Waldkrise birgt eine Chance. Ein scharfer Klimawind weht im Wald: Verloren ist er aber (noch) nicht ganz, sagen Fachleute.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 11. September 2019 (05:00)

Der massive Borkenkäferbefall hat mit voller Wucht vor Augen geführt, dass der Klimawandel im Waldviertel angekommen ist. Die Trockenheit wirkt sich nicht nur auf die Fichte aus.

„Der Borkenkäfer ist die Spitze des Eisberges“, sagt Wolfgang Riener, Förster aus Geras (Bezirk Horn). Er arbeitet für die Österreichischen Bundesforste und kennt dadurch den Wald von Hollabrunn über Zwettl bis nach Gmünd. „Das betrifft den ganzen Wald, alle Baumarten“, bestätigt Bezirksbauernkammer-Obmann Nikolaus Noé-Nordberg. „Im Stammesgefüge geht’s noch“, denkt Riener an das kühlere Klima, das im Wald innewohnt. Doch dort, wo die Sonneneinstrahlung extram ausfällt, ist der Baum geschwächt. Das Wasser schafft nicht mehr den Weg bis in den Wipfel. Schädlinge finden optimale Bedingungen vor.

"Landmasse kann hohen Temperaturen nicht abpuffern"

„Es gibt einen Grund, warum der Klimawandel Österreich und das Waldviertel so hart trifft. Die Meere können noch die hohen Temperaturen abpuffern, die dann in tiefere Regionen gelangen“, schildert der ÖBf-Mitarbeiter. „Die Landmasse kann das nicht.“ Muss man mehr Wasserflächen schaffen? „Wer macht’s? Wer zahlt’s?“, sind eine der vielen Fragen, die für Riener geklärt werden müssen.

Die Aussichten klingen nicht rosig, aber den Wald wird es gemäß der zwei Männer immer geben. Nur Riener ergänzt: „Es sei denn, es wird so trocken wie in einer Savanne.“ Verändern wird sich der Wald aber schon. Wie genau, sei offen.

„Können nicht wie bisher arbeiten“

Aber: „Es wird immer weniger Wirtschaftswald geben“, ist sich Noé-Nordberg sicher. Die Einkommenseinbußen sind schon jetzt schwerwiegend und existenzbedrohend, betont er. „Nicht alle Waldbauern werden es schaffen“, blickt Riener voraus. „Dass wir in einem Forstwald nicht wie bisher arbeiten können, zeigt uns die Natur.“

„Man ist lange genug gut damit gefahren, es sind viele Fehler passiert, auch durch Unwissenheit nach dem Krieg.“ Wichtig sei, „dass maneinen Schulterschluss bildet“: „Denn letztlich ist der Klimawandel schuld.“

Die Strategie: Das Risiko streuen, in dem auf mehrere Arten in verschiedenen Altersstufen gesetzt wird. Man müsse durchdacht vorgehen, Lichtverhältnisse, Bodenbeschaffenheit und Neigungswinkel des Standortes berücksichtigen. Ein „Vorwald“ mit Pionieren wie Birke, Weide oder Brombeere kann laut Riener helfen: Er bringt Nährstoffe. „Für manche Baumarten ist der Klimawandel auch kein Nachteil“, denkt er an die Eiche.

Riener hält sehr wichtig, dass man das wertvolle Holz künftig nachhaltiger nutzt. „Es ist zu schade, um es zu brennen.“ Noé-Nordberg denkt ähnlich: Der Energiesektor sei eine starke Konkurrenz zum Rohstoff Holz, das grundsätzlich eine hohe Wertigkeit genießt. Riener findet, dass man neue Wege gehen muss, damit Holz mehrfach genutzt werden kann.

Er denkt an innovative Betriebe wie Lenzing in Oberösterreich, der aus Holzfasern Textilien herstellt. Holzvergaseranlagen, betrieben mit Überbleibsel und der Rinde, werden in Bayern eingesetzt. Holz könne verstärkt für Verpackungen verwendet werden. Riener wisse aus Holzbesitzer: Verkaufen könne er nur, wenn ein Markt vorhanden ist. Das schaffe ein Stück Unabhängigkeit von der Erdölindustrie, regionale Arbeitsplätze könnten entstehen. „Jede Katastrophe birgt eine Chance.“

Mehr zum Thema