Bürgermeister Anton Kasser: „Anfangs haben mich die Leute ausgelacht“

Erstellt am 10. Juni 2022 | 15:36
Lesezeit: 9 Min
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Allhartsbergs Bürgermeister Anton Kasser möchte im NÖ Landtag weiter als Motor für die Region fungieren, um die Themen Glasfaser, Wasserversorgung, erneuerbare Energie und Klimaschutz weiter voranzutreiben.
Foto: Kössl
Allhartsbergs Bürgermeister Anton Kasser (ÖVP) über seine Wiederkandidatur für den NÖ Landtag und Gemeindeprojekte.
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NÖN: 2023 stehen Landtagswahlen an. Werden Sie wieder für die ÖVP kandidieren?

Bürgermeister Anton Kasser: Ja. Ich werde nächstes Jahr 60 und habe immer vorgehabt, bis 65 aktiv zu sein. Das geht sich mit dem Wahlrhythmus gut aus.

Man kann als Abgeordneter wirklich viel für die Bevölkerung tun und ich tue es gerne.

Es wird für Sie also die letzte Periode im Landtag sein?

Kasser: Man weiß natürlich nie, was noch kommt, aber ich habe immer vorgehabt, wenn ich in Berufspension gehe, auch auf Landesebene aufzuhören. Ich bin jetzt bald 30 Jahre Bürgermeister, 35 Jahre im Gemeinderat und fast 13 Jahre im Landtag.

Wird es in der ÖVP wieder ein Vorzugsstimmensystem für die Landtagswahl geben?

Kasser: Ja. Letzte Woche wurden die 15 Kandidatinnen und Kandidaten, die für die ÖVP antreten werden, beschlossen. Michaela Hinterholzer und ich werden aufgrund der letzten Wahl wohl auf Platz eins und zwei kandidieren, die anderen könnten alphabetisch gereiht werden. Entschieden wird das aber erst im Herbst.

Immer wieder wird über einen Wahltermin schon im heurigen Jahr spekuliert. Wie realistisch ist das?

Kasser: Wir werden sehen, es gibt für alles Argumente. Die Wahl in Waidhofen hat gezeigt, was alles möglich ist. Was da passiert ist, muss man mitbedenken. Ich glaube, wir sind gut damit beraten, den Leuten zuzuhören. Ich mache das gerade und bin sehr intensiv unterwegs. Dabei merkt man, dass die Leute in den letzten beiden Jahren viel fordernder geworden sind und sich teilweise großer Frust aufgebaut hat. Da muss man wirklich reinhören und die Leute mit ihren Sorgen ernst nehmen.

In Waidhofen haben die Corona-Maßnahmen und die Impfpflicht der ÖVP sicher viele Wähler gekostet. War die Impfpflicht der falsche Weg?

Kasser: Wir wissen, dass die Impfbereitschaft bei uns sehr gering ist. Das hat auch mit der Omikron-Variante zu tun, die viele trotz Impfung ebenso bekommen haben. Omikron führte zum Glück meist zu einem leichten Verlauf, sollte aber wieder eine harte Version kommen, wird sich da auch das Bild verändern. Was die Impfpflicht betrifft, bin ich aber grundsätzlich der Meinung, dass sie nicht durchsetzbar ist. Meiner Meinung nach muss das in den Bereich der Eigenverantwortung fallen. Die Corona-Maßnahmen waren sicher teilweise nicht mehr nachvollziehbar. Aber es ist natürlich schwierig. Alle Maßnahmen, die man seitens der Politik gemacht hat, waren ein Versuch, der Pandemie Herr zu werden.

Kommen wir zu den großen Themen für die nächste Legislaturperiode: Eines davon ist der Breitbandausbau. Da gibt es jetzt einen Zusammenschluss mehrer Gemeinden, um Fördermittel abzuholen.

Kasser: Das ist ein Thema, das mich gerade sehr intensiv beschäftigt. In vielen Gemeinden gibt es bereits einen Kernausbau, aber ein großer ländlicher Bereich ist noch offen. In Allhartsberg etwa ist die Ortschaft ausgebaut, aber der Rest der Gemeinde noch nicht. Ziel muss aber ein flächendeckender Ausbau sein. Dafür haben sich jetzt 20 Gemeinden zusammengeschlossen. Wir haben rund 80 Millionen Euro Investitionskosten eingereicht. Damit könnten 6.300 Liegenschaften versorgt werden. Es gibt natürlich auch andere, die das Fördergeld wollen, aber wir sind da momentan als Gemeindezusammenschluss die Offensivsten. Als Einzelgemeinde hat man da fast keine Chance.

2016 sorgte die angedachte Zusammenführung der Fachschulen Unterleiten und Hohenlehen am Standort Hohenlehen für einen großen Aufschrei. Wie ist da der derzeitige Stand?

Kasser: Eine Zusammenlegung ist kein Thema. Wir haben vor vier, fünf Jahren im Landtag 110 Millionen Euro für den Ausbau der berufsbildenden Schulen beschlossen. Dieses Geld wurde verbaut, Hohenlehen war da nicht dabei, weil wir dem Vorhaben sehr defensiv gegenüber gestanden sind. Jetzt geht es darum, dass das Stallgebäude in Hohenlehen erneuert wird. Wenn wir das jetzt oder in der nächsten Periode schaffen, bin ich zufrieden. Die beiden Schulen zusammenzuführen und die Fachschule Unterleiten zu übersiedeln, sehe ich als keine Option mehr. Von meiner Seite, aber auch von Landesseite, gibt es da keine Intention dazu.

Ein weiteres Projekt, das bereits auf Schiene ist, ist der Neubau des Pflege- und Betreuungszentrums am EVN-Standort in Waidhofen.

Kasser: Ja, das ist beschlossen. 2025 oder 2026 sollen die Bauarbeiten starten.

Wohin wird die EVN ihren Standort verlegen?

Kasser: Die EVN wird sich in Allhartsberg auf einem 1,5 Hektar großen Grundstück beim Kreisverkehr Richtung Kröllendorf ansiedeln. Die Beschlüsse in der EVN gibt es bereits. Da ist alles durch.

Ein weiteres großes Projekt ist ein Schnellradweg für den Alltagsradverkehr von Amstetten nach Waidhofen. Wie weit ist dieses Projekt?

Kasser: Da gibt es bislang nur Planungsüberlegungen für eine Trasse. Diese muss vier Meter haben, dann gilt es als Radschnellweg. Von Kematen Richtung Amstetten wird das möglich sein. Aber von Kematen nach Waidhofen sind die vier Meter schon eine große Herausforderung. Für mich hat das aber jetzt nicht oberste Priorität. Jetzt geht es einmal darum, den Ybbstalradweg durchzuziehen. Der geht jetzt durch Allhartsberg, soll aber nun beim Weißen Kreuz verlagert werden und auf der Kematner Seite ins Ybbstal führen.

Ein zentrales Thema in der Region ist die Trinkwasserversorgung. Welche Initiativen gibt es hier, um diese zu sichern?

Kasser: Wir spüren die Klimaveränderung und daher müssen wir schauen, woher wir künftig Wasser bekommen. Ich habe vor einem Jahr eine Wasserstudie initiiert und da hat sich wenig überraschend herausgestellt, dass Waidhofen und Amstetten die Hauptwasserquellen in der Region sind. Jetzt geht es da rum, nachzudenken, wie wir das Wasser, das es dort noch im Überfluss gibt, dorthin schaffen können, wo es nicht so viel gibt. Wir sind gerade dabei, eine Wasserleitung von Amstetten nach Kröllendorf zu verlegen. Von dort könnten wir locker die Verbindung nach Kematen zur Waidhofner Wasserleitung schaffen. Ich denke da schon recht weit in die Zukunft, weil wir das mit Sicherheit brauchen werden. Ich glaube, es macht Sinn, dass wir uns da im Bezirk gut vernetzen und absichern. Dafür braucht es auch die Unterstützung des Landes und da sehe ich mich in der Region als Motor, damit wir das nicht aus den Augen verlieren.

Wo liegen die großen Herausforderungen in der Landwirtschaft?

Kasser: Die Landwirtschaft ist natürlich auch von den massiven Preissteigerungen bei Energie, Futtermitteln und Dünger betroffen. Diese Mehrkosten sind von den Produktpreisen kaum abgedeckt. Wir erleben aber auch, dass die globale Welt an ihre Grenzen gestoßen ist. Wir wissen nun, dass nicht mehr alles zu 100 Prozent verfügbar ist. Die Eigenversorgung hat damit einen neuen Stellenwert bekommen. Das sehe ich als Riesenchance für die Landwirtschaft. Dass wir da gut dabei sind, merkt man etwa an den Regionalläden, die zuletzt überall wie die Schwammerl herausgeschossen sind. Jetzt muss es uns nur noch gelingen, diesen neuen Stellenwert der Landwirtschaft auch in die Produktpreise umzumünzen.

Welche Bemühungen gibt es in der Region im Klima- und Energiebereich?

Kasser: Zum einen gibt es nun die Möglichkeit Energiegemeinschaften zu gründen. Ich bin gerade dabei, über die Klima- und Energiemodellregion die „Energieregion Amstetten“ zu organisieren. Da haben wir derzeit knapp 300 Interessenten, da könnten wir noch viel mehr brauchen. Daneben forcieren wir schon lange den Ausbau der Photovoltaik. Wir sind auch dabei, eine Biogasanlage für unseren Biomüll umzusetzen, weil eine offene Kompostierung des Biomülls, wo das Methangas entweicht, einfach nicht mehr Stand der Technik ist und das ‚grüne Gas’ eine große Zukunft hat. Glasfaser, Wasser, Energie und die Klimafragen, das sind die brennendsten Themen der Zeit. Ich bin da jetzt schon seit 30 Jahren dran und kenne mich bei diesen Themen einigermaßen aus. Am Anfang haben mich die Leute ausgelacht und gesagt, was willst du denn mit dem Klima und der Energie – wer braucht das? Das hat sich mittlerweile massiv geändert und das ist auch meine Motivation, warum ich wieder für den Landtag kandidiere. Man kann wirklich viel für die Bevölkerung tun und ich tue es gerne.

Welche Projekte sind in der Gemeinde gerade am Laufen?

Kasser: Unser größtes Projekt mit 6,5 Millionen Euro ist momentan die Wasserleitung aus Amstetten. Da werden wir im Juli mit dem zweiten Teil, der Leitung von Hausmening bis Winklarn, anfangen. Bis Hausmening haben wir schon gebaut und die Hochbehälter stehen auch bereits. Die hat die Gemeinde gebaut und die Austria Juice mietet diese von uns und versorgt die Firma. Bei Glasfaser sind wir im Kernausbau fertig. Für einen Teil des ländlichen Raums haben wir uns eine weitere Förderung gesichert und können weiterbauen. Beim Radwegausbau sind wir dabei, jenen von Kröllendorf nach Wallmersdorf zu asphaltieren. In Hiesbach wird der zweite Teil asphaltiert und nächstes Jahr wird der dritte Teil, die Verbindung bis Hiesbach, geschaffen.

Wie sieht es im Wohnbereich aus? Sind da gerade Projekte am Laufen?

Kasser: Es gibt mehrere private Wohnbauprojekte, aber im größervolumigen Wohnbau haben wir derzeit nichts vor. Ich bin gerade ein wenig auf der Suche nach Gründen für Reihenhäuser. Da geht es um vier Doppelhäuser, nichts Großes. In Kröllendorf gibt es eine Privatinitiative, im Zuge derer in einer bestehenden Liegenschaft 17 Wohnungen geschaffen wurden. Die ersten acht sind bereits bewohnt, die restlichen werden gerade bezogen.

Wie steht es um die Nahversorgung in Allhartsberg?

Kasser: Seit einem Jahr ist das Nah&Frisch-Geschäft offen und das sehr erfolgreich. Unser Sorgenkind ist das Kaffeehaus. Da suchen wir einen Mieter. Ansonsten sind wir gut aufgestellt und ich habe auch keine Angst, dass etwas wegbricht. Wir sind sehr froh, dass wir in Allhartsberg einen praktischen Arzt und eine Zahnärztin haben. Große Freude bereitet uns gerade unser Wirt. Er baut im Allhartsbergerhof gerade einen großen Saal und sieben Zimmer dazu. Das ist für Allhartsberg ein Riesengewinn.

Sind in der Gemeinde derzeit Familien aus der Ukraine untergebracht?

Kasser: Ja, wir haben eine Gemeindewohnung zur Verfügung gestellt, wo vier Erwachsene und zwei Kinder untergebracht sind. In einer Wohnung im Pfarrhof wohnen weitere sechs Personen. Eine Pfarrgemeinderätin und unsere Sozialgemeinderätin kümmern sich mit einer Gruppe an Bürgerinnen und Bürgern sehr gut um diese Menschen.

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