Wirbel um „Maistrich“: Mehrzweckstreifen aufgemalt. Eigenmächtig aufgebracher Mehrzweckstreifen im Redtenbach polarisiert.

Von Andreas Kössl. Erstellt am 20. Mai 2020 (04:34)
Mittlerweile ist der Mehrzweckstreifen, den Radaktivisten rund um den 1. Mai auf der Redtenbachstraße aufgebracht haben, entfernt worden. Eine Anzeige gegen Unbekannt wurde eingebracht. Die Aktivisten stehen zu ihrer Aktion.
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Für große Aufregung sorgte zuletzt ein eigenhändig angebrachter Mehrzweckstreifen, den unbekannte Aktivisten Ende April im Zuge einer „Maistrich-Aktion“ in der Redtenbachstraße aufgetragen haben. Damit sollte der Wunsch nach einer durchgängigen, sicheren Radweganbindung der Bachwirtsiedlung an die Waidhofner Innenstadt untermauert werden. Der Radweg, welcher derzeit im Zuge der Sanierung der Landesstraße hier errichtet wird, verläuft nämlich nur zwischen der Siedlung und dem Haus „Forsterbach“. Die NÖN berichtete.

Die Aktion sorgte für zahlreiche Reaktionen. So meldete sich etwa der geschäftsführende Obmann der Sportunion Waidhofen, Christoph Böck, zu Wort. „Ich persönlich bin der Meinung, dass das Radnetz und auch das Mountainbike-Netz in Waidhofen noch viel schneller und besser ausgebaut werden sollte“, sagt Böck. „Es ist an der Zeit, die Aufmerksamkeit weg vom Autoverkehr hin zum Radverkehr und zu Gehwegen zu richten.“

Der angeregte Mehrzweckstreifen in der Bachwirtsiedlung ist für Böck die kostengünstigste Lösung. Er verweist auf die Purkersdorfer Straße in St. Pölten, wo trotz Tempo 50 ein Mehrzweckstreifen angebracht wurde. Sollte die Fahrbahnbreite im Redtenbach dies nicht zulassen, so müsse man diese eben ein wenig verbreitern, meint Böck.

„Wir haben diese regionale Tradition der Maistriche neu interpretiert und stehen vollkommen hinter der Aktion.“„Maistrich“-Aktionisten

Neben Sympathiebekundungen (hagelte es aber auch Kritik an der „Maistrich“-Aktion. Wenig begeistert darüber zeigte sich Bürgermeister Werner Krammer (WVP). Ein Mehrzweckstreifen sei hier nach den Richtlinien und Vorschriften für das Straßenwesen (RVS) aufgrund der Straßenbreite nicht möglich, sagt er. „Dass man nun meint: ‚Just do it‘ und damit so tut, als sei die Stadt säumig, weil man die Markierung doch bloß aufmalen müsse, ärgert mich.“

Die Stadt sei bestrebt, alles zu tun, was den Radverkehr fördere, hält Krammer fest und verweist auf die Ybbsitzer Straße, wo Radfahrer nun schon seit einiger Zeit gegen die Einbahn radeln dürfen. „Wir sind dabei, ein Radgrundnetz in der Stadt zu errichten. Auch am Radweg im Redtenbach arbeiten wir selbstverständlich weiter“, sagt der Stadtchef. „Es wird hier trotz Corona und den damit verbundenen finanziellen Einbußen zu keinen Verzögerungen kommen.“

Auch Verkehrsstadtrat Erich Leonhartsberger (SPÖ) kann dem Aktivismus im Redtenbach wenig abgewinnen. „Ich bin nur froh, dass aufgrund dieser Aktion nichts passiert ist“, sagt er. „Wir machen in Waidhofen wirklich viel für den Radverkehr. Solche Aktionen halte ich aber für kontraproduktiv.“ Für einen Mehrzweckstreifen gebe es im Redtenbach rechtlich keine Möglichkeit, meint auch der Verkehrsstadtrat. Außerdem sei das hier keine passende Lösung. „Für Kinder und ältere Personen, die nicht so sicher auf dem Rad unterwegs sind, braucht es eine sichere Lösung“, sagt Leonhartsberger. Derzeit würden verschiedene Varianten für einen eigenen Radweg auf dem letzten verbleibenden Stück im Redtenbach geprüft. Jede Radwegplanung brauche aber eine gewisse Vorlaufzeit, hält Leonhartsberger fest. „Zuerst muss man prüfen, welche Varianten technisch möglich sind, und dann sind die Gespräche mit den Grundbesitzern zu führen.“

Die Radlobby Waidhofen wiederum kann einem Mehrzweckstreifen im Redtenbach einiges abgewinnen. „Nach eingehender Analyse sind wir zu dem Schluss gekommen, dass hier mit gutem Willen auch nach den RVS ein Mehrzweckstreifen machbar ist“, sagt Radlobby-Vertreter Gunnar Scholz. „Im Sinne der Bürger und der Umwelt hoffen wir auf einen positiven Schwenk seitens der Stadt.“

Anzeige gegen Aktivisten eingebracht

Vergangene Woche wurde der eigenmächtig angebrachte Mehrzweckstreifen auf Anordnung des Magistrats Waidhofen wieder entfernt. Da mit der Entfernung Kosten verbunden sind, wurde seitens der Straßenmeisterei eine Anzeige gegen die Aktivisten eingebracht.

Auf Nachfrage der NÖN melden sich nun die Aktivisten nochmals zu Wort. Man habe mit der „Maistrich“-Aktion einen ernsthaften Lösungsvorschlag für eine sichere Radverkehrsanbindung in die Stadt skizzenhaft sichtbar machen wollen, heißt es. „Auf dieser Strecke der Redtenbachlandesstraße gab es in den letzten Jahren mehrmals Maistrichaktionen. Auch dieses Jahr sind die Kalkstriche, die wir in zeitlicher Nähe zum 1. Mai aufgebracht haben, durch Regen und Abrieb schnell wieder verblasst. Wir haben diese regionale Tradition der Maistriche neu interpretiert und stehen vollkommen hinter der Aktion.“

Die breite Unterstützung zeige, dass man einen Nerv getroffen habe, heißt es weiter. Wenn die Aktion auch auf Unverständnis und Ablehnung stoße, so zeige ein Blick in die Geschichte, dass Akteure, die sich für gesellschaftliche Veränderungen einsetzten, häufig mit Gegenwind konfrontiert seien. „In zehn bis 15 Jahren wird der Radweg in die Bachwirtsiedlung selbstverständlich geworden sein“, meinen die Aktivisten. „Rückblickend wird es schwer vorstellbar sein, dass es im Jahr 2020 noch möglich war, jene zu kriminalisieren, die sich mit gewaltlosen, kreativen Aktionen für die schnelle Umsetzung eines sicheren Radverkehrs einsetzten. Zivilgesellschaftliche Aktionen haben einen Wert und können etwas bewirken, weil sie oft den Anstoß für notwendige Veränderungen geben, sind sie Teil einer lebendigen Demokratie.“