NatURknallweg: Das Naturerlebnis mit dem kleinen Extra. Gmünder Stadtumrahmung bietet auf geringem Raum eine ungeheure Vielfalt. Vor Staunen könnte man fast aufs Kilometerzählen vergessen…

Von Markus Lohninger. Erstellt am 21. Juli 2021 (07:00)

„A Woidviertla, drei Leit“ heißt es, und so darf ein Wanderweg ebendort gleich mal um drei Kilometer länger sein als angegeben. 13,7km macht der flache NatURknallweg um Gmünd offiziell aus – wir werden erleben, dass nach 13,7km erst die Skyline der Bezirkshauptstadt zu erahnen ist. Andererseits: Wer bereit ist, 13,7 Kilometer zu marschieren, der nimmt es waldviertlerisch – und gönnt sich die letzten drei auch noch.

Gmünd ist Waldviertler Industriehochburg mit ähnlich vielen Arbeitsplätzen wie Einwohnern, ist aber auch mit einer ungeheuren Naturvielfalt ausgestattet. 2012 gelang es dem pensionierten Bio-Professor Ernst Wandaller – der meinereinem einst in frechen Jugendjahren die erste und bis dato letzte Kopfnuss verpasst hatte –, diese Vielfalt in einen Rundkurs für Wanderer und Radler zusammenzufassen.

Und, ganz Akademiker, hat er die 13,7 Milliarden Jahre des Universums eingewoben. Tafeln informieren zu den Lebensräumen der Stadt, setzen die Strecke in Relation zur Zeit seit dem Urknall. Daher wohl die offiziell 13,7 km. Wie weit die Strecke von Christi Geburt zur Gegenwart ist? Finde es heraus. So viel: Weit ist zumindest dieser Weg nicht.

Der Hauch der Geschichte

Wer in Gmünd unterwegs ist, ist unweigerlich mit der Geschichte der Stadt konfrontiert, die nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt wurde. Die Lainsitz, die wir nach dem Start beim Palmenhaus (erbaut von Erzherzog Sigismund) in der Altstadt rasch an unserer Seite haben, ist im Stadtgebiet heute der Grenzfluss zu Tschechien. Der alte Stadtteil „Gmünd III“ ist schon drüben.

Wir kommen in die Neustadt. Die wurde im Ersten Weltkrieg als Flüchtlingslager auf die grüne Wiese geklescht. 200.000 Menschen fanden hier Zuflucht, davon 30.000 ihre letzte Ruhe. Das Lagertor erinnert daran, daneben auch das „Haus der Gmünder Zeitgeschichte“ (täglich 10-16.30 Uhr) und oben auf der leichten Anhöhe die Herz-Jesu-Kirche. Auch dieser „Dom des Waldviertels“ ist Zeitgeschichte: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde aus dem Lager mit billigem Massenwohnraum die Neustadt als Stadtteil, nach dem Zweiten erhielt er mit dem „Dom“ seine Kirche. Mittendrin am Bau: Franz Graf, hier aufgewachsener Sohn Vertriebener. Graf führte seinen Lehrbetrieb später ganz nach oben, wurde Eigentümer der Baufirma Leyrer + Graf mit nun 2.500 Beschäftigten – mehr, als jeder andere Waldviertler Betrieb hat.

Belohnung für die Frechen

Es geht auf das Sole-Felsen-Bad zu. Die heutige Waldviertler Top-Tourismusdestination hat Gmünd in 15 Jahren zur Tourismusstadt gemacht. Auch daran war Graf beteiligt. Die offizielle Route führt nur in der Ferne vorbei. Also muss ich noch einmal frech sein und den von Wandaller vorgegebenen Weg verlassen. Wir biegen daher rechts in den Uferweg entlang des weithin bekannten Aßangteiches ein. Glaub mir, das ist einer jener Fälle, wo die Frechen belohnt werden! Auf den Kopf gibt’s vielleicht im Herbst eine Eichel, aber nie eine Nuss. Dafür riechen wir die Dämpfe des Saunaaufgusses, während wir am Solebad vorbei kommen.

Es geht auf den NatURknallweg zurück, auf den wunderbaren Teichkettenweg zu zwei weiteren Karpfenteichen und einer Bahnunterführung. Hier kämpfe ich wieder gegen eine Frechheit an: Ich müsste dir die Runde um den Harabruckteich, zumindest den Abstecher zum Fuchsteich mit einmalig lauschigem Uferweg zeigen. Aber wir folgen dem Professor trotzig durch eine Siedlung, biegen bald in den Malerwinkel ein (zu dem auch die Frechen kommen). Er ist, am früheren Steinbruch vorbei, in der Tat malerisch. Eine schicke Hütte erinnert daran, dass das einst eine hoch beliebte Badestelle war.

Granitkolosse, die Geschichten erzählen

Wir nehmen den knackigen, kurzen Anstieg in den Naturpark Blockheide. Klar, den kennst du. Der ist so bekannt wie das Goldene Dachl. Heißt es zumindest. Hier heißt es allerdings viel, der Bildhauer und Weitwanderer Carl Hermann hatte eine reiche Fantasie: Als Mitbegründer des Naturparks half er vor 60 Jahren mit, Granit-Restlinge unter Namen wie Teufelsbett, Teufels Brotlaib, Kobold-, Pilz- oder schlicht Wackelstein zu einer frühen Art des Erlebnisausflugs mit Mythen und Sagen zu verweben und zu bewerben. Ohne ihn wären die geheimnisvollen Riesen abgebaut, zum Straßenbelag für irgendeine City verarbeitet worden. Und: Es gäbe auch keinen der sündhaft guten Mohnzelten beim Kiosk am Fuße des Aussichtsturmes.

Gridl: Die Brücke, die nicht mehr stehen sollte

Weiter geht’s zur Gmünder Sandeiche in Breitensee. Das Hochwasser 2002 hat diesen 1.350 Jahre im Sand eingeschlossenen Baum-Dino hochgespült.

NOEN

Jetzt ist er hinter sicherer Vitrine der Star des Dorfes. Wir bewegen uns entlang der Lainsitzniederung – Paradies für gefährdete Vogelarten – auf noch etwas Geschütztes zu: Ignaz Gridl, Konstrukteur von Kaisers Gnaden und Schöpfer des Palmenhauses Schönbrunn, hat vor 120 Jahren eine Stahlbrücke über die Lainsitz geschlagen, die 100 Jahre später abgebrochen werden sollte. Ein Forscher aus St. Martin entdeckte just beim vermeintlich letzten Besuch der Brücke als Erster die alte Inschrift des Meisters – der Abriss hatte sich damit erledigt. Heute gilt die Brücke als architektonisches Kleinod der Stadt.

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NÖN-Wandertipp_ NatURknallweg Gmünd.gpx