Günther: „Nachbarschaftshilfe hat gut funktioniert“. Kematens Bürgermeisterin Juliana Günther über die Auswirkungen von Corona auf geplante Projekte und wie die Krise die Gemeinde verändert hat.

Von Andreas Kössl. Erstellt am 22. Mai 2020 (04:36)
Bürgermeisterin Juliana Günther macht sich Sorgen um die ältere Bevölkerung. Die Kommunikation würde dieser derzeit sehr fehlen. Die Krise habe gezeigt, wie wichtig gute Nachbarschaft sei, meint die Ortschefin
Kössl

Bürgermeisterin Juliana Günther: Es freut mich sehr, dass mir die Bevölkerung dieses große Vertrauen geschenkt hat. Ich bin weiterhin sehr bestrebt, auf die Menschen einzugehen, ihre Sorgen und Nöte ernst zu nehmen und in ihrem Sinne für die Gemeinde zu arbeiten. Leider hat nun die Coronakrise einiges über den Haufen geworfen. Wir bemühen uns aber, unseren Verpflichtungen als Gemeinde weiterhin nachzukommen.

Wie haben Sie die erste Phase der Coronakrise erlebt? Sie befanden sich ja selbst in Quarantäne.

Günther: Da ich gerade vom Urlaub aus dem Ausland zurückgekehrt war, bin ich zwei Wochen daheim geblieben. Dabei habe ich schon mit einem gewissen Schaudern verfolgt, was da auf Österreich und die Welt hereingebrochen ist. Gott sei Dank hat Bundeskanzler Sebastian Kurz so schnell die Reißleine gezogen. Nun befinden wir uns in einer Umstrukturierungsphase, damit alles bald wieder den normalen Weg geht. Wirtschaftlich hat diese Krise aber sicher ganz gravierende Auswirkungen.

In Kematen hat es länger gedauert, bis es Coronavirus-Fälle gab. Insgesamt wurden fünf Personen positiv auf Covid-19 getestet. Wie geht es diesen Bürgern?

Günther: Eine Person ist noch im Spital, die anderen sind bereits wieder genesen. Wie hoch die Dunkelziffer in der Gemeinde ist, wissen wir aber nicht. In den vergangenen Wochen haben wir einen Hilfsdienst über die Gemeinde angeboten und sehr viele ältere Menschen betreut. Auch die Nachbarschaftshilfe hat sehr gut funktioniert.

Trotz Corona waren in Kematen in den letzten Wochen schon einige Projekt am Laufen, wie der Wasserleitungs- und der Kanalbau.

Günther: Ja, denn bei der Infrastruktur muss man einfach weiterarbeiten, sonst holt einen das irgendwann ein. Der Kanalbau läuft derzeit in der 9. Straße bis zur Kirche. Beim Wasserleitungsbau führen wir jetzt den Ringschluss nach Hausleiten, Stritzlhof und Wollmersdorf durch. Danach ist das gesamte Gemeindegebiet mit dem guten Waidhofner Wasser versorgt. Dieses Projekt soll heuer abgeschlossen werden. Im Zuge dessen wurde in Stritzlhof auch eine neue Bushaltestelle errichtet, weil dort nun schulpflichtige Kinder sind. Voriges Jahr wurde eine Bushaltestelle in Hausleiten errichtet. Diese kann man nun mit einer Busverbindung über Stritzlhof und Höfing an Kematen anschließen. Auch Lichtwellenleiter werden beim Wasserleitungsbau gleich mitverlegt.

Kematen ist ja nun Teil des Glasfaserausbauprojekts des Landes NÖ. Welchen Zeithorizont gibt es hier?

Günther: Ja, wir haben die 40-Prozent-Hürde geschafft, nun erfolgt die Ausschreibung. Die Verlegungsarbeiten sollen im Juni starten. Dieses Breitband-Projekt betrifft 90 Prozent des Gemeindegebiets. Die restlichen zehn Prozent wurden bereits mit Glasfaserleitungen ausgestattet. Somit sollte es in zwei Jahren im gesamten Gemeindegebiet schnelles Internet geben.

Auch beim Friedhof stehen Arbeiten an. Was wird da gemacht?

Günther: Da wir da mit einer Hangrutschung zu kämpfen haben, wird jetzt eine Stützmauer errichtet. Da läuft gerade die Ausschreibung. Danach können wir weitere neue Gräber errichten. Neue Urnengräber wurden schon letztes Jahr gemacht.

Die Errichtung einer neuen Aufbahrungshalle war zuletzt ja ebenfalls ein Thema. Wie weit ist man da?

Günther: Das ist immer noch Thema. Da wir derzeit aber nicht wissen, welche Auswirkungen die Coronakrise auf das Budget haben wird, warten wir hier vorerst einmal ab. Erst am Ende des Jahres wird man mehr sagen können. Schließlich wird die Kommunalsteuer aufgrund der Kurzarbeit etwas einbrechen und werden die Sozialleistungen in die Höhe gehen. Wir wissen auch noch nicht, wie viel Geld wir von Bund und Land bekommen werden. Es gehört ja auch das Gemeindeamt saniert. Da soll heuer einmal die Planungsphase beginnen. Dann werden wir sehen, ob die Finanzmittel reichen. Auch beim Kindergarten sind wir gerade in der Planungsphase für einen Zubau.

Gibt es Projekte, die aufgrund der Coronakrise nun schon fix nicht realisiert werden können?

Günther: Es kann durchaus sein, dass die eine oder andere Straße nicht sofort saniert werden kann. Die Straße Richtung Firma Grossalber werden wir heuer sicher realisieren, weil dort Betriebe sind, die eine Asphaltstraße für den Schwerverkehr brauchen. Alles andere hängt vom Budget ab. Ich glaube aber schon, dass den Leuten bewusst ist, dass durch Corona jetzt nicht mehr alles auf einmal geht. Wir sind natürlich bestrebt, alle geplanten Projekte durchzuführen, müssen aber zuerst schauen, ob es auch leistbar ist. Die Krise hat alles durcheinandergerüttelt und große Schulden möchte ich nicht machen. Man muss jetzt einmal schauen, was notwendig ist, und schrittweise realisieren, was möglich ist.

Vor einem Jahr haben die am Wirtschaftspark Kematen beteiligten Gemeinden angekündigt, aus der Gesellschaft aussteigen zu wollen. Eine Übernahme durch die Gemeinde Kematen stand im Raum. Wie weit ist man da?

Günther: Die Liquidierung der Gesellschaft läuft gerade. Aufgrund der Coronakrise wurde das zuletzt etwas zurückgestellt. Es gibt aber noch Verhandlungen mit den anderen Gemeinden, in welcher Weise man hier weiter kooperieren kann.

Die Schulen und der Kindergarten sind am Montag wieder gestartet. Wie sieht es mit der Kleinkinder- und Nachmittagsbetreuung aus?

Günther: Ich glaube, die Mütter sind sehr froh, dass die Kinder nun wieder zur Schule gehen. Sie haben in den letzten Monaten Großes geleistet, indem sie neben dem Homeoffice auch noch die Kinder- und Schulbetreuung nebenbei mitgemacht haben. Die Kleinkindergruppe fängt erst im Herbst wieder an. Eine Nachmittagsbetreuung wird es, wenn es großen Bedarf gibt, wieder geben. Bis Juni ist aber nun vorerst um 12 Uhr Schluss. Danach werden wir sehen. Eine Ferienbetreuung wird es heuer wieder geben.

Die Sportwoche fällt aber aus?

Günther: Ja, aber vielleicht kann man einzelne Tage mit einzelnen Gruppen trotzdem machen, etwa Waldspaziergänge oder Ähnliches. Sportliche Tätigkeiten wird es heuer im kleineren Rahmen schon geben.

Wann wird der Saisonstart im Naturbad sein?

Günther: Das Naturbad werden wir im Juni aufsperren, wobei wir darauf achten werden, dass genügend Abstand auf der Liegewiese herrscht.

Das gesellschaftliche Leben stand bis zuletzt auch in Kematen still. Die Wirtshäuser hatten bis Freitag geschlossen und Veranstaltungen dürfen noch immer keine stattfinden. Was bedeutet das für die Gemeinde?

Günther: Ich bin schon sehr besorgt um die älteren Menschen, denen derzeit die Kommunikation fehlt. Ich hoffe, dass hier in den Sommermonaten oder zu Beginn der Herbstzeit wieder Treffen stattfinden können. Außerdem hoffe ich, dass bald wieder Kulturveranstaltungen stattfinden können. Die Gastronomie war ja bis Freitag auch runtergefahren. Einige waren freilich schon aktiv, indem sie Liefer- oder Abholservices angeboten haben, aber da fehlt halt die Geselligkeit. Wenn man sich beim Wirten an einen Tisch setzen kann, ist das schon etwas anderes. Bis das wieder normal läuft, wird es wohl noch seine Zeit brauchen.

Der Bauernmarkt ist aber schon seit Längerem wieder aktiv. Wie wird dieses Angebot angenommen?

Günther: Der Bauernmarkt wird sehr gut angenommen. Das Frühstücksbuffet gibt es aber erst wieder im Herbst.

Um Kematen an den Ybbstalradweg anzubinden, war zuletzt eine Radbrücke über die Ybbs im Gemeindegebiet im Gespräch. Wie weit ist dieses Projekt?

Günther: Da ist man noch nicht weiter. Wenn wir eine Verbindung von Kematen zum Radweg herstellen wollen, brauchen wir diese Brücke aber unbedingt. Die Ybbsbrücke ist dafür nicht geeignet, weil ein Anbau bei der historischen Steinbrücke nicht möglich ist. Die beste Lösung wäre eine Brücke von der 4.a Straße über die Ybbs nach Allhartsberg. Seitens der Brückenbauabteilung des Landes NÖ gab es bereits eine Besichtigung. Dabei hieß es, dass eine derartige Querung möglich sei.

Und wie sieht es mit der angedachten Umfahrung bei der Firma Mondi Richtung Biberbach aus?

Günther: Da sind wir noch dabei, ein paar Unterschriften einzuholen, da fehlen uns noch ein paar. Aufgrund der Coronakrise hat sich das natürlich jetzt auch alles verzögert. Gut Ding braucht eben Weile.

Wie sieht es derzeit mit der Schaffung von Wohnraum in der Gemeinde aus?

Günther: Die Amstettner Siedlungsgenossenschaft hat gerade damit begonnen, in der 23. Straße einen weiteren Wohnblock zu bauen. Bauparzellen für Einzelhäuser haben wir genug.

Welche Projekte sind derzeit noch geplant?

Günther: Wir haben vor, einen Themenweg zum Spazieren in der Heide zu machen, mit Sportstationen und Themenstationen. Das soll heuer geplant und wahrscheinlich dann nächstes Jahr realisiert werden. In der 4.a Straße warten wir noch ab, wie es mit dem Brückenbau ausschaut. Da wäre nämlich ein Generationenpark geplant. Wenn die Radbrücke kommt, würde es Sinn machen, bei dem Generationenpark dann einen Rastplatz für die Radler einzurichten. Und dann hoffen wir, dass das Vögele-Gebäude bald wieder befüllt wird. Wünschenswert wäre hier ein Drogeriemarkt – gerade für ältere Leute, die kein Auto haben.

Inwiefern, glauben Sie, wird die Coronakrise langfristig Spuren hinterlassen?

Günther: Ich glaube, dass die Leute nun teilweise weniger hektisch sind und mehr zusammenhalten. Die Nachbarschaftshilfe in den letzten Wochen hat funktioniert. Die Menschen helfen, wenn Hilfe nötig ist. Die Krise hat so gezeigt, dass jeder von jedem abhängig ist und gute Nachbarschaft in schweren Zeiten wichtig ist.