Bahnhof Kollektiv: Zwischen Akustik und Elektronik. Seit fast zehn Jahren überschreitet das Bahnhof Kollektiv musikalische Grenzen und erfindet sich dabei stets neu.

Von Ulrich Musa-Rois. Erstellt am 23. April 2021 (05:16)
Hannes Mayrhofer im Dezember 2016 im Vorprogramm von Lukas König im Bertholdsaal Weyer.
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Die Ursprünge der Band Bahnhof Kollektiv gehen darauf zurück, dass Hannes Mayrhofer (Gesang, Posaune, Maultrommel), Dieter Forster (Steirische Ziehharmonika, Maultrommel, Flöte) und Reinhard Reisenzahn (Synthesizer, Samples) 2012 beschlossen, ein neues, gemeinsames Projekt zu gründen, das stark von elektronischer Musik geprägt sein sollte.

Hannes Mayrhofer und Dieter Forster waren zuvor schon gemeinsam in der Band KAGA aktiv, über die wir im ersten Teil dieser Reihe berichteten. Reinhard Reisenzahn wiederum war und ist auch als Solo-Künstler im Bereich der elektronischen Musik äußerst aktiv. Von vornherein war es die Intention der neugegründeten Band, einen Sound zu entwickeln, der stark von elektronischer Musik, deren kompositorischen Möglichkeiten und technischen Aspekten geprägt war, aber gleichzeitig auch den Klang akustischer In strumente integrierte.

„Es war für uns immer ein Experimentierfeld, das Spaß machen soll und wo wir auch vieles ausprobieren können.“ Hannes Mayrhofer

„Für Dieter, Reini und mich war es das, was uns musikalisch interessiert hat. Einmal etwas ganz anderes zu machen, mit sehr viel Elektronik. Also damals war wirklich alles auf Elektronik und Loops aufgebaut“, erinnert sich Hannes Mayrhofer. Die drei Musiker begannen also, in einem Proberaum am Bahnhof Waidhofen an ihrem Sound zu feilen. Der Ort des Proberaums inspirierte auch den ersten Teil des Bandnamens, während der Begriff „Kollektiv“ auf eine gewisse Offenheit in der Entwicklung hinweist.

Neben den technischen Möglichkeiten elektronischer Musik war für die Gruppe vor allem auch die Kombination dieser Elemente mit Live-Instrumentation und das Verwenden von Loops mit ungewöhnlichen In strumenten von großem Interesse.

Ein integraler Bestandteil des Equipments von Bahnhof Kollektiv war damals dann auch das Loop-Pedal. Darunter versteht man ein Gerät – meist in Form eines Effekt-Pedals –, mit dem man live ein Instrument oder eine Stimme aufnehmen und wiedergeben kann. In weiterer Folge kann man damit immer mehr Spuren übereinander aufnehmen und somit – je nach Art der Verwendung – ganze Songstrukturen oder dichte Klangteppiche aufbauen.

Mayrhofer erinnert sich, wie bei den ersten Auftritten von Bahnhof Kollektiv diese Pedale zum Einsatz kamen, um damit akustische Instrumente zu loopen und die Stücke darauf aufzubauen: „Ich hatte zum Beispiel die Posaune oder Maultrommel und das Stück fing zum Beispiel mit einer Maultrommelphrase an. Das loopt man dann, macht eine zweite, dritte Maultrommel dazu und es ergibt sich ein gewisser Beat, es ergeben sich gewisse Harmonien und das Ganze wächst dann. So sind unsere ersten Lieder entstanden.“

Nach einiger Zeit entschieden sich die drei Musiker allerdings dennoch dazu, einen Schlagzeuger als rhythmische Unterstützung für die Live-Auftritte mit ins Boot zu holen. Christoph Schwaiger kam nun als Drummer dazu und in dieser Besetzung wurde auch der erste und bisher einzige Tonträger der Gruppe aufgenommen.

Die EP „Bahnhof Kollektiv“ wurde durch eine Crowdfunding-Kampagne finanziert und zum Großteil im Proberaum und in Christoph Schwaigers Home-Studio aufgenommen. Sie versammelt sechs Stücke, die allesamt auf diesen frühen Loop-Jams basieren, für diese Veröffentlichung allerdings mit Schlagzeug neu arrangiert wurden.

Im Mai 2017 stellte die Band im Schlosskeller des Waidhofner Rothschildschlosses ihre Debüt-CD live vor: Reinhard Reisenzahn, Hannes Mayrhofer, Christoph Schwaiger und Dieter Forster (von links).
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Der in Wien lebende Christoph Schwaiger musste etwas später aufgrund der räumlichen Entfernung aus der Gruppe aussteigen, Marcin Kolodziejczyk (auch bei Neversage, Palm Beach Drive etc.) übernahm da raufhin die Rolle des Schlagzeugers. Kurz bevor es durch die Covid-Pandemie zu einer Zwangspause kam, begann dann noch einmal ein Prozess der Neufindung für die Gruppe:

Gründungsmitglied Reinhard Reisenzahn und Kolodziejczyk stiegen aus und mit Daniel Schiefer, Robert Ebner und Christian Nefischer wurde sozusagen die komplette Besetzung von Sankt Heinrich (über die wir ebenfalls in dieser Reihe berichteten) in das neue Line-up integriert.

Damit hat sich die Band nach den stark elektronisch geprägten Anfängen nun fast zu einer „traditionellen“ Bandbesetzung entwickelt. Hannes Mayrhofer erklärt die Beweggründe dahinter: „Wir haben gemerkt, dass die Loop- und Elektronik-Geschichte zwar viele Möglichkeiten bietet, gleichzeitig aber auch musikalisch irrsinnig einschränkend sein kann. Rhythmisch, dynamisch. Vor allem Dynamik ist dann sehr schwierig, wenn die Loops immer auf der gleichen Lautstärke laufen. Man läuft dann irgendwann Gefahr, dass alles immer lauter wird.“

Mit dem Vorhaben, das bestehende Liedmaterial für diese neue Besetzung umzuarbeiten, fanden Anfang 2020 gerade einmal einige wenige Proben statt, bevor die Pandemie ausbrach. Wie es also genau für Bahnhof Kollektiv weitergehen wird, ist derzeit noch unklar. Hannes Mayrhofer gibt auch an, dass sich die neue Formation mental von dem Namen Bahnhof Kollektiv getrennt hätte, um sich von jeglicher Erwartungshaltung zu befreien – es sei aber auch nicht ausgeschlossen, dass es doch unter diesem Namen weitergehen könnte.

Jedenfalls freuen sich die beteiligten Musiker bereits darauf auszuloten, was sie gemeinsam entwickeln werden. Damit schließt sich auch wieder ein Kreis zu der bereits im Bandnamen angedeuteten Offenheit des Projekts, wie auch Hannes Mayrhofer betont: „Wir haben nie Wert darauf gelegt, ein großes, erfolgreiches Projekt daraus zu machen, sondern es war für uns immer ein Experimentierfeld, das Spaß machen soll und wo wir auch vieles ausprobieren können.“

Auf die Frage nach persönlichen Highlights aus der bisherigen Bandgeschichte nennt Hannes Mayrhofer vor allem einige denkwürdige Konzerte, zum Beispiel im Vorprogramm von Lukas König im Bertholdsaal Weyer, eine Veranstaltung im Rahmen des Viertelfestivals, bei der Bahnhof Kollektiv gemeinsam mit RockaRollics Musik für ankommende und abfahrende Zugreisende am Waidhofner Hauptbahnhof spielten, oder auch einige Auftritte mit Gastsänger Sufyan Alobaidi, einem Asylwerber aus Gaflenz, der orientalische Einflüsse mit einbrachte.