Soogut-Markt Waidhofen/Ybbs: Ein Ort der Solidarität

Erstellt am 17. Mai 2022 | 20:00
Lesezeit: 4 Min
440_0008_8354599_ybb20darueber_soogut_selcan_ates_und_th.jpg
Selcan Ates und Thomas Melchus (von links) bewältigen den Ansturm kurz nach Geschäftsöffnung.
Foto: Musa-Rois
Menschen mit geringem Einkommen spüren die Teuerungswelle merklich.
Werbung
Anzeige

Kurz nach 9 Uhr am Dienstag, 10. Mai, ist die soogut-Verkaufsstelle in der Ybbsitzer Straße in Waidhofen bereits gut besucht. Selcan Ates, stellvertretende Marktleiterin in Amstetten und heute Vertretung für Geschäftsführerin Brigitte Schröckelsberger, sowie der ehrenamtliche Mitarbeiter Thomas Melchus haben alle Hände voll zu tun, den Ansturm zu bewältigen. Dennoch finden sie die Zeit, mit der Kundschaft zu plaudern, Fragen zum Sortiment zu beantworten und bei Bedarf beim Einpacken zu helfen.

Für den Einkauf in soogut-Märkten wird ein Einkaufspass benötigt, den man beantragen kann, wenn man unter einer bestimmten Einkommensgrenze verdient (siehe Info-Box). Asylwerber, für die es kaum Möglichkeiten gibt, Geld zu verdienen, sind ein Teil der Kundschaft, aber auch viele Menschen mit österreichischer Staatsbürgerschaft sind froh, hier günstig Lebensmittel erstehen zu können. Oft ist eine Erkrankung oder ein Unfall der Auslöser dafür, dass das Einkommen nicht mehr so gut ausreicht. Auch alleinerziehende Personen bzw. Menschen mit geringen Pensionen oder in prekären Arbeitsverhältnissen können sehr leicht unter diese Einkommensgrenzen fallen. Dennoch bedeutet es für viele anfänglich eine große Überwindung, Einrichtungen wie die soogut-Märkte anzunehmen, da dies für manche Teile der Gesellschaft mit einem sozialen Stigma verbunden ist.

Alleinerziehende fallen oft unter Einkommensgrenze

Eine Kundin, die anonym bleiben möchte, berichtet, dass sie vier Anläufe brauchte, um das erste Mal das Geschäft zu betreten, da sie beim ersten Versuch gehört hatte, wie ein Passant sich abfällig über die Kundschaft äußerte. Heute möchte sie das Angebot aber nicht mehr missen: „Ich bin sehr froh, dass ich hier beim soogut-Markt einkaufen kann, weil ich wüsste nicht, wie es sonst weitergehen sollte. Meine drei Kinder sind jetzt wieder zu mir gezogen, weil für sie auch alles nicht mehr leistbar ist, so können wir die Energiekosten durch vier Leute teilen. Meine Tochter kann zum Beispiel nur 20 Stunden arbeiten gehen, weil sie ein kleines Kind hat. Somit ist sie gezwungen, bei mir zu leben, und wir teilen uns halt die Stromkosten.“

Eine weitere Kundin, die ebenfalls anonym bleiben möchte, erzählt, dass sie aufgrund eines Unfalls in die Situation gekommen ist, dass das Einkommen nicht mehr so gut ausreicht. Sie betrachtet die aktuelle Teuerungswelle mit Sorge: „Man merkt, dass das Geld immer weniger wird, es gibt auch nicht so viele Produkte wie sonst im soogut-Markt. Ich bin eigentlich ein sehr positiver Mensch, aber ich fürchte, dass keine guten Zeiten auf uns zukommen. Ich merke, dass ich meinen Gürtel immer enger schnallen muss. Mir persönlich macht das nicht so viel aus, ich bin das schon gewohnt und ich bin in meiner Familie gut aufgehoben. Es sollten aber alle Menschen die Möglichkeit haben gut auszukommen, egal woher sie kommen.“

Eine dritte Kundin (ebenfalls anonym) spricht an, dass eine Umstellung auf alternative Energieformen für Privathaushalte baulich wie finanziell oft sehr schwer tragbar ist: „Ich habe schon Angst davor, Heizöl zu bestellen! Ich würde zwar gerne auf eine Pelletheizung umstellen, das ist für mich aber unmöglich, da auch gar kein Platz dafür wäre.“

Für viele Menschen ist der soogut-Markt nicht nur eine Möglichkeit, relativ günstig Lebensmittel einzukaufen, sondern auch ein Ort, wo sie Solidarität erfahren und soziale Kontakte pflegen. In Zeiten von großen Fluchtbewegungen sowie einer immer weiter auseinandergehenden sozialen Schere werden solche Einrichtungen wohl auch in Zukunft unverzichtbar bleiben.

Weiterlesen nach der Werbung

Umfrage beendet

  • Alles wird teurer: Müsst auch ihr auf etwas verzichten?