Groissböck: „Müssen endlich raus aus diesem Irrsinn“. Am 13. August startet der Klangraum Waidhofen mit Weltstar Günter Groissböck im Alpenstadion. Mit Leo Lugmayr sprach der Sänger über Corona-Hysterie und Kultur-Neustart.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 31. Juli 2020 (04:12)
Der in Waidhofen aufgewachsene Opern-Weltstar Günther Groissböck ist längst auf den Bühnen in Bayreuth, Salzburg, Mailand und New York fest verankert. Der Heimat bleibt er verbunden und gibt am 13.8. im Alpenstadion ein Konzert mit der Kapelle Windhag.
Stixenberger

NÖN: Herr Groissböck, am 13. August werden Sie im Alpenstadion ein Konzert geben. Wie kam es dazu?

Günther Groissböck: Ursprünglich hätte bei der Klangschmiede Ybbsitz am 21. Juni ein großes Open Air am Ybbsitzer Marktplatz stattfinden sollen. Andreas Hanger hat diese Idee letztes Jahr geboren und Anneliese Fuchsluger, die Organisatorin, war das ganze Jahr über eifrigst am Vorbereiten. Andreas Schager, momentan der wahrscheinlich weltweit gefragteste Heldentenor, der heuer im neuen Bayreuther Ring den Siegfried hätte singen sollen, und meine Wenigkeit hätten unter anderem einen bunten Querschnitt durch Wagners Werke zum Besten gegeben. Ioan Holender, der ehemalige Staatsoperndirektor hätte das Konzert moderiert. Alles war bereit, die Plakate in Druck. Dann kam das sogenannte Killervirus und, noch viel schlimmer, die völlig überzogenen, hysterischen und aktionistischen Maßnahmen der Politik, die den Menschen einfach mal so von heute auf morgen das Leben auf unbestimmte Zeit weggenommen haben. Ybbsitz war damit leider auf 2021 verschoben. Anfang Mai, als sich dann aber langsam herausstellte, dass anstelle der 100.000 Opfer, die Herr Kurz panikmachend ankündigte, doch nur knapp 350 meist betagte, vorerkrankte Menschen das Leben verloren haben – selbstverständlich auch das sehr bedauernswert – habe ich mich mit Thomas Bieber zusammentelefoniert und ihn gefragt, was wir machen könnten, um auch kulturell so schnell wie möglich zur normalen Normalität zurückkehren zu können. Er kam mit der genialen Idee eines Open-Air-Konzerts im Waidhofner Stadion, wo man selbst auf die absurdesten Regeln der Politik Rücksicht nehmen und dabei ein gewaltiges Zeichen für das Zustandekommen einer Großveranstaltung setzen kann. Und das auch noch mit ach so gefährlichen, Aerosol ausstoßenden Blasmusikinstrumenten. Ich war von Beginn weg hellauf von dieser Idee begeistert, zumal ja auch die Trachtenmusikkapelle Windhag ein ganz besonderer Klangkörper ist und diese Kombination einfach vielversprechend klingt.

Wie passt für Sie Fußballplatz und Oper zusammen?

Groissböck: Da ja im Stadion immer Blasmusik-Wertungsspiele stattfinden, ist dieser Ort zumindest für die Trachtenmusikkapelle Windhag kein neues Terrain. Was Oper oder Richard Wagner, der ja viel mehr als nur Oper repräsentiert, und Fußballplatz betrifft, bin ich selber schon sehr gespannt, wie sich das anfühlen wird. Diese Idee ist aber so erfrischend neu und im besten Sinne des Wortes verrückt, dass ich alleine deshalb schon sicher bin, dass wir etwas ganz Tolles schaffen werden.

Wie spannend ist es, die Musikkapelle Windhag als Partner haben?

Groissböck: Das werden wir jetzt in den Proben sehen, aber ich bin sehr zuversichtlich. Kapellmeister Thomas Maderthaner ist mit Feuereifer dabei und er beschäftigt sich intensiv mit den Werken bzw. deren Bearbeitungen. Letzteres wird sicher die größte Herausforderung, denn der gesamte Streicherapparat, sprich Violinen, Celli und Kon trabässe, musste ja für Blasinstrumente übertragen werden. Ich bin selber schon sehr neugierig, wie zart und differenziert man das alles hinbekommt, aber auch da sehr zuversichtlich.

Was erwartet uns inhaltlich?

Groissböck: Ein hoffentlich sehr packender, knackiger Querschnitt durch die Werke Lohengrin, Die Meistersinger von Nürnberg und natürlich Der Ring des Nibelungen. Einiges sehr Populäres, wie der Walkürenritt oder Siegfrieds Tod, aber auch weniger Bekanntes wie der Wahnmonolog des Hans Sachs, der auch den Titel des Konzerts „Wahn, Wahn, überall Wahn“ – sozusagen das Motto unserer Zeit – prägt.

Das Alpenstadion mutiert zu einem Open-Air-Gesamtkunstwerk. Wie sehen Sie das?

Groissböck: Alles was uns jetzt so schnell wie möglich wieder in die normale Normalität zurückbringt, ist wichtig. Das digitale Leben in dieser Form, wie wir es nun kennenlernen durften, ist eine große Errungenschaft und kann auch eine große Bereicherung sein, wird aber niemals das echte, authentische, analoge Leben ersetzen können. Wir sind soziale Wesen und brauchen normale Interaktion sprich Begegnung, vor allem aber auch Berührung. Das ist nicht nur für Babys und Kleinkinder überlebenswichtig. Die Wandlung zu „digital zombies“ findet ja ohnehin schon schleichend statt. Außerdem ist echte Musik, also Livemusik, ein permanenter Austausch zwischen Publikum und den Ausführenden. Man kann sich kaum vorstellen, wie schwer es z. B. ist, in einem leeren Münchner Nationaltheater einen Liederabend zu geben, wo man nur für Kameras singt.

Die 1.200 Plätze am Fußballfeld. Haben Sie das je gemacht?

Groissböck: Mit Open Airs und Verstärkung habe ich nur wenig Erfahrung, da ich grundsätzlich immer fürs Echte, Ehrliche und Unverfälschte bin. Wenn es allerdings die Situation erfordert, um Musik noch mehr Menschen näherzubringen, soll es mir natürlich recht sein. Zuletzt hatte ich im Rahmen der 150-Jahr-Jubiläumsgala der Wiener Staatsoper 2019 das Vergnügen, so etwas mitmachen zu dürfen. Ich sang damals vom Balkon des Hotel Bristol und die Wiener Philharmoniker spielten knapp 50 Meter entfernt unter einem durchsichtigen Zeltdach, sodass man zumindest den Dirigenten halbwegs gut sehen konnte. Das Bild am riesengroßen, live geschalteten Monitor mit meinem singenden Gesicht zur Rechten war auch nur schwer zu ertragen. Es ist mir nur sehr wichtig, hier noch mal in aller Deutlichkeit sagen zu können, wie ernst diese ganze Situation meiner Meinung nach ist. Jedoch sicher nicht wegen dieses neuartigen Grippevirus, dessen Überlebenschance, wie wir nun wissen, bei etwa 99,7 Prozent liegt, sondern vor allem wegen des Geisteszustands vieler Menschen, die scheinbar unfähig sind, Realität von Fernsehbildern beziehungsweise skandalöser, medialer Hysterie zu unterscheiden. Die kollektive Massenpsychose des mittelalterlichen Hexenwahns lässt langsam grüßen, und wir müssen endlich raus aus diesem Irrsinn! Und das so schnell wie möglich!