Rettung vor der Mülltonne. Team Österreich Tafel: Jede Woche werden mehrere Tonnen Lebensmittel in der Remise verteilt.

Von Sara Brandstätter. Erstellt am 12. Januar 2019 (09:00)
Sara Brandstätter
Susanne Handler, Hans Schröttner und Elfriede Frantsich sind seit dem Beginn 2013 in Wiener Neustadt dabei.

„Hallo, heute gibt es besonders viel. Schöne Feiertage euch“, hört man einen Billa-Mitarbeiter sagen. Vor sich her schiebt er fünf Kartons vollgefüllt mit Lebensmitteln. Wackelig übereinander stapeln sich zwei Kisten mit Brot und Gebäck, es riecht nach Sonntagmorgen beim Bäcker. Darunter gibt es Obst und Gemüse. Alles noch in Ordnung.

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Die Filialen müssten die Lebensmittel wegwerfen, wenn sie nicht abgeholt würden

 Gottfried Flock hievt mit einem angestrengten Geräusch die schwere Ware in den Laderaum. Margit Klein protokolliert währenddessen genau, wie viele Kisten es gegeben hat, dann kann es weitergehen. Die beiden sind schon ein eingespieltes Team, jeder weiß genau, was zu tun ist, „wir sind das Einser-Team“ erzählen sie.

Die beiden sind Mitglieder der Team Österreich Tafel in Wiener Neustadt. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Rotem Kreuz und Ö3. Die Initiative, noch einwandfreie aber nicht mehr verkäufliche Lebensmittel an bedürftige Menschen zu verteilen, wurde 2010 in Österreich ins Leben gerufen.

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Gottfried Flock und Margit Klein fahren jede Woche zu den Supermärkten, um Lebensmittel für die Tafel abzuholen.

In Wiener Neustadt arbeiten jeden Samstag freiwillige Helfer ehrenamtlich mit, insgesamt gibt es 72 Helfer. Im Jahr 2018 konnten in Wiener Neustadt über 120 Tonnen Lebensmittel verteilt und somit vor der Mülltonne bewahrt werden. Insgesamt sind es 6.000 Einsatzstunden, auf die die Ehrenamtlichen stolz zurückblicken können. Meist werden an die 100 Menschen versorgt, diese kommen jeden Samstagabend gegen 18 Uhr. Die Arbeit beginnt aber schon viel früher.

Insgesamt sind drei Autos unterwegs

Nachdem um 14 Uhr die erste Tour beginnt, starten gegen 16 Uhr noch zwei weitere Rettungsautos, um Lebensmittel vor dem Mülleimer zu retten. Zu dieser Zeit haben Margit Klein und Gottfried Flock schon drei Supermärkte besucht, das Auto ist halb voll. „Es ist sehr unterschiedlich. Manchmal bekommen wir so viel, dass wir zwischendurch öfter ausladen müssen“, schildert Klein die Situation. Die Pensionistin, ehemalige Chauffeurin, fährt für ihr Leben gerne Auto und möchte in der Pension nicht nur zu Hause sitzen. Die Tafel ist also die perfekte Aufgabe.

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Die Lebensmittel werden kistenweise von Supermärkten abgeholt

Der vierte Stopp wird bereits angesteuert, eine Penny-Filiale. Die Mitarbeiter freuen sich, dass jemand das Essen abholt. „Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Früher wurde alles weggeworfen. Die Filialleiter sind froh, dass das Essen nicht mehr im Müll landet“, so Hans Schröttner, der Teamleiter der Tafel.

Mit den Kisten, gestapelt auf einem kleinen Rollwagerl, geht es zum Einladen. Die etwas kleinere, aber unerwartet starke Margit Klein reicht ihrem Kollegen die Kisten nacheinander. Darin finden sich duftendes Gebäck, knackiges Obst und Milchprodukte. Nachdem die schweren, voll beladenen Kisten eingeladen sind, geht die Tour weiter. Trotz des scheußlichen Wetters, es regnet und stürmt, machen die Freiwilligen die Arbeit sehr gerne: „Ich war früher selbst Kunde und habe mir wöchentlich mein Essen geholt. Irgendwann hab ich gedacht: ‚Warum nicht mithelfen?‘ Und jetzt gehört es zu meinem Alltag dazu“, so Flock.

Nach insgesamt 11 Stopps und fünf Stunden später ist der erste Schritt vollbracht: Das ganze Essen wurde abgeholt und in die Remise der Stadtwerke geführt. Dort geht die Arbeit aber weiter: Das Essen wird von den Mitarbeitern stundenlang geordnet und in Portionen verpackt. Als Außenstehender wirkt es fast so, als wäre man in einem Ameisenhaufen gelandet. Es wuselt und ist laut, trotzdem kennt jeder seine Aufgabe, alles funktioniert und läuft nach Plan.

Verteilt wird in der Remise der Stadtwerke

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Rund 120 Tonnen werden pro Jahr vor der Mülltonne gerettet

Es ist Punkt 19 Uhr. Die Ausgabe startet: „Um kein Gedränge zu verursachen, zieht jeder beim Eingang eine Nummer. Nacheinander werden diese dann aufgerufen, so ist es für keinen unfair“, erklärt Hans Schröttner. Schröttner: „Beim Eingang wird auch der Ausweis von jedem überprüft. Um einen zu bekommen, muss man sich beim Roten Kreuz registrieren lassen. Hilfe gibt es für jene, die weniger als ungefähr 1.200 Euro im Monat verdienen, für Familien ist es mehr.“

Die Uhr zeigt 21.30 Uhr. Jetzt haben alle Besucher ihre Ration an Essen erhalten. Pro Person eine große Tragetasche, vollgefüllt mit Gebäck, Milch, Wurst und anderen Lebensmitteln. Nach dem gemeinsamen Zusammenräumen werden die Rettungsautos zurückgebracht. Bis zum nächsten Samstag, an dem sie als Essenstransport wieder zum Einsatz kommen.