Ein Land, sein Klang und ein Lebensgefühl

Die NÖN recherchierte im Rahmen von "Eurotours 2018" zu den verschiedenen Stilen des portugiesischen Fados und wie sie Portugals Gesellschaft prägen.

Erstellt am 28. Dezember 2018 | 11:09
Lesezeit: 6 Min
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
Reportage Eurotours
Im Lissaboner „Mesa de Frades“ haben viele bekannte Fadistas ihre ersten Auftritte – und kommen immer wieder, um sich nach getaner Arbeit mit den Kollegen zu treffen, so auch André Ramos, Teresinha Landeiro, Rodrigo Rebelo de Andrade und Pedro de Castro.
Foto: Victoria Schmidt

Der Fado, das ist jener portugiesische Gesang, der zu einem der wichtigsten Kulturgüter des Landes zählt und ein ganz spezielles Lebensgefühl vermittelt – die „Saudade“, den portugiesischen „Weltschmerz“.

Je nach Region kann der Fado aber doch ganz verschieden klingen. Für Außenstehende kaum hörbar, unterscheiden sich die Stile aus der Studentenstadt Coimbra und aus der Hauptstadt Lissabon für die Kenner wesentlich. So erzählte ein Einheimischer der NÖN: „Hier in Coimbra ist der Fado natürlicher als in Lissabon.“ Die Lissaboner wiederum meinen: „Der Lissaboner Fado behandelt das wahre Leben.“

Tatsächlich unterscheiden sich die beiden Stile vor allem im Vortrag. In Coimbra wird Fado ausschließlich von Männern mit geschulten Stimmen in studentischer Tracht (schwarzer Umhang) gesungen. So will es die Tradition und so wird es von vielen Frauen akzeptiert. „Das zeichnet unseren Fado aus“, erklärt etwa die 17-jährige Beatriz Arcanjo, die selbst erfolgreich Violine und Klavier spielt.

In Coimbra wird nach einem Fado-Vortrag auch nicht geklatscht, sondern geräuspert – ebenfalls traditionell. In den Anfangszeiten des Fado besangen die Studenten nämlich ihre Geliebten, die sich räusperten, um von den Eltern unerkannt ebenfalls ihre Liebe zu bekunden. So wird in Coimbra bis heute über die Liebe gesungen, über das studentische Leben und über die Stadt.

Bildung hat einen großen Stellenwert

Arcanjo und vier ihrer Schulkollegen haben mit der NÖN über die Kultur in ihrer Stadt gesprochen. In Coimbra ist das Leben vielfach auf die Universität ausgerichtet – sie ist eine der ältesten in Europa und Wiege vieler lokaler Traditionen. Bildung hat hier einen großen Stellenwert, so die fünf Schüler des Colégio Rainha Santa Isabel, eine der vielen Schulen in der Stadt. „Wir sind stolz auf unsere Bildung“, sagen sie. Sie sind im Abschlussjahr, danach wollen auch sie auf die Universität in Coimbra und Teil der studentischen Tradition werden.

Reportage Eurotours
Tomás Gonçalves, Beatriz Arcanjo, Teresa Bernardo, Mafalda Oliveira und João Oliveira sind Schüler in Coimbra. Sie sprachen mit der NÖN über die Kultur in ihrer Stadt und wie sie sich damit identifizieren.
Foto: Victoria Schmidt


Die portugiesische Gesellschaft beschreiben sie als aufgeschlossen und unvoreingenommen, gleichzeitig aber auch traditionell. Da knüpfen sie an den Fado an. „Auch, wenn man diese Musik vielleicht nicht mag – wenn man den Fado hört, dann weiß man, ,das gehört zu mir‘. Damit identifizieren wir uns, das ist der Klang unserer Stadt, unserer Tradition“, meint etwa Tomás Gonçalves.

Auch in Lissabon werden die Stadt, die Liebe, die Höhen und die Tiefen des Lebens besungen – allerdings hauptsächlich von Frauen. Zwar singen auch in Lissabon Männer Fado, sie haben aber weniger Erfolg als ihre Kolleginnen, so der bekannte Sänger Rodrigo Rebelo de Andrade gegenüber der NÖN. Er meint auch: „Der Fado von Coimbra ist der Gesang der Stadt, die Ausdrucksweise ist eine vollkommen andere als in Lissabon.“

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Fado oft politisiert. Heute ist der Fado Ausdruck eines unvergleichlichen Lebensgefühls. Rodrigo ist überzeugt: „Die Lyrik des Fado ist nicht politisch, es sind universelle Gedichte. Fado ist nichts Altmodisches, Fado berührt jeden einzelnen in seiner persönlichen Geschichte“.

Maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt war Amália Rodriguez, eine Ikone des 20. Jahrhunderts. Als die Sängerin 1999 verstarb, bekam sie ein Staatsbegräbnis – und als erste Frau eine Ruhestätte im Lissabonner Pantheon.

„Fado singt man nicht, Fado passiert“

Viele junge Sängerinnen blicken zu Amália auf, so Teresinha Landeiro. Sie ist Teil einer jungen Fado-Generation, der auch Sängerin Mariza angehört, die weit über Portugals Grenzen mit ihren Fado-Interpretationen Erfolg hat. Das hat zur Folge, dass der Fado immer kommerzieller und touristisch genutzt wird. Einerseits gehe so der typische Flair verloren, anderseits, sagt Teresinha: „Tourismus ist sehr wichtig für die Fado-Häuser und um den Fado zu verbreiten“. Im Lokal „Mesa de Frades“ startete sie wie viele ihrer Kollegen, darunter Rodrigo Rebelo de Andrade, ihre Karriere. Bis heute haben sie hier Auftritte, nach getaner Arbeit ist das Lokal Treffpunkt für Sänger. Sie erklären: „Fado singt man nicht einfach, Fado passiert“. Dazu muss auch das Ambiente passen – im „Mesa de Frades“ tut es das auch.

Kultur in den Adern

Reportage Eurotours
Schwester Maria da Gloria ist Direktorin in Coimbra. Kultur ist ihr ein Anliegen.
Foto: Victoria Schmidt

Szenenwechsel nach Coimbra: Schwester Maria da Gloria leitet seit über 30 Jahren das Colégio Rainha Santa Isabel in Coimbra. Es ist eines der vielen Bildungszentren in der Stadt, wo junge Menschen vom Kindergarten bis zur Matura begleitet werden.

Kultur hat hier einen besonderen Stellenwert. Vom historischen Gebäude und Klassenzimmern mit dem Blick über die Altstadt bis zu den jährlichen Schulschwerpunkten, die es seit dem Schuljahr 1988/‘89 gibt. Die Schule, die unter anderem auch Unesco-Schule ist, versucht dabei Kultur auf verschiedenen Ebenen zu vermitteln – vom Weltkulturerbe, hin zu ethisch moralischen Inhalten bis zum Austausch mit Menschen aus anderen Ländern. Die Direktorin sagt: „Die Schüler und auch ihre Eltern lernen so neue Sichtweisen kennen.“
 

Reportage Eurotours
Unterricht mit Aussicht: Im Colégio Rainha Santa Isabel gibt es Klassenräume mit Blick auf die Altstadt samt Universität. Das gefällt auch Tomas Gonçalves und seinen Freunden.
Foto: Victoria Schmidt

Einer ihrer Schüler ist Tomas Gonçalves. Er lernt deutsch, hat jüngst sogar einen Übersetzerbewerb gewonnen und zeigte der NÖN wieso Kultur und Bildung in seiner Stadt Coimbra so eine große Rolle spielen. Dazu ging es auf zur Universität. Gegründet 1290 ist sie eine der ältesten Europas und Wiege der Kultur in der Stadt. Hier ist der Ursprung der lokalen Varietät des berühmten portugiesischen Musikstils Fado begründet. Die Menschen in der Stadt identifizieren sich mit ihrer Universität, viele haben selbst hier studiert. Auch Tomas will, wie viele seiner Schulkollegen später hier studieren und Teil der studentischen Tradition werden.

Reportage Eurotours
Die Universitätskapelle in Coimbra: Hier haben 2017 51 Paare geheiratet.
Foto: Victoria Schmidt

Dazu gehört auch die Möglichkeit eines Tages in der Universitätskapelle heiraten zu können. Das ist nämlich nur Studenten vorbehalten. Im Vorjahr trauten sich hier immerhin 51 Paare. Auch das Verteidigen akademischer Titel im einstigen Krönungssaal ist der Traum vieler. Bildung geht hier Hand in Hand mit Kultur und somit auch mit Tourismus – auch wenn die Bevölkerung den immer stärker werdenden Tourismus skeptisch sieht. „Wir fragen uns immer, was kommt als Nächstes?“, so Tomas und seine Freunde.

"Da wird ein Gefühl transportiert"

Sprung nach Lissabon, wo Tourismus allgegenwärtig ist: Das bestätigen auch Christoph Hubmayer und Konrad Tretter, die hier ein ganz besonderes Lokal haben. Habe es vor zehn Jahren zwei bis drei Monate Tourismus gegeben, sei es mittlerweile das ganze Jahr, erzählen die beiden Pielachtaler. Sie haben vor zehn Jahren ihr „Kaffeehaus“ im Stadtteil Chiado, in der Nähe der Universität der bildenden Künste und der Oper eröffnet.

Reportage Eurotours
Christoph Hubmayer und Konrad Tretter mit NÖNMitarbeiterin Victoria Schmidt in ihrem „Kaffeehaus“ im Lissaboner Stadtteil Chiado
Foto: Victoria Schmidt


Hier trifft Echt-Wiener Kaffeehausflair auf portugiesisches Lebensgefühl. „Die Portugiesen legen sehr viel Wert auf ,Saudade‘. Man könnte es als jammern und nörgeln auslegen, aber auf der anderen Seite sind sie sehr ruhig, nicht aufdringlich oder eingebildet“, erklärt Hubmayer. Die „Saudade“, der portugiesische „Weltschmerz“ wird vor allem in den typischen Fados besungen. Fado-Sängerin Carminho ist immer wieder auch Gast im „Kaffeehaus“. Für Hubmayer ist der Fado ein wenig wie das Wienerlied: „Da wird einfach ein Lebensgefühl transportiert.“

Das Lokal zählt viele portugiesische Stammgäste, lädt einmal im Monat aber auch zum Österreicher-Stammtisch. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, woher die Menschen wirklich kommen. Susanne Iter etwa stammt aus der Schweiz, zum Stammtisch kommt sie, „weil mich der Heinz immer einlädt“, lacht Iter, die sich sichtlich wohl in der Runde fühlt. Und auch Gudrun Horta ist eigentlich Deutsche, hat aber in Wien gelebt und dort ihren Mann Helder kennengelernt. „Wir fühlen uns mit Wien so verbunden, das ist zuhause“, deshalb kommt das Paar gerne zum Stammtisch – wegen des Gefühls.

Reportage Eurotours
Heinz Jost, Patrick Eberhard, Ingo König, Signe Hauser, Simon Griesser, Susanne Iten, Gudrun und Helder Horta sowie Georg König beim Österreicher-Stammtisch im „Kaffeehaus Chiado“
Foto: Victoria Schmidt