Weiter Verhandlungen über Kostenübernahme. Seit 14. Dezember ist im MedAustron-Zentrum für Ionenstrahlentherapie in Wiener Neustadt eine Handvoll an Krebspatienten behandelt worden. Offen ist weiterhin ein möglicher Direktverrechnungsvertrag mit den Krankenkassen.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 03. Februar 2017 (12:01)
APA15590636-2 - 14112013 - WIENER NEUSTADT - …STERREICH: ZU APA-TEXT CI - Ein Blick auf die Ionenquelle im in Bau befindlichen Komplex von MedAustron in Wiener Neustadt am Donnerstag, 14. November 2013. Mit MedAustron entsteht in ein modernes Zentrum fŸr Ionentherapie und Forschung, in dem nach Fertigstellung 2015 jŠhrlich bis zu 1400 Patienten behandelt werden sollen. APA-FOTO: ROLAND SCHLAGER
NOEN, ROLAND SCHLAGER (APA)

Nach einer aufgeflammten Diskussion über hohe Vorauszahlungen gab es Donnerstag laut EBG MedAustron und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger "konstruktive Gespräche".

Der Präsident der Österreichischen Krebshilfe, Paul Sevelda, hatte einen offenen Brief an 5.000 onkologisch tätige Ärzte geschrieben und auf die offene Finanzierungsfrage hingewiesen. Man verlange bis zu insgesamt rund 40.000 Euro für eine Therapie samt einer Vorauszahlung von 8.000 Euro, wie der "Kurier" berichtete.

International sehr unterschiedliche Kosten

Mehrere Dutzend Patienten sind der Vergangenheit in ähnlichen Zentren im Ausland behandelt worden. In Deutschland seien die Kosten bisher deutlich geringer gewesen, hieß es beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger.

"Nachdem auch in diversen Medienberichten der vergangenen Tage und Wochen die unterschiedlichen Standpunkte herausgearbeitet worden sind, wurde gestern einvernehmlich eine gemeinsame Vorgehensweise zur Ermittlung der Kostentragung für österreichische Patientinnen und Patienten festgelegt. Basis dafür sollen jene Tarife sein, die vergleichbare ausländische Zentren im EWR internationalen Sozialversicherungsträgern aufgrund der jeweiligen Indikation verrechnen. Das gemeinsame Ziel ist es, österreichischen Patientinnen und Patienten die Angst vor finanziellen Belastungen durch die Behandlung bei MedAustron zu nehmen und die jeweils beste Behandlung zukommen zu lassen", hieß es Freitag in einer Aussendung von MedAustron und Hauptverband.

Die Betreiber des Zentrums erklärten sich bereit, "die bisher notwendigen Anzahlungen vor Behandlungsbeginn" bis auf weiteres nicht mehr einzuheben. Gemeinsames Ziel sei es, eine Lösung im Sinne der Patientinnen und Patienten zu erreichen. Das wäre de facto nur mit einem Direktverrechnungsvertrag zu erreichen.

Wert der Ionen-Strahlentherapie unter Experten diskutiert

Laut einer Sprecherin von MedAustron konzentriert man sich derzeit auf die Anwendung der Protonenstrahlentherapie bei Anwendungsgebieten, bei denen ein Vorteil mit dieser Art der Strahlentherapie gegeben sei, zum Beispiel bei bestimmten Kopf- und Hirntumoren und Tumoren im Beckenbereich. Die Internet-Homepage von MedAustron verheißt großflächig unter anderem "Hoffnung - Neue Dimension der Strahlentherapie".

Diese Partikeltherapie gelte "als grundsätzlich etabliert" bei Schädelbasis-, Kopf- und Halstumoren (z.B. Chordom, Chondrosarkom, adenoid-zystisches Karzinom), Hirntumoren (z.B. Meningiome), Sarkomen (z.B. Rückenmarks-nahen Sarkomen oder paraspinalen Sarkome) sowie bei Tumorerkrankungen von Kindern, zum Beispiel Hirntumoren, Rhabdomyosarkomen und Ewing-Sarkomen.

Allerdings ist der Wert der Therapie international noch in Diskussion. 2015 wurde im "Journal of Applied Clinical Medical Physics" eine Übersichtsarbeit zur Protonenstrahlentherapie mit deutlich kritischen Anmerkungen publiziert. "Ignorieren die Physiker die klinischen Realitäten?", stellte der Autor eine Frage an den Beginn.

"Es ist aus Phase II-Bewertungen bei häufigeren Krebsarbeiten eminent klar, dass die klinischen Ergebnisse der Protonenstrahlentherapie nicht besser - auch nicht schlechter - als jene Ergebnisse sind, die mit (herkömmlicher moderner; Anm.) intensitätsmodulierter Strahlentherapie (IMRT) oder stereotaktischer Strahlentherapie (SBRT) erzielt werden", heißt es in der Zusammenfassung.

Am Ende wird von dem US-Experten Robert Schulz (Abteilung für Strahlentherapie Yale University) formuliert: "Die Protonenstrahlentherapie-Einrichtungen sind die teuersten medizinischen Geräte, die je in der Routine der Gesundheitsversorgung eingesetzt worden sind. In Anbetracht der vielen Millionen Dollar-Summen an Ausgaben (...) ist es nicht unvernünftig, dass Krebspatienten, denen eine Protonenstrahlentherapie verschrieben worden ist, exzeptionell gute Resultate erwarten. Trotzdem geht es Patienten, welche die Protonenstrahlentherapie bekommen, nicht besser als jenen, welche per IMRT oder SBRT behandelt werden (...). Die anhaltende Bewerbung von komplexen Behandlungsformen, deren klinische Ergebnisse nicht besser sind als weniger aufwendige Modalitäten ist weder medizinisch, moralisch noch ökonomisch zu rechtfertigen."

Forschung im Fokus

Bei MedAustron will man allerdings auch intensiv der Forschung bezüglich der optimalen Anwendungsgebiete für die Ionenstrahltherapie widmen. Die Einrichtung in Wiener Neustadt war bisher mit Investitionen von rund 200 Millionen Euro verbunden, zu denen der Bund 40 Millionen Euro beisteuerte, wie Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) im August 2016 erklärte, als der Bestrahlungsraum übergeben wurde.