Signalkrebs bedroht mit Pilz das Ökosystem. Amerikanischer Krebs verbreitet sich durch Erwärmung der Ybbs immer stärker. Er überträgt Krebspest, die für heimische Krebsarten tödlich ist.

Von Markus Huebmer und Lisa Hofbauer. Erstellt am 14. August 2019 (06:01)
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Dieser rund 20 Zentimeter große Signalkrebs wurde in der vergangenen Woche zwischen Hollenstein und St. Georgen/Reith gesehen. Während der amerikanische Krebs für Menschen und Fische ungefährlich ist, setzt er den heimischen Stein- und Edelkrebsen stark zu. Foto: privat

Einen rund 20 Zentimeter großen Krebs entdeckten Badegäste in der Vorwoche in der Ybbs zwischen Hollenstein und St. Georgen/Reith. Das geschossene Bild wurde auf Facebook gepostet und schnell stellte sich heraus, dass es sich bei diesem Tier um einen sogenannten „Signalkrebs“ handelt.

Auf Nachfrage der NÖN bestätigte die Signalkrebs-Expertin der Österreichischen Bundesforste, dass es sich bei dem Tier um einen amerikanischen Signalkrebs handelt. „Erkennungsmerkmal ist der weiße Punkt vorne an den Scheren, den man auch auf dem Foto gut erkennt“, sagen die Bundesforste.

Der Signalkrebs stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde im 19. Jahrhundert nach Europa gebracht. 1970 wurden in Österreich 2.000 Exemplare bewusst ausgesetzt, um die Krebsbestände in heimischen Gewässern zu erhöhen. Was man damals nicht wusste: Der Signalkrebs ist ein Wirt für die sogenannte Krebspest – einen Pilz, gegen den er selbst immun ist, der aber für die heimischen Krebse tödlich ist. Innerhalb kürzerster Zeit reduzierten sich die heimischen Krebsbestände um 80 Prozent.

Signalkrebs wandert von Gewässer zu Gewässer

Dass der Signalkrebs in den heimischen Gewässern zu finden ist, ist also kein neues Phänomen – sehr wohl aber seine rasche Verbreitung. In den letzten zehn Jahren vermehrte sich der Signalkrebs stark – unter anderem auch in der Ybbs. „Man kann mittlerweile von einer wahren Signalkrebsdurchdringung der Ybbs sprechen. Der Krebs ist mittlerweile auch in Unterläufen der Ybbs zu finden, wo er vor zehn Jahren noch kaum vorkam“, sagt der Obmann des Vereins „Rettet die Ybbs-Äsche“ Leo Hochpöchler.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Während heimische Krebsarten wie der Stein-, der Edel- oder der Kamperkrebs es bevorzugen, im selben Gewässer zu bleiben, wandert der Signalkrebs von Gewässer zu Gewässer. „Wenn ein heimischer Krebs mit der Krebspest infiziert ist, verbreitet er den Pilz also nicht weiter. Er bleibt in seinem Gewässer und verendet dort. Der Signalkrebs wandert aber stark und hat in seinem Reisegepäck die Krebspest, mit der er heimische Krebse zugrunde richtet“, erklärt Hochpöchler.

„Wir bemerken momentan eine Verschiebung der Zonen, wo Wassertiere vorkommen. Diese Entwicklung geht rasend schnell voran.“Leo Hochpöchler, Vereinsobmann „Rettet die Ybbs-Äsche“

Bei der raschen Verbreitung des Signalkrebses und dem Aussterben der heimischen Krebsarten spielt der Klimawandel keine unwesentliche Rolle. „Durch die wärmeren Temperaturen steigt auch die Wassertemperatur der Ybbs. In den letzten 20 Jahren ist das Wasser um fast zwei Grad wärmer geworden – zur Freude der Badegäste, zum Leid der Ybbsbewohner“, erklärt Leo Hochpöchler.

Sehr darunter leiden, neben Bachforelle und Ybbsäsche, auch Stein- und Edelkrebse. Diese Krebsarten lieben kaltes Wasser und sind gezwungen, durch die immer wärmer werdenden Temperaturen weiter flussaufwärts zu wandern.

Natürlich stresst das die heimischen Krebsarten und schwächt ihr Immunsystem – sie sind somit noch anfälliger für die Krebspest, die genauso wie der Signalkrebs mittlerweile die heimischen Gewässer durchdringt. „Wir bemerken momentan eine Verschiebung der Zonen, wo Fische und auch Krebse vorkommen“, sagt Hochpöchler. „Tiere, die eher das kühle Wasser lieben, drücken flussaufwärts. Das Problem ist, dass wir da nicht über einen Zeitraum von 50, 60 Jahren sprechen, sondern dass das rasend schnell innerhalb von wenigen Jahren geht.“

„Fischaufstiegshilfen fördern Verbreitung“

Der Fischereiaufseher in Opponitz, Franz Rosenberger, sieht eine weitere Schuld für die rasche Verbreitung des Signalkrebses in den Fischaufstiegshilfen. Die E-Kraftwerke stellen mit den integrierten Aufstiegshilfen keine Barriere für die Verbreitung des Signalkrebses dar. „Der Fund eines Signalkrebses im Oberlauf der Ybbs ist für mich ein Zeichen, dass die Fischaufstiegshilfen an den Kraftwerken zwar funktionieren, aber durch diese auch der Signalkrebs ungehindert aufsteigen kann“, sagt Rosenberger.

Zu den Signalkrebsen und dem Aussterben der heimischen Krebse kommen auch Fischarten, die aufgrund der Klimaerwärmung flussaufwärts wandern. „Alles in allem kommt in Verbindung mit der Erwärmung der Ybbs das ökologische Gleichgewicht außer Balance“, sagt Rosenberger. Er schlägt auch eine Lösung vor: „Es bedarf in den Kraftwerken auch einer Abstiegshilfe für die Wassertiere.“

„Alles in allem kommt zusammen mit der Erwärmung der Ybbs das ökologische Gleichgewicht außer Balance.“Fischereiaufseher Franz Rosenberger, Opponitz

Nicht nur im Oberen Ybbstal, auch in Waidhofen und im Vorderen Ybbstal sind vermehrt Signalkrebse zu finden. Im Revier der Petri-Jünger Waidhofen etwa, das sich von der Stadtwehr in Waidhofen bis zum Gerstlwerk vor Bruckbach erstreckt, haben die Signalkrebse sogar schon die kleinen Bäche neben der Ybbs wie den Url- und den Nellingbach oder den Luegergraben erreicht. „Der heimische Flusskrebs ist nur noch in den kleinen Nebengerinnen von Bächen zu finden“, sagt Obmann Peter Prinix.

Der Fischpopulation schaden die Signalkrebse zum Glück nicht. Gefangen werden die Krebse von den Petri-Jüngern derzeit aber noch nicht. „Wir müssen erst mit dem Landesfischereiverband NÖ abklären, wie wir da am besten vorgehen können“, sagt Prinix.

Landesfischermeister Karl Gravogel meint, dass der Signalkrebs in NÖ zwar von Fischern entfernt werde, man der „Flut von Signalkrebsen“ aber nicht Herr werde. Dennoch appelliert er an alle Fischer, sich mit dem Fang des Signalkrebses auseinanderzusetzen. „Dadurch könnte man die Verbreitung zumindest zu einem gewissen Prozentsatz im Zaum halten“, sagt Gravogel.

Und auch Leo Hochpöchler rät: „Wenn man einen Signalkrebs sieht, fängt man ihn am besten aus der Ybbs. Sie sind kulinarisch eine Delikatesse.“