder in die USA.

David Wais und Johann Ackerl (beide rechts) mit der Familie Fogel im Wilhelmshof bei Weikertschlag.
Hannes Ramharter

Für Johann Ackerl ist es wichtig, dass vor allem die Jugend erfährt, dass es diese Dinge auch bei uns gegeben hat. Sowohl die negativen Seiten des Holocausts als auch die positiven, dass es auch bei uns Menschen gegeben hat, die Juden und anderen Verfolgten geholfen haben. Schwarz-weiß-Denken ist, wie man an diesem Beispiel sieht, nicht immer angebracht. Vergessen ist sowohl bei den Opfern als auch bei den betroffenen Völkern nicht angebracht.

Johann Ackerl ist einer der führenden Lieferanten und Produzenten von Bio-Kartoffeln und Bio-Zwiebeln in Österreich.