Zwangsräumung: Kinder mussten Heim verlassen. Drei Einrichtungen der "Therapeutischen Gemeinschaften" (TG) wurden heute Mittwoch in den Morgenstunden nach Untersuchungen einer vom Land NÖ eingesetzten Sonderkommission geräumt. In Ebenfurth weigerten sich die acht Burschen mitzukommen.

Von Kristina Veraszto. Update am 07. März 2018 (16:19)
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Die acht Burschen in der Einrichtung in Ebenfurth brachen in den Morgenstunden beim Frühstückstisch in Tränen aus.

Dramatische Szenen spielten sich heute, Mittwoch, in der Einrichtung der "Therapeutischen Gemeinschaften" (TG)  in Ebenfurth, Rathausstraße, ab: Um 7.30 Uhr kamen Vertreter der Kinder- und Jugendhilfe, Sozialarbeiter und Psychologen in Begleitung der Polizei in das Heim und teilten den Verantwortlichen sowie den Kindern und Jugendlichen mit, dass die Wohngemeinschaft geräumt und geschlossen werde.

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Sonja und Hermann Radler, Geschäftsführer der "Therapeutischen Gemeinschaften" (TG), sind über die Vorgehensweise des Landes fassungslos.

„Um 6 Uhr bekam ich einen Anruf, dass um 7.30 Uhr die Heimaufsicht kommt. Die Kinder haben alle beim Frühstück geweint. Es ist einfach unvorstellbar. Wir sind ja eine Familie, die Kinder, die Erzieher und ich“, erzählte Heimleiter Daniel Benec  in Tränen aufgelöst der NÖN. Fassungslos waren auch die Geschäftsführer der TG  Hermann und Sonja Radler, die gestern noch einen Anruf bekamen, dass die Schulpläne der Kinder übermittelt werden müssten: „Diese Vorgehensweise, überhaupt diese ‚Über-Nacht-Aktion‘  hat uns wirklich schockiert.“

Die Betroffenen werden laut den Radlers einfach aus ihren Leben gerissen. „Es wurde nicht geredet und es wurde nichts vorbereitet. Das ist eine massive Verletzung der Kinderrechte“, so Hermann Radler.

Acht Burschen zwischen sechs und 15 Jahren wurden in der Wohngemeinschaft in Ebenfurth betreut, manche Kinder bereits über mehrere Jahre, wie der 12-jährige Sam: „Daniel (Heimleiter) hat immer sein Bestes gegeben. Ich bin seit drei Jahren hier und ich möchte nicht weg.“  Laut NÖN-Informationen sollen die Burschen bis zum Nachmittag gestaffelt in einem Bus abgeholt werden.

Geschäftsführer kennen Abschlussbericht nicht

Im Bescheid des Landes, der auch der NÖN vorliegt, heißt es, dass durch die Erhebungsergebnisse  der vom Land NÖ eingesetzten Sonderkommission festgestellt wurde, dass die Leistungserbringungen der Therapeutischen Gemeinschaften nicht mehr dem Kindeswohl entsprechen würden. Nach Ermittlungen der Kommission seien „die Minderjährigen über lange Zeiträume hinweg physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt worden“, hätten Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht bekommen oder es sei Personal ohne ausreichende Qualifikation allein zu Nachdiensten eingeteilt worden. 

Die Erhebungsergebnisse sowie einen Abschlussbericht der Sonderkommission  haben Hermann und Sonja Radler aber bis heute nicht bekommen. „Wir haben immer wieder und in den letzten Tagen besonders nach dem Abschlussbericht gefragt und wurden nur  vertröstet“, so Sonja Radler. Zeitgleich zu Ebenfurth wurde auch die Wohngemeinschaft  in Sitzendorf und das Therapiezentrum der TG  in Jaidhof  geschlossen.

Im Büro des zuständigen Landesrates Franz Schnabl (SPÖ) heißt es auf NÖN-Anfrage:  „Aufgrund erster Hinweise durch die Arbeit der Sonderkommission werden derzeit notwendige Schritte gesetzt und weitere eingeleitet. Unsere ganze Aufmerksamkeit gilt dabei dem Kindeswohl. Im Sinne der Kinder und Jugendlichen darf ich Sie um Verständnis ersuchen, dass die gesetzten Maßnahmen im Vorfeld nicht öffentlich kommuniziert und kommentiert werden können." Morgen, Donnerstag, will Schnabl vor die Presse treten.

Sonderkommission ermittelte seit Dezember

Anfang Dezember waren angebliche Missstände in einer Jugend-Wohneinrichtung des Bundesverbandes Therapeutische Gemeinschaften publik gemacht worden. Zur Klärung hat Landesrat Schnabl eine Sonderkommission eingerichtet, die bereits Gespräche mit Kindern, Mitarbeitern, Aufsichtspersonen und auch ehemaligen Beschäftigten geführt hat.

Der Abschlussbericht der Sonderkommission war ursprünglich für Mitte Februar angekündigt worden. Mitte Jänner hatte es geheißen, dass rund 25 Anrufe bei einer eigens eingerichteten Hotline eingegangen waren.

Ebenfalls Mitte Jänner war es in einem Heim der Therapeutischen Gemeinschaften zu einem dramatischen Zwischenfall gekommen:  Jener ehemalige Bewohner, der Anfang Dezember über angebliche Missstände berichtet hatte, soll versucht haben, den Geschäftsführer zu überfallen.

Barbara Witzany
Das Heim der Therapeutischen Gemeinschaft Sitzendorf

Der Verdächtige soll mit einem Messer bewaffnet um das Haus geschlichen sein. Er wurde von der Polizei überwältigt und festgenommen. Zwei ursprüngliche Komplizen dürften zuvor "kalte Füße bekommen" haben: Sie warnten den Gründer und Geschäftsführer, der sich daraufhin im Haus verbarrikadierte und die Exekutive verständigte. Verletzt wurde niemand.

Betroffen waren auch Standorte in den Bezirken Krems-Land und Hollabrunn (Sitzendorf), dort sind laut TG in der Früh Mitarbeiter des Landes Niederösterreich unangekündigt erschienen. Fast 20 Bewohner wurden in anderen Einrichtungen untergebracht. Laut TG sind exakt 16 Kinder und Jugendliche betroffen. Ein Bewohner soll sich aus dem Staub gemacht haben.