Die Grammatik der Wiener Neustädter Mauer. Bauhistoriker Ronald Woldron hat in den vergangenen Jahren die Kasematten untersucht – und dabei die eine oder andere Sensation entdeckt.

Von Philipp Hacker-Walton. Erstellt am 23. Februar 2019 (04:53)
zVg
Ein Turm mit viel Geschichte: Der Eckturm wurde im 15. Jahrhundert durch die Ungarn beschossen, im Zweiten Weltkrieg diente er als Luftschutzbunker. In der Mauer rechts erkennt man ein Tor – hier befand sich nach der Erhöhung im 16. Jahrhundert das neue Bodenniveau. Die Mauer im Vordergrund wurde dabei verschüttet –

Ronald Woldron liest aus Mauern Geschichte(n) heraus, wie andere Menschen aus Büchern. „Mauern haben ihre eigene Grammatik“, sagt er. Anordnung und Größe der Steine, das Material, die Übergänge geben dem Bauhistoriker Aufschluss darüber, welche Teile wann erbaut oder zerstört wurden – und oft auch darüber, woher man das Material nahm.

Hacker-Walton
Bauhistoriker Ronald Woldron untersuchte mit seinem Team das Kasematten-Ensemble.

„Man kann in der Stadtmauer gut erkennen, dass viele Teile aus dem Kloster Sankt Ulrich verbaut wurden“, sagt Woldron. Nach der Belagerung durch Matthias Corvinus 1487 war das Kloster, das direkt außerhalb der Stadtmauern stand, beschädigt, „wegen der Gefahr durch die Osmanen hat man sich entschieden, es ganz abzureißen. So hat man auch gleich Material für die Erneuerung der Stadtmauer gehabt“, sagt Woldron – und zeigt in der Stadtmauer auf Teile ehemaliger Klosterfenster und Wasserspeier.

Auch Grabsteine des nahen jüdischen Friedhofes wurden als Baumaterial verwendet, nachdem die Juden aus der Stadt vertrieben waren.

Hacker-Walton
Vom Boden zeichnet sich ein Dreieck nach oben ab – nur dieser Teil überstand die Belagerung durch Matthias Corvinus.

Die Corvinus-Belagerung hat auch gut sichtbare Spuren am Eckturm hinterlassen: Wer genau hinschaut, kann vom Boden weg ein Dreieck (Woldron: „Wie ein Toblerone-Gipfel“) erkennen – das war alles, was die Belagerung überstand.

„Die Ungarn beschossen den Turm ganz gezielt, damit er nach außen kippt und ihnen die Brücke über den Graben vor der Stadtmauer macht“, sagt Woldron: „Die Verteidiger hatten den Turm allerdings schon untergraben, damit er nach innen kippt.“

Das Ensemble der Kasematten wurde in den vergangenen Jahren von einem Team bauhistorisch untersucht: Doris Schön, Günther Buchinger und Ronald Woldron. Überraschend, sagt Woldron zur NÖN, sei gewesen, „dass noch so viel romanische Mörtel-Oberfläche erhalten ist. In Hainburg, wo ich vor Jahren die bedeutendste Stadtbefestigung im Osten Österreichs untersucht habe, gab es in Summe einen Quadratmeter. Hier haben wir quadratmeterweise Oberfläche aus der Zeit um das Jahr 1200 – das ist sensationell“.

NOEN

Fast wie neu präsentiert sich auch ein Teil der Zwingermauer, die der Stadtmauer vorgelagert war: „Der Verputz schaut aus wie 20 Jahre alt, ist aber von ca. 1490“, sagt Woldron: „Die Mauer wurde verschüttet, als man das Begehungsniveau erhöht hat. Die Erde hat den Putz 500 Jahre lang konserviert.“ Mitte des 16. Jahrhunderts wurde alles höher gelegt, um mit den Geschützen nach unten schießen zu können. Geplant wurde damals eine Bastei, „die in ganz Europa erstrangig gewesen wäre“.

Fertig wurde sie nie – das Geld ging aus. Die Bauhistoriker fanden die Stelle, an der Schluss war: „Man sieht die Verzahnung, die man angelegt hat, in der Hoffnung, weiterbauen zu können“, so Woldron. Stattdessen wurde Erde aufgeschüttet, „interessanterweise war das gegen Geschütze nicht die schlechtere Variante. Es sieht nur nicht so nobel aus“.

Durch das Innere der Kasematten führt die historische Strada Coperta, auf der einst die Geschütze zu den Schießstellungen gefahren wurden. „So gut erhalten ist sie einzigartig für Österreich“, sagt Ronald Woldron: „Schön ist, dass es eine Strada Coperta, eine überdeckte Straße bleibt, die bald die Besucher hier durchführt.“