Ärger und Flaute bei Wind

Zwischen Gegnern und Befürwortern entbrannte Streit. Im Bezirk Zwettl herrscht „Windstille“ bei Projekten.

Erstellt am 24. Februar 2019 | 04:00
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Windrad Windenergie Symbolbild
Die vier modernen Windräder wären rund 220 Meter hoch und könnten alle Haushalte der drei Gemeinden Enzersfeld, Hagenbrunn und Gerasdorf mit Strom versorgen. 
Foto: Shutterstock/J.M. Image Factory

Heftig flammt derzeit wieder die Diskussion rund um die Windkraft im Waldviertel auf. Die IG Waldviertel startete eine neue Offensive. Für sie sind heimische Wälder als Standorte für die Errichtung von Windkraftanlagen ungeeignet. In der IG Waldviertel haben sich acht Bürgerinitiativen aus dem gesamten Waldviertel zusammen geschlossen.

Unverständlich für die IG Waldviertel ist, dass sich die im Waldviertel geplanten Windparks fast ausschließlich in Waldstandorten befinden, die seltene Tierarten beherbergen und „zu deren Schutz sich Österreich in internationalen Abkommen verpflichtet“ habe, wie Sprecher Jimmy Moser meint. Ziehe man den Natur- und Artenschutz heran, dürfte im Waldviertel kein einziges Windparkprojekt umgesetzt werden. „Dass die Genehmigungsverfahren dennoch vorangetrieben werden, ist ein umweltpolitischer Skandal“, sagt Moser.

Neben der Gefährdung der Biodiversität führt die IG Waldviertel weitere Gründe (Wälder als Kohlenstoff-Speicher, Störung des Wasserhaushalts und Verminderung der Hochwasserschutzwirkung durch die Schaffung von Beton-Fundamenten, damit einhergehend Ausweitung des Borkenkäferbefalls und Gefahr von Waldbränden, ...) gegen Windparks im Waldviertel an. Neben den ökologischen gebe es auch ökonomische Gründe, die gegen Windprojekte im Waldviertel sprechen.

Denn: „Die geplanten Standorte befinden sich in windschwachen Regionen. Wenn man diese Standorte fördert, kommt das einer Verschwendung öffentlicher Gelder gleich“, sagt Moser. Als sinnvolle Alternative zu den Standorten im windarmen Waldviertel solle man auf das „Repowering“ – das Ersetzen veralteter Windkraftanlagen – in windstarken Gebieten etwa im Osten Niederösterreichs oder im Burgenland setzen.

Befürworter und Gegner berufen sich auf Studien

Bestätigt in ihrem Bemühen fühlt sich die IG Waldviertel durch eine Umfrage, die von der deutschen Wildtierstiftung beauftragt wurde. Die Studie zeige, dass eine Mehrheit von 80 Prozent der Bevölkerung gegen Windkraftanlagen in Waldstandorten sei. Eine Boku-Studie zu „Energie im Tourismus“ zeige zudem, dass Windkraft die am wenigsten geschätzte Quelle erneuerbarer Energie sei. Die Bevölkerung erkenne den Wert der Wälder für den Natur- und Klimaschutz und sehe in den Projekten eine Gefahr für den Wirtschafts- und Tourismus-Standort.

Die IG Windkraft führt indes andere Umfragen ins Treffen, die genau das Gegenteil behaupten. „Mehrjährige, repräsentative Umfragen von anerkannten österreichischen Meinungsforschungsinstituten zeigen eines sehr deutlich: Die Zustimmung zur Windkraft hat in den letzten Jahren tendenziell zugenommen, auch im Waldviertel“, sagt IG Windkraft-Geschäftsführer Stefan Moidl. Die österreichische Bevölkerung stehe sehr stark hinter dem Windkraftausbau, so Moidl. Seit 2011 lasse die IG Windkraft in regelmäßigen Abständen repräsentative Umfragen zur Akzeptanz der Windkraft in Österreich durchführen. Bei der aktuellen Umfrage befürworteten 87 Prozent der niederösterreichischen Bevölkerung den weiteren Ausbau der Windkraft, auch im Waldviertel.

Viele Beispiele für Windkraft und Wald

Auch EVN-Pressesprecher Stefan Zach versteht die Aufregung seitens der IG Waldviertel nicht. „Windkraft und Wald schließen einander nicht zwangsläufig aus. Das zeigen viele Beispiele“, sagt Zach. Außerdem würden die Projekte seitens der Behörde in strengen Verfahren genauestens überprüft. Die NÖN hat sich angeschaut, wie es um die im Bezirk Zwettl geplanten Windparks steht:

Windpark Wild: Hier plant die EVN gemeinsam mit der in Pfaffenschlag ansässigen Firma W.E.B in den Gemeinden Göpfritz/Wild (1 Windrad), Brunn an der Wild (7) und Ludweis-Aigen (2) insgesamt zehn Windkraftanlagen mit einer Leistung von 35,7 Megawatt zu errichten. Hier soll laut Zach Ökostrom für 30.000 Haushalte produziert werden. Im Dezember 2018 wurden die Unterlagen zur Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) eingereicht, derzeit läuft die Behördenprüfung. 2019 soll die UVP durchgeführt werden, bestätigt Vizebürgermeister Werner Scheidl. Sollte diese positiv ausfallen, möchte er die Bürger über das Projekt abstimmen lassen. „Sollte die Mehrheit dagegen sein, wird es im Windpark Wild neun statt zehn Windräder geben. Ich glaube aber, dass es genug Zuspruch gibt“, so Scheidl.

Windpark Grafenschlag: Für die vier geplanten Windräder in Grafenschlag liegen seit Ende 2016 die rechtskräftigen Genehmigungen vor, bestätigt Beate Zöchmeister, Pressesprecherin der W.E.B. Sämtliche Einsprüche in den Verfahren wurden von den zuständigen Gerichten zwischenzeitlich abgewiesen. Derzeit wartet die W.E.B für dieses Projekt auf die Zuerkennung der Förderung, erst danach könne ein Baubeginn festgelegt werden.

Großgöttfritz: Aus dem ursprünglich geplanten Windpark Großgöttfritz dürfte nichts werden. „Es ist derzeit kein Windrad geplant“, bestätigt Bürgermeister Johann Hofbauer auf Nachfrage. Auch auf Nachfrage bei der W.E.B. heißt es, man arbeite aktuell nur an den Windparks Grafenschlag und Wild.

Sallingberg: In Sallingberg ist noch keine Entscheidung über die sechs geplanten Anlagen gefallen. Die Zonierung ist genehmigt, sonst steht das Projekt, so Bürgermeister Leopold Bock.
Zuletzt hatte die Bürgerinitiative „Unser Lebensmittelpunkt“ gegen den Bescheid der NÖ Landesregierung betreffend Errichtungs- und Betriebsgenehmigung nach dem NÖ Elektrizitätswesen- und Starkstromwegegesetz Beschwerde beim Landesverwaltungsgericht erhoben.

Leopold Bock spricht sich aber klar für die Windkraft aus. „Es wäre einerseits eine gute Einkommensquelle, andererseits ist Windkraft zukunftsorientiert. Es wäre gut, wenn hier etwas weitergehen würde.“ Mindestens 80 Prozent der Sallingberger Bevölkerung sind ebenfalls für die Umsetzung, so Bock.