Gerhard Lueger: „Investition für nächste Generation“. Der Ybbsitzer Bürgermeister Gerhard Lueger (ÖVP) über die Coronakrise und seine Zeit in Quarantäne sowie zentrale Projekte wie Hochwasserschutz und Kraftwerksbau.

Von Andreas Kössl. Erstellt am 19. Juni 2020 (04:17)
Eine Woche verbrachte der Ybbsitzer Bürgermeister Gerhard Lueger in Quarantäne. Ein durchgeführter Test war zum Glück negativ. Sieben Tage fast allein zu Hause seien aber keine Dauerlösung, meint der Ortschef. 
Kössl

NÖN: Sie sind im Jänner zum ersten Mal als Spitzenkandidat in eine Gemeinderatswahl gegangen. Dabei konnten Sie die bisherigen 16 ÖVP-Mandate halten. Sind Sie zufrieden?

Bürgermeister Gerhard Lueger: Natürlich muss man, wenn man zum ersten Mal als Spitzenkandidat antritt, einmal schauen, wo man steht. Da hat es mich einerseits natürlich gefreut, dass wir die Mandate halten und unsere Zweidrittelmehrheit sichern konnten. Andererseits haben wir 0,4 Prozent der Stimmen verloren. Das ist zwar nicht viel, aber natürlich hätte ich mir ein kleines Plus gewünscht.

„Man muss bei den Vorhaben jetzt etwas mit Vorsicht agieren. Aber was am Laufen ist, läuft.“

Bürgermeister Gerhard Lueger

Kurz nach der Wahl ist dann die Coronakrise hereingebrochen. Wie hat man diese Herausforderung in der Gemeinde gemeistert?

Lueger: Wir konnten trotz Beschränkungen alles, was zur Aufrechterhaltung des Versorgungsbetriebes notwendig war, bewerkstelligen. Außerdem haben wir mit unserem Spar-Markt und den Hausärzten einen Liefer- und Zustellservice installiert, der auch gerne angenommen wurde. Das Miteinander hat in Ybbsitz sehr gut funktioniert. Wer Hilfe gebraucht hat, hat auch Hilfe bekommen.

Sie waren auch persönlich von der Coronakrise betroffen und mussten in Quarantäne. Wie ist es Ihnen da als Ortschef ergangen, der einerseits für die Gemeinde verantwortlich ist, sich aber andererseits abschotten muss?

Lueger: Ich war eine Woche zu Hause – normalerweise sind es ja 14 Tage, aber in den ersten Tagen habe ich noch nicht gewusst, dass ich in Quarantäne muss. In der Quarantäne ist man schon eingeschränkt. Natürlich hat man ein Handy und einen Laptop und kann im Homeoffice arbeiten, aber der Kontakt zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fehlt. Der ist nur telefonisch erfolgt. Wenn man nicht raus darf, ist das schon eine komische Situation. Ich hatte ja auch zu Hause nur mit den engsten Familienmitgliedern Kontakt. Das war einfach notwendig. Zum Glück war der Test bei mir dann negativ, aber die sieben Tage, die ich fast alleine zu Hause verbracht habe – das ist keine Dauerlösung.

Der Lockdown in Folge der Covid-19-Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Gemeindefinanzen. Wie wirkt sich das in Ybbsitz auf geplante Projekte aus?

Lueger: Derzeit gibt es nur Pro gnosen, aber man rechnet, dass man über das Jahr bei den Einnahmen aus Kommunalsteuer und Ertragsanteilen einen zehnprozentigen Einbruch hat. Das wären in Ybbsitz 400.000 Euro. Damit wäre der finanzielle Spielraum, den wir gehabt hätten, komplett weg. Bei den Projekten konzentrieren wir uns nun deshalb auf jene, die schon gestartet wurden und bei denen auch die Finanzierung gesichert ist. Gewisse Vorhaben werden wir zurückstellen, weil man einfach noch nicht weiß, was noch kommen wird. Man kann nicht jetzt etwas starten, wenn nächstes Jahr vielleicht die finanzielle Basis komplett fehlen würde. Man muss da jetzt etwas mit Vorsicht agieren. Aber was am Laufen ist, läuft.

Am Laufen ist der Kraftwerksbau „Am Wöhr“. Wie ist hier der Zeitplan?

Lueger: Da wurde nun die Turbine eingebaut und werden beim Kraftwerk selbst nun die ersten Montagearbeiten erfolgen. Geplant ist, dass wir, wenn kein Hochwasser mehr kommt, Ende Juli in Betrieb gehen können. Da könnten wir dann schon unsere gemeindeeigenen Betriebe versorgen und nebenbei den Überschuss ins Netz einspeisen. Die Gemeinde investiert in diese Kraftwerksanlage rund 950.000 Euro. Das ist eine Investition für die nächsten Generationen. Solche Kraftwerke sind ja oft bis zu 100 Jahre in Betrieb, ohne dass man groß etwas wechseln muss.

Ein zweites Projekt, das bereits am Laufen ist, ist das Sporthaus.

Lueger: Da sind wir jetzt so weit, dass das Erdgeschoß demnächst fertiggestellt wird. Dieses Projekt wird ganz stark vom Fußballverein getragen. Da sind sehr viele freiwillige Helfer aus dem Verein aktiv und wie man sieht, es wächst. Wir sind guter Dinge, dass der Rohbau in den nächsten drei, vier Wochen stehen wird und das Haus dann im Frühjahr 2021 in Betrieb genommen werden kann.

Ein großes Projekt in Ybbsitz ist der Hochwasserschutz. Wie weit ist man da?

Lueger: In der Schwemmau ist der erste Teilbereich jetzt abgeschlossen. Vom Freibad bis zum Kraftwerk wird nach dem Ende der Freibadsaison mit der Aufweitung begonnen. Über 900.000 Euro werden hier investiert. In der Prolling soll der Baubeginn beim Geschieberückhaltebecken im Bereich Einödhammer im Sommer starten. Beim Rückhaltebecken Großmoos sind wir bereits in den Endverhandlungen mit den Grundstücksbesitzern. Hier ist der Baubeginn für 2021 vorgesehen. Bei der Schwarzen Ois hat die Planungsphase für den Hochwasserschutz gestartet. Hier geht es auch um die Aussiedlung eines Wohnhauses. Da sind wir auf einem guten Weg. Bis Jahresende sollten wir Klarheit haben. Dieses Projekt ist noch größer als jenes in der Prolling. Beide Projekte sind für uns ganz wichtig. Da viele Projekte unter der Hochwasserproblematik leiden, können wir uns nur so weiterentwickeln – das betrifft den Wohnbau ebenso wie Betriebsansiedelungen.

Welche Wohnprojekte sind in der Gemeinde gerade am Laufen?

Lueger: Wir haben Bauparzellen in der Steinmühle aufgeschlossen. Da entstehen schon die ersten Einfamilienhäuser. Von sechs Parzellen sind bereits fünf verkauft. Das Wohnprojekt im Hafnerhaus hat man, bedingt durch die Coronakrise, etwas zurückgestellt. Hier wäre die Gemeinde als Projektbetreiber dabei. Derzeit können wir aber die finanziellen Mittel dafür nicht einbringen. Das Projekt ist aber nicht gestorben, vielleicht passt es in ein, zwei Jahren.

Zwischen Steinmühle und Schütt soll der Radweg neu verlegt werden. Wie weit ist man da?

Lueger: Da haben wir nun die Zustimmung des Landes, dass dieses Projekt förderungswürdig ist. Wir hoffen aber auch noch auf Bundesfördermittel. Wenn hier Förderzusagen vorliegen, werden wir noch heuer oder im Frühjahr 2021 mit einem Baustart rechnen können.

Waidhofen wird den Radweg bis Gstadt neu auf der linken Ybbsseite verlegen. Eine Anbindung an den Ybbsitzer Radweg über die Eisenbahnbrücke ist dabei im Gespräch. Wie stehen Sie dazu?

Lueger: Bei der Radanbindung an Waidhofen wäre die große Lösung über die alte Eisenbahnbrücke natürlich wünschenswert. Nun ist aber einmal Waidhofen am Zug, den Radweg nach Gstadt zu führen. Dann lautet das gemeinsame Ziel, die Brücke gemeinsam zu bewältigen. Das wäre natürlich ein ganz besonderer Anschluss und für die Waidhofner und die Ybbsitzer der schnellste Weg zwischen den Gemeinden.

Wie schaut es mit dem Radwegausbau Richtung Gresten aus?

Lueger: Dieser ist schwieriger, da die Verfügbarkeit von Grünstreifen hier überall die Zustimmung der privaten Grundbesitzer benötigt. Es bleibt aber natürlich weiterhin das Ziel, bis zum Wieser Kreuz einen Radweg zu schaffen. Dieses Vorhaben ist mit dem Hochwasserschutzausbau zu kombinieren. Da müssen wir uns noch ein bisschen gedulden.

Wie sieht es mit der Belebung des Ortszentrums aus? Kaufen die Leute in Folge der Coronakrise nun wieder verstärkt im Ort?

Lueger: Gerade in der Anfangsphase hat sich das gezeigt, aber auch jetzt merkt man, dass die Leute wieder bewusster im Ort einkaufen. Wir haben ein gutes Angebot, auch wenn wir natürlich nicht alles abdecken können. Es gibt auch immer wieder Initiativen, wie vom Verein Zentrumsbelebung, die Aktivitäten setzen. Das trägt Früchte und ich schaue da positiv in die Zukunft, dass wir unsere Geschäfte und Betriebe im Ort halten und da und dort vielleicht sogar noch ausbauen können.

Wie weit ist man mit dem Glasfaserausbau in Ybbsitz?

Lueger: Im Ortskern und in den Siedlungsgebieten ist der Ausbau schon seit Längerem fertiggestellt. Im ländlichen Bereich haben wir die Prolling und den Bereich Schwarzois erledigt. Jetzt werden gerade im Bereich Zogelsgraben, Oberamt und Hinterer Prochenberg die Glasfaserleitungen eingeblasen. Der weitere Ausbau im ländlichen Bereich ist etwas ins Stocken geraten. Da wird im gesamten Ybbstal die Förderschiene jetzt neu angedacht. Mitte des Jahres sollte es da eine Entscheidung geben. Dann kann wieder weitergebaut werden. Wir werden in Ybbsitz jedes Haus, das sich für einen Glasfaseranschluss angemeldet hat, versorgen. Es wird aber sicher noch drei Jahre dauern, bis wir das letzte Haus mit Glasfaser versorgt haben.

Gibt es für die Ybbsitzer Kinder heuer ein erweitertes Betreuungsangebot in den Ferien?

Lueger: Es wird heuer im Kindergarten eine durchgehende Betreuung in den Sommerferien geben. In der Volksschule bieten wir wieder sechs Wochen eine Ferienbetreuung an.

Wie sieht das gesellschaftliche Leben in Ybbsitz im Sommer aus? Finden Veranstaltungen statt?

Lueger: Leider sind bis Ende August alle Veranstaltungen abgesagt. Mit den geltenden Abstandsregeln tut man sich bei einer Veranstaltung ohne zugewiesene Plätze immens schwer. Aus dem Ferraculum ist nun aber das „Ferraculum connected“ entstanden, das virtuell stattfinden wird. Ein Feuerwehrfest oder Frühschoppen gibt es aber heuer leider nicht.