Wiener Neustadt

Erstellt am 18. August 2017, 06:19

von Victoria Schmidt

Monja Art im Interview . Monja Arts Debütspielfilm „Siebzehn“ sorgt weltweit für Furore, sieben Preise und Einladungen nach Sydney, Boston oder Toronto hat der Film schon erhalten. Die aus Lanzenkirchen stammende Regisseurin und Drehbuchautorin Monja Art erzählt im NÖN-Interview über ihre Liebe zum Film, Schauspieler und die Herausforderungen ihres Berufes.

Bobek

Zunächst eine ganz allgemeine Frage: Wie ist Ihre Liebe zum Film entstanden?

Ich bin von der Literatur in den Film gestürzt, könnte man beinahe sagen. Ich hab immer schon geschrieben und wollte bereits mit drei Jahren Schriftstellerin werden. Und als ich dann mit 19 mit einem unveröffentlichten Roman-Manuskript bei einem Schreibwettbewerb in Hollywood teilgenommen hab, kam ich unter die Finalisten. Aber nur der Gewinnerstoff wurde verfilmt.

Da dacht ich mir: Wieso verfilm ich meine Stoffe nicht selbst? Ich hab dann einen Verein gegründet, um mit anderen jungen Leuten Kurzfilme zu realisieren, wusste aber schnell, dass der Weg über eine Filmausbildung gehen sollte. Und so hab ich mich 2007 an der Filmakademie in Wien beworben und wurde zum Glück aufgenommen.

Dort studiert jeder in den ersten zwei Jahren alle fünf Fächer (Drehbuch, Regie, Kamera, Produktion und Schnitt) und kann daher das Handwerk sehr umfassend erlernen, was gerade bei einer Branche wie der Filmbranche auch sinnvoll ist. Erst im dritten Jahr folgt die Spezialisierung. Mit Leuten, die ich während meines Filmstudiums kennengelernt hab, haben sich zum Teil sehr fruchtbare Verbindungen ergeben. Unsere Branche ist klein, netzwerken ist wichtig.

Wie viel autobiographische Züge haben Ihre Filme und im konkreten der Film „Siebzehn“?

Nicht viele, wenn es um die konkrete Handlung geht. Ich bin Drehbuchautorin und erzähle gerne fiktive Geschichten. Was mich an meinem Beruf so reizt, das ist die Möglichkeit, als Drehbuchautorin neue Welten und Figuren am Papier entstehen zu lassen und diese dann als Regisseurin gemeinsam mit meinen Schauspielern und meinem Team zum Leben zu erwecken.

In SIEBZEHN hat der Drehort Berührungspunkte mit mir, weil ich einfach im Bezirk Wiener Neustadt aufgewachsen bin, und ich hab die gleiche Schuluniform getragen wie die Jugendlichen im Film, ich hab allerdings am Semmering maturiert, meine schulische Jugend also nicht in Lanzenkirchen verbracht. Und Sehnsucht ist generell ein Lebensthema für mich. Aber das ist es im Grunde auch schon. Schulfreunde von mir haben den Film im Kino gesehen und danach zu mir gesagt, dass sie sich erwartet haben, dass sie vieles wieder erkennen würden, das war aber nicht so.  

„Siebzehn“ hat bereits über 30 internationale Festivaleinladungen erhalten und sieben Preise gewonnen. Worauf führen Sie diesen Erfolg zurück?

Auf die Authentizität des Films. Auch meine jahrelange Zusammenarbeit mit Kamerafrau Caroline Bobek trägt stark zum Erfolg des Films bei, weil wir uns wortlos verstehen und zusammen wunderbar funktionieren, was gerade in der so wichtigen Kombination Regie-Kamera ein Glücksfall ist. Ich hatte außerdem ein großartiges Team und großartige Schauspieler. Und wenn man den Film sieht, dann spürt man die Leidenschaft, die wir alle für dieses Projekt hatten. Sehr viele Filme sind „Auftragsarbeiten“, bei denen den Machern die Leidenschaft für den konkreten Stoff fehlt. Es wird sehr oft sehr wenig Zeit ins Drehbuch investiert. Das ist generell ein großes Problem.

Das Drehbuch zu „Siebzehn“ hat schon lange bevor der Film gedreht wurde für Furore gesorgt. Im Jahr 2013 erhielten Sie die erste Auszeichnung dafür. Wenn Sie heute zurückblicken, haben Sie damals schon damit gerechnet, dass Ihr Film Europa und die Welt begeistern wird? Was waren Ihre ursprünglichen Erwartungen?

Ich war vom Stoff immer schon überzeugt. Das ist für mich Voraussetzung dafür, warum ich ein Drehbuch schreibe bzw. einen Film mache. Aber wie andere Menschen auf einen Film reagieren werden, kann man nicht voraussagen. Wichtig ist mir, dass ich von meiner Geschichte überzeugt bin und sie mit größtmöglicher Leidenschaft erzähle. Und die Leidenschaft, mit der mein Team und ich diesen Film gemacht haben, spürt man, wenn man SIEBZEHN sieht.

Welche Festival-Einladung bestätigt Ihrer Meinung nach am meisten die Qualität Ihres Filmes?

Jede einzelne. Aber bereits bei der Weltpremiere den renommierten Max Ophüls Preis zu erhalten, war ein fulminanter Start.

Der Drehstart zum Film erfolgte 2015 nach etwa eineinhalb Jahren Casting, wobei Sie sich an die 500 Jugendliche genau  ansahen. Ihre Hauptdarstellerin Elisabeth Wabitsch erhielt bereits den Max-Öphüls-Preis für die beste Darstellerin. Was zeichnet das Schauspiel der Darsteller Ihrer Meinung nach aus?

Eine große Natürlichkeit. Das ist das, wonach ich gesucht habe und immer suche. Sehr viele Schauspieler wollen vor der Kamera wirken. Ich aber caste so lange, und immer im Ensemble (sprich: jede Rolle mit jeder Rolle, nie jemanden nur alleine), bis ich die Schauspieler finde, die die größtmögliche Natürlichkeit im Spiel aufweisen. Und diese Menschen hab ich nach 1,5 Jahren Casting gefunden, worüber ich sehr dankbar bin. Vor allem Elisabeth Wabitsch als Paula ist eine riesige Entdeckung.

Im April kam der Film endlich auch in Österreich in die Kinos. Wie war die Premiere – vor allem auch in Wiener Neustadt – für Sie?

Im Prinzip ist ein Film ja auch so etwas wie ein Kind: ich zieh es groß mit anderen gemeinsam, meiner Filmfamilie, und lass es dann los. Was dann mit dem Film passiert, darauf hab ich keinen Einfluss. Und es ist natürlich schön, wenn man sieht, dass der Film, an dem man jahrelang gearbeitet hat, dann Menschen erreicht und berührt.  

In einem früheren Interview haben Sie gesagt, dass für Sie nie ein anderer Drehort als der Bezirk Wiener Neustadt für „Siebzehn“ in Frage kam. Welche Rolle spielt der Drehort am Erfolg eines Filmes und im konkreten Fall am Erfolg dieses Filmes?

Das lässt sich schwer beantworten. Im Bezirk Wiener Neustadt ist zuvor nie ein Kinofilm gedreht worden. SIEBZEHN ist der erste. Ich wollte mit SIEBZEHN durchaus auch zeigen, wie ästhetisch interessant das Industrieviertel ist. Für mich war immer klar, dass SIEBZEHN nur im Bezirk Wiener Neustadt spielen kann, weil ich eine Jugend am Land erzählen wollte und mir nichts naheliegender erschienen wäre, als sie in dieser Gegend zu erzählen. Als ich jung war, hatte ich keine Sehnsucht nach der großen Stadt, nach Wien zum Beispiel, weil alles da war. Und dieses Lebensgefühl wollte ich gerne erzählen. Die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ hat das sehr schön formuliert: „Siebzehn ist neben alldem Zwischenmenschlichen ein Liebesbrief an die Provinz. Da, wo sich die Jugendlichen freitags zwangsläufig in der einzigen Disco in der Umgebung treffen oder der Bus nur einmal die Stunde fährt. Wo junge Menschen ihre Freunde haben und damit eigentlich alles, was sie brauchen. Es muss eben nicht immer Berlin oder New York sein.“

Was sind Ihre nächsten Projekte und werden Sie wieder einen Film in der Buckligen Welt beziehungsweise im Bezirk Wiener Neustadt drehen?

Gerade als Drehbuchautorin ist es notwendig, immer an mehreren Projekten parallel zu arbeiten, auch, weil einfach nicht jeder Stoff finanziert wird. Also nur, weil ein Film erfolgreich war, heißt das noch lange nicht, dass der nächste gleich wieder finanziert wird. Oft ist die Finanzierung eines Stoffes ein jahrelanger Prozess, weil es immer um sehr viel Geld geht. Ich hab Anfragen aus Österreich und Deutschland, arbeite an Stoffen für Kino und TV (Film und Serie). Was am Ende realisiert wird, hängt von unterschiedlichen Parametern ab. Einige meiner Stoffe wurden nicht finanziert, unterschiedliche Stoffe befinden sich in unterschiedlichen Finanzierungs- und Entwicklungsstadien. Es kann gut sein, dass ich wieder einmal im Bezirk Wiener Neustadt drehe. Ich hab den Dreh dort sehr genossen.

Was raten Sie Jugendlichen, die einen ähnlichen Werdegang wie Sie anstreben?

Man sollte sich dessen bewusst sein, dass Film sehr harte Arbeit ist. Dass man gerade als Autor/Autorin und Regisseur/Regisseurin keinen regulären Stundenlohn hat und auch vor Überstunden nicht zurückschrecken darf oder kann. Und dass die Konkurrenz enorm groß ist. Und dass wenige in diesem Business bestehen können. Nach jedem Film kämpft man gerade als Autor/Autorin und Regisseur/Regisseurin um den nächsten Film. Wer diesen Beruf nicht liebt und dafür brennt und bereit wäre, alles dafür zu geben, der wird nicht bestehen können. Aber wer genau das machen möchte und dafür bereit ist, alle Konsequenzen zu tragen, der wird seinen Weg finden. Was ich denen, die das wirklich tun wollen, also raten würde, ist: sich treu zu bleiben und Filme zu machen, die man liebt.

Wie schwer ist es (für Sie), von diesem Beruf zu leben?

Ganz generell betrachtet ist es sehr schwer, einen Einstieg ins bezahlte Filmbusiness zu schaffen. An der Filmakademie in Wien werden bei einem vierteiligen Aufnahmeverfahren nur etwa 10% der Bewerber jährlich aufgenommen (ca. ein bis drei Studierende pro Studienrichtung). Und von diesen ohnedies sehr wenigen Studierenden pro Jahrgang schaffen es ganz wenige, später wirklich bei TV- und Kinofilmen beruflich zu landen.

Gerade in Hauptdepartments wie etwa Regie und Drehbuch, wo die Konkurrenz enorm groß ist, kann man sich keine berufliche Sicherheit erwarten. Ein Film kann erfolgreich sein, der nächste wird nicht finanziert. Man hängt immer von Juryentscheidungen von Förderinstituten ab, ob sie ein Projekt fördern oder nicht, sowie auch von Entscheidungen von Fernsehsendern. Diese Entscheidungen können ganz unterschiedlich motiviert sein. Es ist bei jedem Sitzungstermin im Prinzip alles möglich. Eine Garantie für eine vollständige Finanzierung gibt es nicht. Die Finanzierungswege jedes Projektes unterscheiden sich.

Wenn nicht alle Fördergeber gemeinsam ein Projekt fördern, kann es oftmals nicht realisiert werden. Also ein „Nein“ einer Förderinstitution kann, obwohl alle anderen „Ja“ gesagt haben, den Dreh eines Films verhindern bzw. auf Eis legen oder um Monate, Jahre verschieben. Das ist mir auch ganz aktuell passiert. Eigentlich hätte ich meinen zweiten Kinospielfilm ab 4.9. gedreht. Wir waren bereits mitten in den Drehvorbereitungen, alle Rollen waren besetzt, das Team stand fest, und dann wurden wir wegen einer Förderabsage ausgebremst, noch dazu, obwohl genau diese eine Fördereinrichtung das Drehbuch davor schon finanziert hatte. Man kann also die Finanzierung eines Stoffes nicht vorhersagen, oft scheitert es ganz einfach auch am Geld.

Das Geld der Förderinstitute ist knapp. Es gibt bei allen Förderterminen sehr viele Einreichungen. Im Prinzip viel zu viele. Es gibt also pro Fördertermin weit mehr Ab- als Zusagen. Und das bei jeder Förderinstitution, von denen man aber alle gemeinsam zur selben Zeit braucht, um einen Film realisieren zu können. Und auch bei Auftragsarbeiten, die z.B. über den ORF an einen herankommen, passiert es, dass die dann doch nicht finanziert und damit nicht realisiert werden und somit in unterschiedlichen Entwicklungsstufen steckenbleiben.

Auch das ist mir, wie jedem anderen, schon passiert. Generell befinden sich von mir unterschiedliche Projekte (Kino und TV) in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Man muss also im Prinzip immer an mehreren Projekten (teils auch in unterschiedlichen Ländern) parallel arbeiten. Ich selbst kann seit ein paar Jahren vom Filmemachen leben. Ich arbeite jedoch auch sehr viel – und eben auch immer an mehreren Projekten/Drehbüchern parallel. Manche werden realisiert, andere nicht.