Rüegg – gone too far. Mit Schuberts „Winterreise“ in der Bearbeitung von Jazz-Legende Mathias Rüegg fand am Nationalfeiertag ein Ausnahmeereignis im Kristallsaal statt.

Von Leo Lugmayr. Erstellt am 27. Oktober 2014 (12:16)
NOEN, Leo Lugmayr
Mathias Rüegg (Komposition und Klavier), Lia Pale (Gesang, Klavier, Flöte, Schlagwerk), Fabian Rucker (Saxofon, Flöte), Hans Strasser (Bass) und Ingrid Oberkanins (Schlagwerk) (v.l.) begeisterten.

Eine neue Facette von Franz Schuberts Zyklus „Winterreise“ kennt das Publikum seit dem Nationalfeiertag, an dem im Rahmen des Festivals „Klangraum im Herbst“ die Bearbeitung von und mit Mathias Rüegg zur Aufführung gebracht wurde. Der Zyklus, der von nahezu allen bedeutenden Liedsängern und -sängerinnen interpretiert wurde, gilt neben dem Zyklus „Die schöne Müllerin“ gemeinhin als Höhepunkt der Gattung Liederzyklus und des Kunstlieds.

Eine zeitlose jazzorientierte Interpretation

Eine völlig neue, moderne oder vielmehr zeitlos jazzorientierte Interpretation unternimmt der Komponist und Spiritus Rector des 1977 von ihm gegründeten und 2010 aufgelösten Vienna Art Orchestras, Mathias Rüegg. Mit Gesangsentdeckung Lia Pale setzt er den von Schubert vertonten Texten Wilhelm Müllers eine facettenreiche Jazz-Krone auf.

Lia Pale, eine großartige Sängerin und Performerin mit Pfiff und Humor, geht in gewinnender Frische scheinbar unbekümmert mit den Rüegg-Kompositionen um und verspannt sie mit Leichtigkeit zu hochkomplexen Liederlebnissen von beeindruckender Breite und Dichte; eine unglaubliche Stimme, ausdrucksvoll in ihrer grandiosen Farbpalette.

Herausragend die Begleitmusiker: Mit Fabian Rucker verfügt das Ensemble über einen Saxofonisten von beeindruckender Virtuosität. Seine Soli reißen das Publikum förmlich von den Sesseln. Als swingendes Rückgrat des Quintetts fungiert Hans-Koller-Preisträger Hans Strasser, ein Meister der Interpretation am Bass und ein Seismograf für bevorstehende Eruptionen.

Getrieben durch Blue Notes und Jazz-Expressivität

Perkussionistin Ingrid Oberkanins herrscht unbeirrbar und mit Verve über ihren Schlagwerk-Kosmos. Rüegg selbst ist ein wahrer Magier am Bösendorfer Flügel, der die Fäden stets zusammenführt und über die Stringenz seiner Kompositionen wacht. Zwischen Tod und Jugend zu changieren und beides in Vexierbildern hochkochen zu lassen, das vermögen Rüeggs Kompositionen, die getrieben durch Blue Notes und Jazz-Expressivität bisweilen in rasende Finali explodieren.

An den Improvisationslinien der Musiker entstehen bisweilen gewaltige Free Jazz Cluster, auf die Lia Pale – von Rüegg eingemantelt – behutsam Schubert-Phrasen bettet. Was jedenfalls gelingt, ist eine wunderbare Zusammenführung von Jazz und Schubert, wie sie nur ein Kompositionsmeister wie Rüegg so genial vorgeben kann: duftig, locker und charmant.

Es ist unschwer zu erkennen, dass Mathias Rüegg mit „Gone too far“ – gerade in dieser Zusammensetzung der Musiker – einmal mehr Musikgeschichte schreibt. In Summe: ein Ereignis! Bleibt spannend zu erwarten, womit Mathias Rüegg im nächsten Schritt – dem Vernehmen nach einem Rilke-Projekt – am 3. Februar in Wien das Publikum überraschen wird.