Zwettler Ratsprotokolle: Schimpfen wie früher

Bei der Präsentation der Zwettler Ratsprotokolle erhielten Besucher Einblicke in die verbalen Entgleisungen des 16. Jh.

Erstellt am 23. Januar 2017 | 14:39
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Edith Kapeller transkribierte die Ratsprotokolle, fachlich betreut von Universitätsprofessor Martin Scheutz (r.), herausgegeben mit Friedel Moll. Bürgermeister Herbert Prinz (l.) empfing zur Präsentation des Werkes im Stadtamt.
Foto: NOEN, Maria Moll

„Ehrloser Mann“, „stolzer, aufgeblasener Esel“ oder „altes Zankeisen“ tönte es am Abend des 20. Jänner aus dem Großen Sitzungssaal des Stadtamtes. Es handelte sich aber nicht um verbale Entgleisungen in einer Sitzung des Gemeinderates. Die Schimpfwörter stammen aus dem zweiten transkribierten Band der Zwettler Ratsprotokolle, zu dessen Präsentation Vizebürgermeister Hannes Prinz zahlreiche Interessierte begrüßte.

Der Direktor des NÖ Landesarchivs Willibald Rosner ermöglichte als Generalsekretär des Vereins für Landeskunde die Drucklegung des Werks. Er bezeichnete in seinen Grußworten das Buch in neuer, ansprechend schöner Erscheinungsform als Beitrag zur Erforschung der Stadtgeschichte, „wo doch die Kunst der Kurrentschrift dem Volk allemal abhanden kommt“.

Edith Kapeller hat die Zwettler Ratsprotokolle 1563 - 1576 transkribiert, ins gut Lesbare für unsere Zeit übertragen und elektronisch gespeichert. „Gesellschaftliches Zusammenleben ohne Konflikte ist unmöglich, heute wohl genauso wenig wie damals“, sagte die Wissenschaftlerin. Injurien – „Ver[ehr]letzungen“ – geschahen durch Schimpfen, Drohen, Tätlichkeiten und Schmähungen in Gestik und Schrift.

Dann musste die persönliche Ehre, ein wichtiger Grundwert für das Erlangen von Besitz und Privilegien, nach Zeugeneinvernahmen vor Richter und Rat verteidigt werden. Und das Ergebnis wurde protokollarisch festgehalten. Kapeller stellte Beispiele aus den 95 im Buch angeführten Injurienprozessen dem Publikum vor – interessant, oftmals auch recht amüsant.

Aus der Geschichte lernen können

Was ein Ratsprotokoll ist, brachte Universitätsprofessor Martin Scheutz den Zuhörern nahe: „Es dient der Sicherung der Rechte, gilt als Friedenswahrung und macht in schriftlicher Form das Handeln der Obrigkeit nachvollziehbar.“ Mit einem Zitat Richard von Weizsäckers unterstrich Bürgermeister Herbert Prinz den Sinn der Beschäftigung mit Geschichte: „Was den Menschen auszeichnet ist nicht, dass er Geschichte hat, sondern dass er etwas von seiner Geschichte begreift.“.

Den schönen Rahmen mit Musik aus der Zeit schufen Gabriele Kramer-Webinger und Vaclav Curda.

„Die Zwettler Ratsprotokolle 1563 - 1576, mit einer Darstellung der städtischen Ehrenkonflikte im 16. und 17. Jahrhundert“, 408 Seiten, 24 ; zu bestellen beim Verein für Landeskunde, St. Pölten.