Waidhofen/Ybbs: „Tierischer“ Zuzug in der Innenstadt. Mehrere Turmfalken haben sich in Waidhofens Türmen eingenistet.

Von Andreas Kössl. Erstellt am 21. April 2021 (05:48)

Die Stadt Waidhofen darf sich über Zuzug freuen. Mehrere Turmfalken haben sich auf dem runden Turm, der beim Pfarrgartenparkplatz aufragt, eingenistet. Bereits im Vorjahr machten es sich ein paar der kleinen Greifvögel hier in den Nischen zeitweise bequem. Im heurigen Frühjahr ist das Falkenaufkommen in der Stadt der Türme aber doch beträchtlich gestiegen.

Mindestens vier Nester und damit vier Falkenpaare wurden am Rundturm beim Pfarrgartenparkplatz gezählt. Die Vögel haben auch schon gebrütet und versorgen derzeit ihre Jungen. Auch am Stadtturm befindet sich unterhalb der Turmuhr, die Richtung Freisingerberg zeigt, ein Falkennest.

Für Vizebürgermeister Mario Wührer, der in der Stadt politisch für die Bereiche Agrar und Forst zuständig ist, sind die Turmfalken ein gutes Zeichen. „Das beweist, dass unser Naturraum intakt ist und wir wirklich im Grünen wohnen“, sagt er. Als Nahrung dienen den neuen Stadtbewohnern hauptsächlich Mäuse, aber auch Tauben stehen hin und wieder am Speiseplan.

„Indem die Falken nach Mäusen jagen, tragen sie dazu bei, dass sich diese nicht zu stark vermehren und es zu einer Mäuseplage kommt, wie das zuletzt im Marchfeld der Fall war“, hält der Vizebürgermeister fest. „Das einzige Problem, das es geben kann, ist der Mist, den die Falken hinterlassen, wenn sie sich auf Häusern einnisten.“

Erfreut über das Falkenaufkommen ist man auch beim Kulturkreis Freisingerberg. „Als ich ein Kind war, gab es viele Turmfalken in Waidhofen“, erinnert sich Karl Piaty senior. „Es gab sogar Buben, die die Vögel gefangen und zuhause aufgezogen haben.“

Mit viel handwerklichem Geschick, modernster Technik und großer Geduld hat Fotograf Fritz Bachner für den Kulturkreis Freisingerberg beeindruckende Bilder der Turmfalken an ihren Nistplätzen gemacht.

Rundturm soll von nun an „Falkenturm“ heißen

Seitens des Kulturkreises Freisingerberg plädiert man nun dafür, den runden Turm beim Pfarrgartenparkplatz, in dem sich die Falken eingenistet haben und der in den letzten Jahren etwas in Vergessenheit geraten ist, in „Falkenturm“ umzubenennen.

Stadtpfarrer Herbert Döller hat sich aus aktuellem Anlass die Mühe gemacht, die bewegte Geschichte des Rundturms und des angeschlossenen Rechteckbaus unter die Lupe zu nehmen. Man habe den Rundturm lange als Teil der Stadtbefestigung gesehen und ihn als Wehrturm eingestuft, sagt Döller. Eine neuere bauhistorische Untersuchung habe jedoch ergeben, dass Turm und Rechteckbau gemeinsam als Kapelle erbaut worden seien und mit der Stadtmauer in keinerlei Verbindung standen.

Die Vollendung des Gebäudes macht der Stadtpfarrer um das Jahr 1500 fest. Es diente vornehmlich zur Abhaltung der täglichen Messfeier. Das Untergeschoß wurde als Karner – als Beinhaus – genutzt. Die zahlreichen viereckigen Löcher im Mauerwerk, in denen sich nun die Falken eingenistet haben, seien keineswegs Schießscharten, hält Döller fest. Vielmehr handle es sich um Gerüstlöcher, in die bei der Erbauung Pfosten eingeschoben worden seien, um dann ein weiteres Geschoß aufzusetzen.

Im 19. Jahrhundert kam dann der Name „Lutherturm“ für den Rundturm, der kurz vor dem Reformationsgeschehen in der Stadt errichtet worden war, auf. Nach der Reformation kam das Gebäude in den Besitz der Stadt und wurde zu einem Zeughaus. 1806 gelangte es in den Besitz der Pfarre. Man benützte es als Kohlenkeller des Pfarrhofs bzw. als Kartoffelkeller und Zeughaus. Nach der Renovierung der Marienkapelle wurde 1935 das Heilige Grab darin aufgestellt.

Das zweite Obergeschoß wurde während der NS-Zeit nochmals als Kapelle genutzt. Die Beschlagnahmung des Gebäudes durch die Nationalsozialisten konnte abgewendet werden. Nach 1945 diente der Turm vielen Mädchen als Zufluchtsstätte vor den russischen Besatzern.

1972 übernahmen die Pfadfinder die beiden Obergeschoße und bauten sie als Pfadfinderheim aus.